Vergewaltigung

Was die Polizei über Gruppenvergewaltigungen weiß

Das Wäldchen in Mülheim, wo die Tat geschah. Der Tatort befindet sich nahe der Straßenlaterne im Hintergrund.

Das Wäldchen in Mülheim, wo die Tat geschah. Der Tatort befindet sich nahe der Straßenlaterne im Hintergrund.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet.  Hunderte Male im Jahr vergewaltigt eine Gruppe in Deutschland eine Frau. So wie jetzt in Mülheim. Täter sind oft sehr jung und wollen cool sein.

Eine junge Frau wird vergewaltigt. Die Verdächtigen: fünf 12- bis 14-Jährige bulgarischer Herkunft. Die Tatzeit ist abends, der Tatort Mülheim. Dem 18 bis 21 Jahre alten Opfer gehe es „den Umständen entsprechend“, sagt eine Sprecherin der Stadt am Montag. Und, dass die Frau sich äußere zur Tat. Sie ist das Opfer einer geradezu typischen Gruppenvergewaltigung.

Gerade vor drei Monaten hat das Bundeskriminalamt (BKA) den „Forschungsbericht Gemeinschaftlich Begangene Vergewaltigungen“ veröffentlicht. Hier findet sich alles wieder, was in Mülheim geschah: Kinder bis Heranwachsende sind die Verdächtigen in 40 Prozent dieser Fälle, der Ausländeranteil ist deutlich erhöht.

Polizei weiß von 300 bis 750 solcher Taten jährlich

„Die Tatverdächtigengruppen“, heißt es da, „sind hochgradig homogen (sehr ähnliches Alter, gleiche Staatsangehörigkeit) sowie im Verhalten (Alkoholkonsum)“. Und: „Die Tat ereignet sich häufiger überfallartig … und zu typischen Ausgehzeiten in meist großstädtischen Umgebungen.“

Die Zahl solcher Taten schwankt stark: Ohne dass eine Tendenz zu erkennen wäre, geschieht es 300 bis 750 Mal im Jahr in Deutschland. Das Fazit der Forscher: Gemeinschaftlich begangene Vergewaltigungen unter Minderjährigen seien „ein Phänomen polizeilich stark vorbelasteter Jugendgruppen, die im Rahmen ihrer alltäglichen räumlichen und sozialen Umgebung Gewalt gegen Mitglieder der eigenen sozialen Bezugsgruppe richten.“

„Wir wünschen dem Opfer alles erdenklich Gute“

Das weiß man nun noch nicht für Mülheim. Am Montag wird bekannt: Zwei Familien der eventuellen Täter waren dem Jugendamt bereits bekannt, eventuell auch die Familie des Opfers. Einer der Verdächtigen kommt aus einer anderen Stadt. Die Stadt Mülheim will nun mit allen betroffenen Familien ins Gespräch kommen, die Schulen beraten, was zu tun ist, und der Bezirksregierung Arnsberg empfehlen, die Schulpflicht der Verdächtigen zunächst für die laufende Woche auszusetzen, die letzte vor den Sommerferien. Der Fall, sagt Sozialdezernent Marc Buchholz, „macht mich persönlich sehr betroffen. Wir wünschen dem Opfer alles erdenklich Gute.“

Die Polizei Essen, die auch für Mülheim zuständig ist, erklärte bereits am Wochenende, eine Häufung von Straftaten, die durch Bulgaren verübt wurden, sei nicht bekannt. Auch der Polizei Duisburg ist diese Bevölkerungsgruppe, wenn überhaupt, bislang eher durch Eigentumsdelikte aufgefallen: Diebstahl, Ladendiebstahl, „Erschleichen von Leistungen“. Etwa in der Kategorie „Diebstahl“ lag der Anteil der bulgarischen Tatverdächtigen im ersten Quartal 2019 bei nicht einmal sechs Prozent, unter den Nichtdeutschen bei 15,6 Prozent.

Täter kommen oft aus schwierigen Verhältnissen

So sieht das auch die Kriminalwissenschaft: Junge Erwachsene aus Südosteuropa würden zwar häufiger auffallen als Gleichaltrige. Aber die Zahl der Sexualdelikte sei statistisch gesehen zu niedrig, als dass man hier Besonderheiten an Nationalitäten festmachen könne, sagt Professor Thomas Bliesener, der Leiter des „Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen“.

Daniel Dressler kennt Gruppenvergewaltiger: Er arbeitet für „Neue Wege“, eine Beratungsstelle der Caritas Bochum für Opfer und Täter von Sexualdelikten. „In solchen Situationen spielt Gruppendynamik eine große Rolle“, sagt der Psychologe: „Einer fängt an, ein Alphatier, das schaukelt sich hoch und wird dann immer schlimmer.“ Oft kämen die Täter aus schwierigen Verhältnissen. „In Zeiten sozialer Medien wissen die Leute, was sie da tun, auch mit zwölf Jahren.“

Oft geht es darum, zu zeigen: Wir haben ein cooles Ding gemacht

In dem Alter gebe es „keine wirklichen Triebtäter, die meinen, sie müssten jetzt die nächste Frau anfallen.“ Nach seiner Erfahrung, sagt Dressler, geschähen solche Taten häufig mit Vorsatz. Oft gehe es darum, zu zeigen: „Ich bin jemand Cooles. Wir haben ein cooles Ding gemacht.“

Typisch wäre auch, sagt die internationale Forschung, dass Gruppenvergewaltiger ihre eigene Tat filmen und verbreiten – und aufgrund dessen überführt werden. Auch nach der Tat von Velbert im April 2018 kam es genau so.

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