WAZ-Sommerserie

Urlaub auf Texel – und die Kirche ist schon da

„Avondmaal“ für deutsche Touristen auf der niederländischen Insel Texel: Kaplan Fabian Lammers bricht das Brot.

„Avondmaal“ für deutsche Touristen auf der niederländischen Insel Texel: Kaplan Fabian Lammers bricht das Brot.

Foto: Justin Sinner / Funke Foto Services

De Koog.  Seit über 50 Jahren schickt das Bistum Essen im Sommer Seelsorger auf die niederländische Insel. Damit die Kirche auch im Strandurlaub dabei ist.

Sonntag, Heilige Messe, die Gemeinde erscheint in Flipflops und kurzen Hosen. Man sitzt in Korbstühlen mit bald 200 Gläubigen, der Pastor spricht von Schalke, aber auf dem Altartuch steht ein Leuchtturm neben Dünen und Schafen. „Das hier ist Kirche“, sagt Michael aus Essen, „wie man sich das immer wünscht“: die Touristen-Seelsorge des Bistums Essen auf der niederländischen Insel Texel. Jeden Sommer schon da, wenn die Urlauber kommen und immer noch ein bisschen länger, seit mehr als 50 Jahren.

Halleluja, es ist doch noch eine Querflöte gekommen zu den zwei Gitarren. Die Ferien gehen dem Ende zu, die Geigen sind schon abgereist. Fabian Lammers ist erleichtert, der Kaplan aus Essen-Borbeck ist heute der „Neue“, er übernimmt die letzte Drei-Wochen-Schicht. Man kann ihn erkennen an der noch etwas blassen Nase zwischen all den sonnen- und windgebräunten Gesichtern. Mit Begleitung singt es sich besser, und sie singen viel.

„Faszinierend, dass Kirche auch anders geht“

An diesem Sonntag im Gemeindehaus des Inselorts De Koog, früher war das die St. Bonifatius-Kerk“. Wo damals der Beichtstuhl war, steht jetzt eine Theke, „also quasi“, sagt Bernd Wolharn, „der moderne Beichstuhl“. Wolharn ist im „normalen Leben“ Domvikar in Essen, der 52-Jährige war dieses Jahr wieder drei Wochen auf Texel und sagt: „Es ist wie Nach-Hause-Kommen.“ Seit 27 Jahren schon, damals war er noch Student und dachte: „Faszinierend, dass Kirche auch anders geht.“

Nämlich so: Das Seelsorge-Team wohnt auf dem Campingplatz, erste Düne links, wo die rot-gelbe Fahne weht. Im Vorzelt gibt es Bücher und Spiele, falls den Touristen mal das Zeltdach auf den Kopf fällt, und „viele“, weiß Wolharn, „nehmen schon gar keine Bücher mehr mit in den Urlaub“. Das Bistum sorgt schon dafür. Das liefert auch die Gesangbücher an, nur das moderne „Halleluja“, in gelben Kisten von der Post. Im Vorzelt ist auch ein Kühlschrank, man darf da immer dran. „Noch ein Grolsch?“, fragt Martin Schröder, der zum Team gehört, „aber ich führe Sie nicht in Versuchung.“

„Das ist hier wie Familie“

Die Leute kommen also auch abends, auf ein Bierchen und ein Pläuschchen, oder sie schütten ihr Herz aus im Sand. Weil sie wissen, „wir sehen uns nie wieder“, sagt Bernd Wolharn, oder gerade andersherum: „Weil das Vertrauen gewachsen ist über die Jahre.“ Es gibt ja kaum jemanden auf Texel, der nicht schon eine halbe Ewigkeit nach Texel kommt, vielleicht schon als Kind und heute mit den Enkeln. Bei Maike aus Unna, ist das so, „43 Jahre, das ist hier wie Familie“. Bei Michael aus Essen, der sonst nur feiertags in die Kirche geht, hier aber das „gemeinsame Erleben“ schätzt. Oder bei Christoph aus Mülheim, der schon 1976 da war, zum Dünensingen.

Dünensingen ist dienstags, mit Nena, Biene Maja und der „Tante aus Marokko“, am Mittwoch Frühsport am Strand, am Donnerstag Glaubensgespräch. Und am Sonntag Gottesdienst in De Koog, so steht es auch im Kalender des Insel-Blättchens „Texelse Courant“, unter „Rooms-Katholieke Kerk“: „Bisdom Essen: H. Messe auf Deutsch“. (Nur das Evangelium lesen sie auf Niederländisch: zu zeigen, dass sie Gäste sind.) Da radeln dann alle mit dem Fahrrad hin, und es kann vorkommen, dass sie noch vor dem Segen ein Lied singen, das auch nicht im Gesangbuch steht: „Texel is a wonderful land“.

Keine Kirchenmauern, man trifft den Pastor in der Badehose

Ein wundervolles Land, „an dem man Kirche so nicht erwartet“, sagt Domvikar Bernd Wolharn. Wo Gott und Glaube wichtiger seien als Gemeindestrukturen, wo Leute Zeit haben, sich mit beidem zu beschäftigen. Das Bistum selbst nennt sein Angebot „wohltuend beständig, unaufgeregt zeitlos, nachhaltig erholsam“. Man trifft den Pastor in der Badehose, benutzt dieselbe Toilette und dieselbe Dusche, „wir sind mittendrin“, sagt Wolharn, „zwischen uns stehen keine Öffnungszeiten und keine Kirchenmauern“.

Das wäre auch schwierig in den Dünen. Nach dem Gottesdienst ist hier natürlich auch offene Zelttür, es gibt Kaffee und Weingummi. Wenn sie hier nicht (fast) alle hinkämen, müsste es schon Backsteine regnen, und heute sind es nur, nun, große Kiesel. Sie machen also einen Dichtigkeitstest für Regenjacken, die Zehen in den Sand gebohrt, eine warme Tasse in der Hand oder ein kaltes Pils und plaudern über Gott, die Welt und die Insel.

Und über all die schönen Jahre, die sie hier schon mit der Kirche Ferien machen. Über das Heimatgefühl, das immer schon da ist, wenn sie kommen. Über die Paare, die sich hier fanden, wie Janine und Constantin, die am Vortag angereist sind („und wir sind nicht die Einzigen, die geheiratet haben!“). Und über die Taufen, die sie feierten: mit Nordsee-Wasser im Planschbecken.

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