Südwestfalens Seniorenstadt

Bad Sassendorf – Wie Jugendliche in Methusalem-City leben

Marcel Hennig spielt im Jugendzentrum in Bad Sassendorf Billard.

Foto: Lukas Schulze

Marcel Hennig spielt im Jugendzentrum in Bad Sassendorf Billard.

Bad Sassendorf.   Bad Sassendorf ist mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren älteste Gemeinde in NRW. Wie ist es für Junge, in einem Seniorenheim zu wohnen?

Rollatoren kreuzen sich mit Krücken im Kurpark. Prächtig blühende Kirschbäume bilden die Leitplanken. Wer Vorfahrt hat? Die Frage stellt sich nicht. Wer im Schneckentempo unterwegs ist, der will nur ankommen. Die einen verlässt im Alter schleichend die Lebenskraft, die anderen versuchen frisch operiert mit neuer Hüfte im Alter wieder auf die Beine zu kommen. Das Leben spielt sich hier in Zeitlupe ab.

Bad Sassendorf, Kreis Soest, liegt im Alters-Atlas der Republik vorne. Durchschnittsalter der Einwohner: 50 Jahre. Nirgendwo in NRW sind die Menschen älter. Was macht das mit dem Nachwuchs? Der Anteil der unter 19-Jährigen in der Bevölkerung bedeutet mit 15,3 Prozent landesweit ebenfalls einen Minusrekord.

Wie ist es, böse gefragt, als Kind in einem Altersheim auf die Welt zu kommen? „Ich bin hier aufgewachsen und habe hier immer gerne gewohnt“ , sagt Maren Bach, „und die vielen Senioren im Stadtbild haben mich nie gestört. Auch habe ich das nicht als negativ empfunden.“ Die 29-jährige Rehabilitationspädagogin ist in Bad Sassendorf aufgewachsen, wohnt jetzt in Soest. Selbst die letzten jungen Menschen ziehen also aus Bad Sassendorf weg? „Nein“, sie lacht, „das hat sich aus privaten Gründen eben so ergeben.“

Jugendzentrum als Anlaufstelle

Mit ihr an der Seite organisiert Mareike Schöbel, seit fast sechs Jahren Leiterin des kommunalen Jugendzentrums, ein buntes Programm für 11- bis 27-jährige Mädchen und Jungen. Nächstes Projekt: Trendige Accessoires mit Nagellackresten. Seien es Ringe, Anhänger oder Haarschmuck.

Wichtiger noch als Angebote vielfältiger Art, vom Mixen alkoholfreier Cocktails bis zum Dart-Turnier, ist für die Jugendlichen die Einrichtung als Anlaufstelle. „Wir sind für viele der Ansprechpartner. Nicht jeder hat ein Zuhause, wo sich Eltern um die Anliegen der Kinder kümmern.“

Die Frauen helfen bei Bewerbungen, bei Schwierigkeiten in der Schule, bei der Kündigung des Handy-Vertrages, klären in Sachen Sexualität und Drogen auf. „Persönlichen Kontakt kann man nicht ersetzen“, sagt Mareike Schöbel. „Hier ist jemand, hier darf der Besucher schlichtweg sein. Ein offener Treffpunkt.“

"Die Gemeinde macht viel möglich"

Das Haus steht allen offen. 25 bis 30 Jugendliche kommen regelmäßig. Hier wird betreut am PC gespielt, „eine Stunde ist das Limit“, eine Runde Billard, Tischtennis, Dart oder Fußball draußen vor der Tür sind möglich. „Wer will, hängt aber nur ab. Es ist wie ein Wohnzimmer für die Besucher.“ Ob es schlimm ist, als junger Mensch in Bad Sassendorf zu leben? Die 38-Jährige: „Das sehe ich nicht. Die Gemeinde macht viel möglich. Mehr als anderswo.“ Dem stimmt Marcel Hennig zu.

Der 24-Jährige gehört zum Urgestein des Hauses. „Hier fühle ich mich wohl.“ Er will in Bad Sassendorf bleiben. „Am Ende lebe ich vielleicht in einem Seniorenheim.“ Er hat wie viele keine Berührungsängste. Nicht zuletzt gibt es in Zusammenarbeit mit der Ehrenamtsbörse des Seniorenkreises im Ort Möglichkeiten, den Alten zu helfen, sei es beim Rasenschneiden.

Auch Sven Koslowski, 16 Jahre alt, will für immer bleiben. „Ja, hier ist es schön und ruhig, hier kenne ich alle Leute.“ Der Schüler ist auch in der Jugendfeuerwehr engagiert. Sie ist in Bad Sassendorf neben dem Turn- und Spielverein (TuS) Sassendorf eine weitere Adresse für die Jugendlichen. Ob er Angst vor dem Alter hat? „Keine Ahnung.“ Die Frage kommt für ihn zu früh.

Hoher Anteil Hochbetagter

Angst vor dem Alter hat Bürgermeister Malte Dahlhoff nicht. Er weiß, wo er als Senior leben will. Der Christdemokrat: „Keine Frage, ich will hier alt werden.“ Als Bürgermeister von Methusalem City, so der Name für Bad Sassendorf, der dem 40-Jährigen immer wieder um die Ohren fliegt, unternimmt er alles, das Image einer Seniorenstadt abzulegen.

„Wir begreifen uns als Mehrgenerationenort. Das Zusammenspiel von Alt und Jung zählt. Dahlhoff weiß warum: „Der Anteil der Hochbetagten, die über 80 Jahre alt sind, ist bei uns heute schon so hoch, wie er in Deutschland im Jahr 2040 sein wird.“ Es werde alles unternommen, um die Alten in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. „Wer vereinsamt, verliert die Lebenslust. Unser Mehrgenerationenhaus ist ein Baustein dazu.“ Ein Ort, wo Rollatoren und Fahrräder parken.

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