Ermittlungen

Wie die Mordkommission Duisburgs Mafia-Morde aufklärte

Ein Bestatter schiebt einen Toten zu einem Leichenwagen. Rechts das Schild des Restaurants „Da Bruno".

Ein Bestatter schiebt einen Toten zu einem Leichenwagen. Rechts das Schild des Restaurants „Da Bruno".

Foto: Oliver Berg

Duisburg.  Vor zehn Jahre haben Mafia-Killer vor der Pizzeria „Da Bruno“ sechs Menschen erschossen. Chefermittler Sprenger klärte den Fall damals auf.

„Bahnhofsviertel.“ Das klingt nach Rotlicht, nach Spielhallen und Kaschemmen. Für die Mülheimer Straße in Duisburg gilt das nicht. Jedenfalls nicht in Höhe des Klöcknerhauses, das längst „Silberpalais“ heißt. Unternehmensberatungen haben hier ihren Sitz, Notare und Ärzte. Die Fassaden sind gepflegt, die Bürgersteige sauber. „Eine ruhige Gegend“, sagt ein Anwohner. Bis zur Nacht vom 14. auf den 15. August 2007.

Dienstagabend in der Pizzeria „Da Bruno“. Geschlossene Gesellschaft, kleiner Kreis. Mit den Brüdern Marco (19) und Francesco P. (21) aus Duisburg, Sebastiano S. (38), Francesco G. (16) und dem 25-jährigen Marco M. feiert Azubi Tommaso-Francesco V. in seinen 18. Geburtstag hinein. Es wird spät. Erst gegen 2.10 Uhr schließen die sechs Männer das Lokal von außen zu. 20 Minuten später sind sie tot, liegen blutüberströmt und von Kugeln durchsiebt in zwei Autos, deren Motoren noch laufen.

Ermittler sehen Lichtblitze,auch zwei Männer von hinten

Heinz Sprenger muss nicht lange überlegen. „Hier standen die Autos“, sagt der ehemalige Leiter der Mordkommission „Mülheimer Straße“, als er zehn Jahre später wieder an derselben steht. Das „Da Bruno“ gibt es längst nicht mehr, der bisher letzte Nachfolger hat vor wenigen Wochen dicht gemacht. „Aus betrieblichen Gründen“ steht auf einem Schild an der Tür. Der Chefermittler a.D. biegt um die Ecke, er kennt noch jeden Winkel. „Hier hingen Überwachungskameras, da hinten auch“, sagt Sprenger.

Natürlich haben seine Leute alles angesehen, was die Geräte aufgezeichnet haben in der Tatnacht und den Tagen zuvor. „Terrabyte an Daten.“ Lichtblitze sehen die Ermittler, auch zwei Männer von hinten, die in Kapuzen-Shirts flüchten. „Aber das hat uns alles nicht wirklich weitergebracht.“

Viele dachten gleich an die Mafia

Sechs Tote vor einer Pizzeria, „klar denkt man da sofort an die Mafia“, sagt Sprenger. Trotzdem hat er in alle Richtungen ermitteln lassen. „Hätte ja auch ein Eifersuchtsdrama sein können.“ War es aber nicht: Italienische Kollegen stufen das Verbrechen als Teil einer Fehde rivalisierender Clans ein, die seit 1991 andauert. Die „Vendetta von San Luca“. Die Pelle-Romeo gegen die Strangio-Nirta. Beide gehören der ‘Ndrangheta an, der kalabrischen Mafia.

Zwei Wochen später gibt es einen Verdächtigen. Giovanni Strangio. Bei einem Wochen zuvor in Italien abgehörten Telefongespräch hat er angekündigt, nach Deutschland zu reisen, um den Tod der Frau seines Clan-Chefs zu rächen. Weihnachten 2006 ist sie vor ihrer Haustür erschossen worden.

Mordkommission findet DNA in Auto

Die Mordkommission nimmt die Spur auf. Sie findet Strangios DNA in einer Düsseldorfer Wohnung und Monate später auch in dem schwarzen Renault Clio, den Überwachungskameras in der Tatnacht nahe der Pizzeria gefilmt haben. Strangio selbst finden sie zunächst nicht. „Wir haben ihn in den Niederlanden vermutet.“

Dort können sie 2008 zunächst seinen Schwager Giuseppe Nirta festnehmen. Der schweigt zwar eisern, doch in seiner Wohnung finden die Ermittler Hinweise auf Francesco Romeo, einen weiteren Schwager Strangios. Er führt sie unwissentlich zum Unterschlupf des Gesuchten in Amsterdam. Zusammen mit niederländischen Kollegen stürmen Sprenger und seine Leute die Wohnung, finden Strangio, seine Frau und seinen kleinen Sohn im Wohnzimmer.

500.000 Euro in bar

Gegenwehr gibt es nicht, aber jede Menge gefälschte Ausweispapiere, eine Waffe und 500.000 Euro in bar. „Mit Pizzabacken verdient“, will Strangio dem Einsatzkommando weissmachen. Sprenger muss noch immer lachen, wenn er das erzählt.

Strangio und seine Schwager sitzen heute im Gefängnis, werden dort wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens bleiben. Sprenger ist zufrieden, als die Urteile verkündet werden. Mit zeitweise bis zu 120 Leuten hat er „in einer unglaublichen Puzzlearbeit“ die Todesschützen gejagt. „Eine Teamleistung“, sagt er bis heute. Eine, die sie später gefeiert haben. Mit den Kollegen aus dem Ausland und jeder Hilfskraft. „Aber so richtig gefeiert.“

>>>> Die Clan-Chefs wollen keine Öffentlichkeit

Ähnliche Taten hat es in Deutschland nicht mehr gegeben. „Das mag komisch klingen“, sagt der Chefermittler a.D. Heinz Sprenger, „aber sechs Tote in aller Öffentlichkeit waren unglaublich geschäftsschädigend. Das hat die Mafia in Deutschland viel Geld gekostet.“ Die Clan-Chefs in Kalabrien hätten darum schnell angeordnet, dass sich so ein Ereignis nicht wiederholen dürfe.

„Es darf aber keiner glauben, dass die Mafia weniger präsent ist in Deutschland. An der Gesamtlage hat sich nichts geändert“, warnt Sprenger.

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