SERIE: ALTER, WAS GEHT

Depression im Alter: So lebt Irmgard S. mit der Krankheit

18 Prozent aller Senioren leiden Schätzungen nach an Depressionen. Betroffene offen ansprechen sei wichtig, um Ängste vor der Krankheit abzubauen.

Foto: bowie15

18 Prozent aller Senioren leiden Schätzungen nach an Depressionen. Betroffene offen ansprechen sei wichtig, um Ängste vor der Krankheit abzubauen. Foto: bowie15

Menden/Hemer.   Fast jeder fünfte Senior leidet an Depressionen. Irmgard S. ist eine davon und erzählt, was ihr half und wieso Hoffnung eine große Rolle spielt.

Für Irmgard S. aus dem Siegerland löste sich der Alltag komplett auf. Schwere Depression. Am Schluss fehlte der 70-Jährigen der Antrieb, aus dem Bett zu steigen. Sie starrte regungslos die Decke an. Mitten am Tag. Stundenlang. Ihre Gedanken kreisten unentwegt durch den Raum. Leere. Trauer. Einsamkeit. Kälte. „Heute“, erzählt die ehemalige Geschäftsfrau, der es ein Anliegen war, mit dieser Zeitung zu sprechen, „geht es mir viel besser.“ Sie will anderen Senioren Mut machen, sich rechtzeitig helfen zu lassen.

Der Siegerländerin sieht der Reporter nicht an, wie sehr die Depression ihr zugesetzt hat. Schnelles Handeln sei der Grund dafür, dass es wieder aufwärts ging. Und das habe sie einer Freundin zu verdanken. Die riet ihr, einen Psychologen aufzusuchen. In der Station der Gerontoneuropsychiatrie der Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer sei sie wieder im Leben angekommen.

Eine gute Freundin

Die Ansprache der Psychologen, die Tag und Nacht für sie da waren, die sichtbaren Erfolge bei anderen Patienten und der „ganzheitliche Plan“, wie sie die miteinander verzahnten Therapieangebote bezeichnet, hätten sie wieder auf den rechten Weg gebracht. „Früher als gedacht“, sagt die Seniorin. Ergo-, Musik-, Bewegungs-, Gruppen-Therapie, Einzelgespräche, Medikamente. Vier Wochen hat sie in der Abteilung verbracht. „Noch zwei Tage, dann reise ich zurück nach Hause.“

Energiegeladen, so würden Außenstehende Irmgard S. bezeichnen. Eine echte Dame, die auf ihr Äußeres wert legt. „Mit drei Männern, darunter meine beiden Söhne, unter einem Dach, da wird man eine starke Persönlichkeit“, erzählt sie. Über das einschneidende Erlebnis in ihrem Leben kann die 70-Jährige mittlerweile reden: 2017 brach ihr Mann bei einem Waldspaziergang zusammen. „Von einem auf den anderen Tag, nach 42 Ehe-Jahren, musste ich mich um einen Pflegeplatz kümmern.“

Die Winter-Dunkelheit

Monat für Monat versuchte Irmgard S. die „Zähne zusammenzubeißen“ und „durchzukommen“. Das Weihnachtsfest, die Dunkelheit im Winter rissen sie in „ein tiefes Loch“. „Ich war unendlich traurig, niedergeschlagen. Man merkt, dass der Körper damit nicht mehr fertig wird.“ Nach zwei Wochen „absoluter Antriebslosigkeit“ habe sie dann auf den Rat ihrer Freundin gehört.

Für Volker Wippermann (60), Chefarzt der Abteilung Geronto-neuropsychiatrie der Hans-Prinzhorn-Klinik, ist Depression im Alter eines der großen Medizin-Themen unserer Zeit. Die Zahl depressiver Senioren nehme zu.

Depressionen werden nicht vererbt

Depressionen, erklärt der Mediziner aus Menden, hätten selten einen monokausalen Zusammenhang. „Man kennt belastende Faktoren, ob die allerdings zur Depression führen, weiß man nicht ganz genau.“ Fest stehe: Depressionen würden nicht vererbt. „Allerdings gibt es Familien, in denen es häufiger vorkommt.“ Das hänge aber eher mit dem vererbten schwachen Nervenkostüm zusammen. Oft seien es Verlusterlebnisse, die zu Depressionen mit unterschiedlichsten Schweregraden führten: „Wenn Angehörige sterben, auf das eigene Gedächtnis immer weniger Verlass ist, können Menschen ihren Lebensmut verlieren.“

In einer der speziellen Abteilungen, die Wippermann leitet, werden ausschließlich depressive Senioren behandelt. Senioren wie Irmgard S. „Unser Ziel ist es, den Patienten zur Einsicht gelangen zu lassen, dass es eine Erkrankung ist, aus der wir ihn herausholen können, dass wir das bei anderen auch schon geschafft haben.“ Es gehe darum, Menschen wieder Hoffnung zu geben. Anhaltende Hoffnungslosigkeit verkürze nachweislich das Leben.

Irmgard S. haben die Therapien in der Hans-Prinzhorn-Klinik geholfen. Sie sieht wieder Licht. Sie freut sich auf Gemeinschaft. Sie nimmt Antidepressiva - und geht offen mit ihrer Krankheit um. Sie will, so oft es geht, schwimmen, basteln, auf Menschen zugehen. Depression, sagt sie, kann man spüren. „Viele wissen, woran sie leiden - und reagieren nicht.“ Ihnen sagt sie: „Es gibt Hilfe, nehmt sie an und lebt wieder.“

>>> HINTERGRUND: Depressionen frühzeitig erkennen

  • Wenn Senioren sich plötzlich zurückziehen, weniger aktiv sind, sich nicht mehr freuen können, schlecht schlafen und sich vernachlässigen, sollten Angehörige hellhörig werden, rät Volker Wippermann, Chefarzt der Abteilung Gerontoneuropsychiatrie der LWL-Klinik Hemer.
  • Vor allem wenn es mehrere Wochen anhalte. „Betroffene liegen dann oft lange im Bett und leiden wie ein Hund.“ Wenn auf einmal alles nach Pappe schmecke, der Gang zum Friseur oder zum Gesangsverein ausbleibe, dann seien das weitere Warnzeichen.
  • Wippermann empfiehlt, die Betroffenen offen anzusprechen – und nimmt gleichzeitig den „eisernen Alten“ die Angst, zum Psychiater zu gehen: „Es ist definitiv kein Zeichen von Schwäche.“
  • Bei ersten Anzeichen sollte man schnell handeln: „Je länger sich so eine Krankheit hinzieht, umso schwerer wird es, sie zu behandeln.“ Erster Ansprechpartner sei der Hausarzt.
  • Senioren könnten die Widerstandsfähigkeit gegen Depressionen erhöhen, sagt Wippermann. Bewegung, sinnstiftende Tätigkeiten wie Ehrenamt, Engagement im Verein und so viele soziale Kontakte wie möglich seien wichtig.
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