"Was hat er sich nur gedacht, als er mich anrief?"

Wetter. Der 10. Tag im Mordprozess Nadine: Ein Telefonkabel, mit dem der Angeklagte Philipp J. die 15-jährige Schülerin gedrosselt haben soll, könnte Aufschluss darüber geben, ob der 19-Jährige mit Vorsatz handelte - und deshalb mit einer Verurteilung weg

Thomas Minzenbach (Düsseldorf) als kriminaltechnischer Sachverständiger ließ gestern keinen Zweifel daran, dass die Telefonschnur - an der DNA-Spuren von Philipp J. und Nadine O. gesichert wurden - nicht zur Telefonanlage des Wohnhauses in Wetter passte. Dort, so die Anklage, war die Jugendliche in der Nacht zum 20. August 2006 von Philipp J. umgebracht worden.

Woher dann das Kabel stamme, wollten Vorsitzender Richter Dr. Frank Schreiber und auch der Anwalt von Nadines Vater als Nebenkläger wissen. Philipp J. hatte daran keine Erinnerung, konnte sich "das nicht erklären". Jedenfalls habe er kein Kabel von zu Hause mitgenommen, gab er zu Protokoll. Die wiederholten Erinnerungslücken brachten die Schwester des Opfers, die 20-jährige Caroline, derart um die Fassung, dass sie den Sitzungssaal verließ. Ihren ehemaligen Mitschüler schrie sie dabei an: "Was bist Du eigentlich für eine Drecksau!"

Ein detailreiches Bild des Angeklagten zeichneten gestern zwölf Jugendliche, allesamt Schulkollegen von Philipp J., darunter zwei 19-Jährige, die seit Pfadfinderzeiten mit J. befreundet waren. Forsch sei er gewesen, manchmal aufbrausend, hätte das "Halt mal die Schnauze" eines Lehrers mit "Halt selbst die Schnauze" gekontert. J., sagten die Zeugen aus, sei von anderen oft gehänselt worden; andererseits habe er gegenüber Schwächeren aber auch austeilen können.

Dass Philipp J. sich unter falschen, weiblichen Namen in Chatrooms des Internets aufhielt, dort nach Unterwäsche der Mädchen fragte und sexuelle Praktiken beschrieb, war ebenfalls Thema. "Sicher", hieß es gestern, "das musste schon einer aus unseren Reihen sein. Aber Philipp?"

Bewegend verlief die Aussage des langjährigen Freundes Jakob H., den Philipp am Tag nach dem Mord anrief und mitteilte: "Hey, Jakob, Mord in Wengern!" Als Philipp am 14. September verhaftet wurde, wollte Jakob das nicht glauben ("die Polizei spinnt") - bis die Beweislage erdrückend wurde. Gestern fragte der Zeuge mit traurigem Blick auf den Angeklagten: "Was hat er sich dabei nur gedacht, als er mich anrief?"

Beim Weg aus dem Zeugenstand war ein angedeuteter, verzweifelter Handschlag in Richtung Freund zu beobachten. Doch dazu kam es nicht: Philipp J. hatte seinen Blick auf den Fußboden gerichtet.

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