Brennpunkt Schule

Schulen am Limit: So kämpfen Lehrer im Ruhrgebiet jeden Tag

Julia Gajewski, Schulleiterin der Gesamtschule Bockmühle, im Pausenraum der Unterstufe: seit Jahren gesperrt wegen Wasserschäden.

Julia Gajewski, Schulleiterin der Gesamtschule Bockmühle, im Pausenraum der Unterstufe: seit Jahren gesperrt wegen Wasserschäden.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Desolater Zustand, unbesetzte Lehrerstellen, Kinder aus prekären Verhältnissen, Clan-Kriminalität: Was das Lernen im Ruhrgebiet so schwer macht.

Julia Gajewskis Büro hat eine Tür aus billigem Pressspan, notdürftig zusammen getackert. Das ihres Stellvertreters auch. „Ach“, winkt die Leiterin der Essener Gesamtschule Bockmühle ab, „die alten Türen haben Einbrecher im Frühjahr wieder mal mit der Axt bearbeitet. Die taten’s nicht mehr.“ Genauso wenig wie die Jalousien an den hohen Fenstern: Um die blendende Sonne auszusperren, klettert die 56-Jährige mitten im Gespräch auf die Fensterbank und richtet sie von Hand. Routiniert, wie selbstverständlich. Selbst das Video, das ihr der Kollege gerade schickte, zeigt sie nur auf Nachfrage. Nichts besonderes wohl, dass Wasser aus dem Siphon unter dem Chemikalienbecken schießt, den Boden des Bioraums binnen Sekunden flutet. Eine der Sporthallen musste ja nach dem ersten Herbstregen am Tag zuvor wegen Wasserschadens auch schon geschlossen werden und der Pausenraum für die Jüngeren ist deswegen schließlich seit Jahren dicht.

Wirklich erschreckt hat Julia Gajewski an diesem Morgen nur eine Mail aus dem Schulministerium, eine Reaktion auf den „Unterrichtsgang“ von Schülern, Eltern und Lehrern zwei Tage zuvor. Mit einer Menschenkette in der Essener Innenstadt wollte man als Mitglied des jüngst gegründeten Bündnisses „Schule3“ auf die unhaltbaren Zustände an NRWs Sekundär- und Gesamtschulen aufmerksam machen. Denn die Bockmühle, versichert Gajewski, sei kein Einzelfall. Ob für die Aktion etwa Unterricht ausgefallen sei, will Düsseldorf wissen.

80 Prozent der Schüler kommen mit einer Hauptschulempfehlung

Dabei kämpfen sie an dieser Brennpunktschule in Altendorf im Essener Norden wahrlich nicht nur gegen Überschwemmung, Schimmel, undichte Dächer, Betonschäden und unbenutzbare Klos. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1972, Abriss und Neubau sind so gut wie beschlossen. Der Rat entscheidet Ende Oktober. Fraglich ist nur, ob es die von der Schulleitung präferierte Variante werden wird.

Vor allem aber kämpfen sie an der Bockmühle um mehr Wertschätzung, mehr Geld, mehr Lehrer und für ihre Arbeit, für ihre Schüler. 1410 sind es derzeit, 165 von ihnen haben „sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf“, gelten als lernschwach oder verhaltensauffällig. Erziehungshilfe bräuchte in der Regel die Hälfte der Klasse, sagt Inklusionskoordinatorin Stefanie Wölk. 80 Prozent aller Schüler kamen mit einer Hauptschulempfehlung, 70 Prozent haben Migrationshintergrund, 60 Prozent stammen aus prekären Verhältnissen, „aus gelebter Armut“, wie die Schulleiterin sagt; viele Kinder seien „unerzogen“, der Umgangston „erschreckend abfällig“. Wobei Gajewski den Eltern deswegen keinen Vorwurf macht. „Die sind gar nicht in der Lage, ihre Kinder zu erziehen. Die sind selber ohne Erziehung großgeworden. Und unser Land tut nichts dafür, dass sich was ändert.“

„Eine gute, funktionierende Schule könnte den Stadtteil verändern“

Eine gute, funktionierende Schule könnte etwas ändern, glaubt Markus Ziegler, Beratungslehrer der Oberstufe – eine, die sich als echte „Stadtteilschule“ verstehe. Weswegen für ihn, den Sportlehrer, und Schulleiterin Gajewski im Übrigen ein Hallenbad zum Neubau unbedingt dazu gehöre. Nur wenige Schüler könnten schwimmen, wenn sie zur Bockmühle kommen, erzählt Ziegler. Aber wo sollten sie es lernen? Irgendwann vielleicht nachmittags im Hallenbad der Schule vor Ort, hofft Ziegler.

Stefanie Wölk unterrichtet Deutsch (und Philosophie) – mit viel Herz, Verständnis und Empathie für ihre Schüler, das wird im Gespräch rasch klar. Doch normaler Unterrichte, erzählt die Pädagogin, sei manchmal „kaum mehr möglich“, die „Frustrationstoleranz“ der Kinder oft minimal. Sie möchte keine Lehrerin sein, „die vorne steht und böse guckt“, Druck macht. Doch wenn die Jüngeren nach der Pause in die Klasse zurück kämen, müssten sie meist erst einmal „runter kommen“ – auch weil ihr maroder Freizeitraum seit Jahren gesperrt ist und sich die Schüler bei Regen auf den Fluren drängen müssen. Die unbenutzbaren Pausenbereiche hätten verheerende Folgen, glaubt Wölk. Früher lagen dort Gesellschaftsspiele aus, es gab einen Kicker, der gern genutzt wurde, Sozialpädagogen machten Angebote. „Die Kleinen kann man damit noch kriegen“, betont Wölk. Aber nur, wenn die Räume nicht unter Wasser stehen.

„Die Kinder der kriminellen Clans in Altendorfs sind unsere Schüler“

Immerhin: Gewalt gegen Lehrer haben sie hier noch nie erlebt; „hoch aggressive“ Schüler schon. Neu sei, erklärt Beratungslehrer Ziegler, dass die kriminellen Clans, die Altendorf bundesweit „berühmt“ machten, ihre Auseinandersetzungen jetzt auch auf Schulgelände austragen würden. „Das hatten wir früher nicht“, erzählt der Pädagoge. „Aber die Kinder aus den Clan-Familien sind unsere Schüler. Und sie leben nach ganz eigenen Regeln.“ In Stufe 7/8 nähmen die Übergriffe zu, bestätigt die Schulleiterin, da findet man die 13- bis 14-Jährigen. Es seien „noch immer nicht viele, aber wir beschäftigen uns sehr viel mit denen“. Um Erpressung geht es bei den Streits; oder um ein Mädchen, das mit dem falschen Jungen zusammen sei; um Hinterhalte, in die jemand gelockt werden soll; um verabredete Schlägereien. Das Schuljahr ist keine sechs Wochen alt, aber zwei Schüler haben sie bereits entlassen, zehn anderen haben sie das androhen müssen. Zweimal schon wurde die Polizei gerufen.

Inklusionskoordinatorin Stefanie Wölk, findet das furchtbar. „Die machen so viel kaputt“, sagt sie. Und schwärmt von den „vielen, ganz vielen tollen Schülern“ an der Bockmühle. Stolz ergänzt sie: Rund 65 machten hier jedes Jahr ihr Abitur, darunter seien regelmäßig 20 bis 30, die mit Hauptschulempfehlung kamen. Der letzte Schultag ist für viele Bockmühle-Schüler ihr schrecklichster“, heißt es in der Begründung des Initiativkreises Ruhr, der die Essener Gesamtschule 2018 mit seinem „Talent-Award“ auszeichnete. Ihre Lehrer bewegt das. Glücklich macht sie es nicht.

Der Hausmeister, erzählt Stefanie Wölk, müsse regelmäßig Jugendliche, die sich nach Unterrichtsende an der Schule zum gemeinsamen Lernen träfen, rauswerfen. Weil sie dafür keinen anderen Ort hätten. Wölk gehört seit zwölf Jahren zum Kollegium der Gesamtschule Bockmühle, entschied sich nach dem Referendariat in Duisburg-Marxloh bewusst für diese Stelle. An ein Gymnasium würde sie nie zurück gehen, sagt sie. Auch wenn zu manchen Elternabenden an der Bockmühle nur drei Väter oder Mütter erschienen; man manchem „Erziehungsberechtigten“ bei Gesprächsbedarf tagelang hinterher telefoniere, „nur um dann festzustellen, dass keine der fünf angegebenen Handynummern stimmt.“ „Doch die Arbeit hier macht mehr Sinn“, glaubt Wölk. „In Klasse 5 und 6 ist sie hart, aber ab Klasse 8 wird’s richtig schön. Da decken die auf der Klassenfahrt plötzlich unaufgefordert den Frühstückstisch“, schwärmt sie von ihrem Job.

Nur wenige wollen diesen Job: 15,5 Lehrerstellen sind derzeit nicht besetzt

Es ist ein Job, den viele andere Pädagogen nicht wollen: 15,5 Stellen an der Essener Gesamtschule sind aktuell unbesetzt. Mit „schulscharfen Zuweisungen“, Gehaltszuschüssen und besseren Beförderungschancen ließe sich was machen, glaubt Julia Gajewski. Auch einen „Sozialindex“, der Brennpunktschulen bei Renovierungs- und Sanierungsmaßnahmen bevorzuge, hält sie für sinnvoll: „Viele stecken ja wie wir seit Jahren in der Warteschleife.“ Schon ihrem Vorgänger an der Bockmühle sei die energetische Sanierung des Gebäudes versprochen worden. Gajewski löste ihn 1999 ab.

An der Schule seines Sohnes in Mülheim, erzählt Beratungslehrer Ziegler, gäbe es Toilettenfrauen und Seifenspender auf den Klos. An der Bockmühle seien zumindest die Außentoiletten „schlicht unbenutzbar“. „Aber hier können Sie von den Eltern auch nicht 20 Euro Toilettengeld pro Schuljahr einfordern….“.

Die Forderung lautet: „Ungleiches ungleich behandeln“

„Ungleiches ungleich behandeln“ lautet denn auch das Motto der Initiative „Schule3“. Dass sich manche betroffene Schule scheue, Probleme publik zu machen, kann man an der Bockmühle nicht verstehen. „Die sorgen sich, dass sie dadurch schlecht da stehen und Anmeldungen ausbleiben. Aber es kann in unserer Gesellschaft doch nicht darum gehen, immer nur die eigenen Pfründe zu halten“, empört sich Julia Gajewski. Für sie persönlich bedeute das: auch an schwierigen Tagen durchhalten. Manchmal, räumt die Schulleiterin ein, sei sie durchaus schon drauf und dran gewesen, die Brocken hinzuwerfen „und einfach ne Krabbelgruppe aufzumachen“. „Aber wenn die Chefin geht, ist das ein ganz schlechtes Zeichen“, weiß sie. „Für all anderen, die sich hier den A…..“

Gajewski sagt, die Lehrer an der Bockmühle verstünden sich als Stimme ihrer Schüler. „Denn die hatten in ihrem Leben ja bislang keine“. Deshalb ist es ihr schließlich auch noch wichtig, ein letztes mögliches Missverständnis auszuräumen: Dass marode, unterbesetzte Schulen in schwierigen Lagen auf ihre Situation aufmerksam machen, will Julia Gajewski nicht als „Hilferuf“ verstanden wissen. „Es ist eine Tatsachenbeschreibung“, sagt die Leiterin der Essener Gesamtschule. „Und es ist die verdammte Pflicht der Landesregierung, uns zu helfen.“

>>>>Info: Das Bündnis Schule3

20 Gesamt- und Sekundärschulen gründeten jüngst das Bündnis „Schule3“. Die Essener Bockmühle hat sich ihm angeschlossen. Hinter der Initiative steht der Verein „GGG“, der die Interessen der Gesamtschulen vertritt. Die Zahl 3 steht für die drei Charakteristika bunt, solidarisch, stark und für die Probleme, die sich im Alltag potenzieren.

Das Bündnis fordert Hilfe für alle Problemschulen und kritisiert die „Talentschul-Förderung“ der Landesregierung, von der zunächst lediglich 60 Schulen profitierten.

Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt es in NRW rund 1000 Schulen, darunter 500 Grundschulen, in besonders benachteiligten Stadtteilen.

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