Gülle floss in Talsperre - Landwirt droht lange Haftstrafe

ARCHIV - Ein Bauer beim Ausbringen von Gülle auf einem Feld im Oderbruch unweit der Ortschaft Genschmar (Märkisch-Oderland), aufgenommen am 16.08.2011.(zu dpa: "Deutschland, Nachhaltigkeitsentwicklungsland?" vom 07.06.2017) Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Foto: Archiv/Patrick Pleul

ARCHIV - Ein Bauer beim Ausbringen von Gülle auf einem Feld im Oderbruch unweit der Ortschaft Genschmar (Märkisch-Oderland), aufgenommen am 16.08.2011.(zu dpa: "Deutschland, Nachhaltigkeitsentwicklungsland?" vom 07.06.2017) Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit Foto: Archiv/Patrick Pleul

Hagen/Halver.   Einem Bauer aus Halver drohen bis zu zehn Jahre Haft. Er hatte Gülle entsorgt und so das Ökosystem einer nahe gelegenen Talsperre zerstört.

Der clevere Bauer muss nicht einmal mit dicken Kartoffeln handeln: Viel größere Geschäfte lassen sich mit Gülle machen. Jetzt aber ist der Landwirt (41) vor dem Landgericht Hagen wegen besonders schwerer Gewässerverunreinigung angeklagt: Er soll für eine der schlimmsten Umweltkatastrophen in NRW verantwortlich sein. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Am 18. März 2015 liefen gegen ein Uhr nachts 1,7 Millionen Liter Gülle aus dem behördlich nicht genehmigten Riesen-Silo des Angeklagten in Halver (märkisches Sauerland) aus. Staatsanwalt Jörg Anuth: „Kurz zuvor hatte er einen Schlauch hangabwärts gelegt und den Schieber geöffnet.“ Die Jauche ergoss sich über die Wiesen, floss in den Neyebach und gelangte bis in die vier Kilometer entfernte oberbergische Neye-Talsperre.

Fische und Frösche starben

„Durch die stark erhöhten Ammonium- und Stickstoffwerte, die zeitweise 800-fach über dem gesetzlichen Richtwert lagen, ist das gesamte tierische und pflanzliche Leben im Bach und den anliegenden Fischteichen abgestorben“, so Staatsanwalt Anuth. Folgen: Die biologische Verödung des Gewässers, ein Fisch- und Froschsterben.

Zudem drohte das Trinkwasser-Reservoir durch verstärkten Algenwuchs und durch giftige Schwefelwasserstoffe umzukippen: „1,7 Millionen Liter Gülle entsprechen mehr als 8500 vollen Badewannen. Wir mussten umfangreiche technische Maßnahmen ergreifen, um 50 Millionen Liter Jauchewasser aus der Talsperre abzupumpen“, erklärt Dr. Rita Henzel vom Remscheider Wasserversorger EWR.

Der Angeklagte ließ erklären, er wolle sich nicht zur Anklage nicht äußern. Doch schon wenige Minuten später redete er wie ein Wasserfall – nahezu drei Stunden lang. Er selbst sei völlig unschuldig, hätte geschlafen. Bei der nächtlichen Öffnung seines Güllesilos müsse es sich um einen Anschlag gehandelt haben. Er habe viele Neider, die ihm etwas Schlechtes wollten.

Ex-Landwirt Otto Rafflenbeul (76), der im Zuschauerraum den Strafprozess verfolgt, kann nur den Kopf schütteln: Der Nachbar hat sich für 3600 Euro eine Filteranlage kaufen müssen, weil die Nitratbelastung seines Trinkwassers über dem Grenzwert liegt. Ursache sei die Gülle-Katastrophe.

Zwei weitere Anklagepunkte

2004 hatte der gelernte Landwirt den Hof seines verstorbenen Vaters übernommen – 120 Hektar groß, mit 270 Kühen. Zehn Jahre später war er schon Chef über vier Betriebsstätten mit 850 Tieren. Das große Geschäft machte der Angeklagte jedoch, Geld stinkt nicht, mit der Vermarktung von Gülle – kübelweise von den eigenen Kühen, durchmischt mit aus Holland importiertem Schweine-Urin und Biogas-Gülle. Das übelriechende Gebräu wurde auf die Äcker der Landwirte der Umgebung gesprüht. Es ersparte den Bauern teuren Mineraldünger – und brachte dem Angeklagten guten Gewinn.

Der ließ auf seinem Gehöft in Halver einen gigantischen Gülle-Silo erreichten: Der Rundtank ist sieben Meter hoch und hat einen Durchmesser von dreißig Metern. Und obwohl die Kreisbehörde die Genehmigung des Riesenkübels untersagt und ihm Zwangsgelder von 20 000 Euro angedroht hatte, war der Gülletank in der Tatnacht mit sechs Millionen Litern Gülle randvoll gefüllt – bis er auslief.

Der Angeklagte bestreitet, dabei seine Finger im Spiel gehabt zu haben. Er hält das Ganze für eine Sabotage-Aktion eines ehemaligen Aushilfsmitarbeiters oder eines missliebigen Nachbarn. Die seiner Meinung nach „wahren Täter“ hat er benannt und hat sich dafür noch zwei Anklagepunkte wegen falscher Verdächtigung eingehandelt.

Verteidiger Wilfried Steinhage ist dennoch fest davon überzeugt, dass das siebentägige Verfahren für den angeklagten Landwirt gut ausgehen wird: „Das können Sie jetzt schon aufschreiben: Da kommt am Ende ein Freispruch bei heraus.“

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