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Warum Schüler mit YouTube-Videos für die Schule lernen

Die Schüler Max und Julius schauen sich in Solingen an einer Bushaltestelle nahe der Alexander-Koppel-Gesamtschule Youtube-Videos auf ihrem Tablet und Smartphone an.

Die Schüler Max und Julius schauen sich in Solingen an einer Bushaltestelle nahe der Alexander-Koppel-Gesamtschule Youtube-Videos auf ihrem Tablet und Smartphone an.

Foto: Bernd Thissen / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet.  Während Schüler mit YouTube-Videos lernen, hinken Schulen bei der Digitalisierung hinterher. Ist YouTube zur Konkurrenz für Schulen geworden?

Daniel Jung drückt auf die Aufnahmetaste seiner Kamera und tritt an ein Whiteboard, auf dem „Ableitung von x^x“ geschrieben steht. Es ist das Thema seines nächsten YouTube-Videos. Ohne Begrüßung fängt er an, die Tiefen der Mathematik oder wie er sagt „den puren Differential-Spaß“ zu erörtern.

Die bisher 2.000 produzierten Videos des Mathe-Youtubers sind immer gleich aufgebaut: Eine Tafel, einen Stift und fünf Minuten – mehr braucht Jung nicht: „Die Zeit reicht natürlich nicht, um ein komplettes Thema zu erklären, aber darum geht es nicht. Oft scheitern die Kids nur an kleinen Bausteinen. Wenn sie die Lücke dann mit einem Video schließen können, verstehen sie meistens das Gesamtbild“, sagt der 38-Jährige.

Und sein schlichtes Konzept überzeugt: Der Remscheider zählt hierzulande zu den erfolgreichsten YouTubern im Bildungsbereich. Knapp 530.000 Personen haben den Kanal „Mathe by Daniel Jung“ des ehemaligen Nachhilfelehrers abonniert, sein erfolgreichstes Video über Parabeln haben über 1,2 Millionen Leute gesehen – von denen er unter anderem als „Matheheld“ oder „Mathepapst“ gefeiert wird: „Danke! Immer wenn ich Probleme in der Schule habe, gucke ich deine Videos“ oder „Wegen dir habe ich mein Abi erfolgreich geschafft“, schrieben Nutzer in die Kommentarspalte unter den Videos.

86 Prozent der Schüler nutzen YouTube zum Lernen

Auch Julius und Max kennen die Videos von Daniel Jung. Die beiden 18-jährigen Schüler aus Solingen nutzen YouTube-Videos, um sich vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern auf Klausuren vorzubereiten. Sie gehören damit zu den 86 Prozent der Jugendlichen, die die Plattform zum Lernen nutzen. Das hat die jüngst veröffentlichte Studie des Rats für Kulturelle Bildung ergeben. „Lehrer reden oft um den heißen Brei herum oder erklären schlechter. YouTube-Videos sind da kompakter“, erklärt Max den Erfolg der Videos. Oft sei im Unterricht auch keine Zeit, um auf individuelle Fragen ausführlicher einzugehen.

Hierin liegt auch der entscheidende Vorteil der Plattform: Schüler können sich überall, ob an der Bushaltestelle oder zuhause auf dem Sofa, in kurzer Zeit und in ihrem eigenen Tempo die kostenlosen Inhalte anschauen. Und wenn sie den Stoff nicht verstanden haben, können sie den Clip stoppen und wieder zurückspulen – oder sich eben einen anderen passenden Lehrer auf YouTube suchen. Dazu werden die Videos auch noch mit der dazu passenden Grafik oder einem Bild illustriert. „YouTube-Videos nehmen einem die Angst vor der Klausur“, sagt Julius.

In den Schulen fehlt die Technik, um mit Videos zu arbeiten

Auch wenn Julius und Max bisher keine schlechten Erfahrungen mir YouTube-Videos gemacht haben: Dass Inhalte auf der Plattform kostenlos angeboten werden, ist gleichzeitig auch ein Nachteil. Denn um Geld zu bekommen, schalten Youtuber Werbung. Und ist ein Video beendet, startet sogleich das Nächste. So werden Schüler abgelenkt und verführt möglichst lange auf der Seite zu verweilen.

Zudem ist der Aspekt, dass jeder ungeprüft seine Inhalte hochladen kann, auch für Daniel Jung bedenklich. „Aber ein Video, das viele positive Bewertung hat, kann nicht per se falsch sein“, sagt er. Stefan Behlau, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung in NRW, schlägt daher vor, als Orientierung eine Liste mit Empfehlungen für Schülerinnen und Schüler, für Lehrkräfte und Eltern zu erstellen.

Trotz der Bedenken ist aber auch Behlau der Meinung, dass gute Lernvideos eine sinnvolle Ergänzung zum Unterricht sein können. Als Konkurrenz sieht er sie nicht: Schließlich „nutzen Lehrkräfte sehr gerne Videos, wenn sie dafür die nötige Technik haben.“ Das sei das eigentliche Problem: In den Schulen fehle die nötige Ausstattung und das Personal, um Videos im Unterricht einzubinden zu können. Genügend Geräte oder schnelles Internet seien selten.

Lehrer sind weiterhin unverzichtbar

Dabei habe die Studie laut Behlau gezeigt, dass Jugendliche den Wunsch haben, auch im Unterricht mehr mit Videos zu arbeiten. „Die Welt ist längst digital, doch die Schule oft noch analog. Der Digitalpakt ist jetzt eine erste finanzielle Starthilfe“, ergänzt Behlau. Eine Möglichkeit könnte beispielsweise sein, dass Schüler in der Schule vermehrt Videos zu bestimmten Themen selbst produzieren. So würde Schülern zusätzlich die nötige Medienkompetenz vermittelt, um zu erkennen, welche Videos seriös sind.

Auch Jung plädiert dafür, dass in Schulen mehr mit Videos gearbeitet wird: „Der Teil, der meckert, dass Bildung Aufgabe der Schule ist, sollte lieber mitmachen. Die Studie hat ja gezeigt: Alle sind auf YouTube, also lasst uns die Kids doch auch da abholen.“ Er schlägt daher vor, vom Digitalpakt einige Lehrer zu bezahlen und als Supervisor zu engagieren: „Wenn die dann überprüfen, was im Internet oder von der Schule an Inhalten bereitgestellt wird - Das wäre doch super!“

Auch Max und Julius sind der Meinung, dass Lehrer weiterhin unverzichtbar sind: „Man braucht Lehrer schon, um Inhalte vermittelt zu bekommen. YouTube hilft nur, die Zusammenhänge dann besser zu verstehen.“

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