Streit um Braunkohlerevier

RWE und Polizei bereiten Räumung des Hambacher Forstes vor

Merzenich.  Für einer „Müllsammlung“ sind RWE und die Polizei in den Hambacher Forstes vorgerückt. Die Umweltaktivisten halten Baum für Baum dagegen.

. Mike I und Mike II erwarten die Staatsgewalt mit Feldstecher. Die Umweltaktivisten mit den Tarnnamen sitzen vermummt vor einer Barrikade am Eingang zum „Wiesencamp“, einer ziemlich vermüllten Ansammlung bemalter Campingwagen und improvisierter Hütten. Es steht noch außerhalb des Hambacher Forsts, den der Stromkonzern RWE für einen Braunkohletagebau abholzen will und der gespickt ist mit etwa 60 Baumhäusern von linksautonomen Widerständlern.

Um 6.50 Uhr rollen die ersten Einsatzwagen der Polizei an

Das Wiesencamp auf einem Privatgrundstück ist ein sicherer Hafen. Sicher vor der Räumung, die aus Sicht der Aktivisten vor zwei Wochen begonnen hat und nach einigen Scharmützeln nun in die nächste Phase tritt. Um 6.50 Uhr kommt der erste Einsatzwagen in Sicht, dann sind es zehn, dann 30, die auf den Acker abbiegen, dass es staubt – eine Drohkulisse.

„Sollen wir mal die anderen warmmachen?“, fragt Mike I. Aber das erledigt schon der Helikopter. Dröhnend steht er über dem „Jesus Point“, einer Weggabel mit Kreuz. Doch das Camp bleibt entspannt. Zu ritualisiert ist dieser bereits sieben Jahre währende Konflikt.

Die Polizisten marschieren in schwarzer Montur und mit durchsichtigen Schilden vorbei. „15 Meter Zwischenräume“, ruft der Einsatzleiter, um eine Kette zu bilden vor einem Baumhaus – ein paar Bretter, Wäschekörbe, Schlafsäcke in einer Buche. „Vorrücken!“ Von oben: Lachen. Ein Polizist: „Da ist eine Toilette, aufpassen!“

Und weiter passiert hier nichts. Es geht darum, die Aktivisten festzusetzen, während ein Bagger und neun in gelbe Einmalanzüge gekleidete RWE-Helfer nahebei eine „Barrikade“ räumen – „offensichtlichen Müll“, wie RWE formuliert: Äste, Isomatte, PVC-Rohre, eine Klobürste. Der Widerstand ist nicht wählerisch, dafür erfinderisch: Eine mit Klebeband und Kabeln umwickelte Sprühflasche hängt über dem Weg. Eine „Bombenattrappe“, wie lächerlich auch immer, die Vorschrift verlangt es, dass der Kampfmittelräumdienst sie sichert. Und das dauert.

Kosten der Braunkohle in die Höhe treiben

Auch ein Baumhaus zu räumen, ist extrem aufwändig, denn es soll ja niemand verletzt werden. Manche der etwa 100 Aktivisten ketten sich bewusst hoch oben an wackelige Konstruktionen. Im Kern geht es ihnen darum, die gesellschaftlichen Kosten der Braunkohle in die Höhe zu treiben. Die Schönheit des „Hambi“ mag einige bewegen, auch wenn er keineswegs der letzte Urwald ist, als der er manchmal beschrieben wird: Hier wohnen zwar Bechsteinfledermaus, Gelbbauchunke und Winterlinde, aber Baumstümpfe und Forstwege zeugen von Bewirtschaftung. Der Tagebau hat neun Zehntel verschlungen und ab dem 1. Oktober darf RWE die Hälfte des 200 Hektar großen Restwaldes roden. Dem Unternehmen zufolge werden hier 15 Prozent des Stroms für NRW erzeugt.

„Das Thema ist größer als dieser Wald“, sagt denn auch der 26-jährige „Jona“. „Es ist ein Kristallisationspunkt für die Klimabewegung in Europa.“ Es geht also ums Prinzip. Und um die Erfahrung. „Bevor ich hierhin gekommen bin, hatte ich das Gefühl, als Einzelner machtlos zu sein. Hier kann ich mit anderen ganz direkt was tun, damit in ein paar hundert Jahren noch Leute auf diesem Planeten leben können.“ Ganz entspannt zieht Jona noch Klopapier, Fahrrad und Isomatte hoch in seinen Baum, wo schon Konserven, Trockenfrüchte, Reis und Nudeln lagern, bevor die Polizei und RWE kommen, heute oder morgen oder in zwei Wochen, um „Müll“ zu sammeln.

„Das Thema ist größer als dieser Wald“ sagen die Aktivisten

Im Nachbarcamp „Oaktown“ ist das „Aufräumkommando“ schon da. Die Polizisten wachen, die gelben Helfer sammeln Äste, Planen, Drahtzaun mit Hand und Baggern, während rund zehn Baumbesetzer über ihnen keifen und provozieren, beleidigen und argumentieren. „Ihr lasst euch missbrauchen.“ — „Bullenschweine raus!“ Einer turnt gesichert an Drahtseilen genau über den „Blauhelmen“ rum. „Ab und zu fällt von so einem Baum mal ein bisschen Totholz“, droht er. Es ist manchmal so infantil. Auch Kot soll geflogen sein, ein Flatschen zumindest ist zu sehen.

Die Polizei muss die Lage ernst nehmen, denn bei einer ähnlichen Aktion vor eineinhalb Wochen sind sieben Polizisten verletzt worden, einer schwer, als er von einem Stein aus einer Zwille getroffen wurde. „Die haben noch weiter auf die Helfer geschleudert“, sagt Polizeisprecher Paul Kemen. Unten schaufeln, oben schimpfen sie, ein Baum dreht die Musik auf, 80er-Jahre-Protest von „Ton, Steine, Scherben“: „Der Traum ist aus“.

>>> DER HAMBACHER FORST

Der Hambacher Forst liegt im Südosten des größten Braunkohle-Tagebaus. Vor Beginn der Förderung war der Wald 4100 Hektar groß. Laut RWE wurden bisher 3900 Hektar gerodet.

Der Wald hat laut Umweltschützern eine 12 .000 Jahre lange Geschichte.

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