Ruhrtalbrücke

Ruhrtal: Leben unter der längsten Stahlbrücke Deutschlands

Wohnen im Schatten der Mintarder Brücke: Julia Apeltrath und Matthias Strengbier im Garten des Elternhauses aus dem 14. Jahrhundert. Sie wohnen rechts der Ruhr.

Wohnen im Schatten der Mintarder Brücke: Julia Apeltrath und Matthias Strengbier im Garten des Elternhauses aus dem 14. Jahrhundert. Sie wohnen rechts der Ruhr.

Foto: Lukas Schulze / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Im Ruhrtal leben Familien im Schatten der Mintarder Brücke, die neu gebaut wird. Geschichten von Krach, Angst und Dingen, die von oben fallen.

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Stille ist nur, wenn Stau ist. Also jeden Morgen und jeden Nachmittag. „Und Heiligabend hörst du nix“, sagt Mona Apeltrath. Sie guckt schon gar nicht mehr hoch, hinauf zur Mintarder Brücke, 65 Meter über ihrem Kopf, wo 80.000 Fahrzeuge rollen jeden Tag. Zuviel, weshalb nun bald neu gebaut wird, und die Frage ist noch, wohin. Wie lange. Und mit wieviel Dreck. Weshalb die Menschen, die in Mülheim unter der Brücke wohnen, derzeit mit Sorge eher nach unten schauen.

Es gibt zwei Lager im Ruhrtal, links wie rechts des Flusses, im besten Fall frotzeln sie nur: „Bist du der Doofe oder wir?“ Fest steht nämlich bloß, dass die A 52, die heute auf 18 Pfeilern steht, künftig zwei Brücken sein wird: ein Zwilling. Anders kann sie den wachsenden Verkehr nicht halten. Das bedeutet, dass gut 30 Pfeiler neu entstehen, eine Reihe dort, wo das Bauwerk heute ist, und eine Reihe südlich davon. Oder eben nördlich. Das werden die Planungen ergeben, noch ist alles offen. Mitte 2020 könnten die Anwohner Genaueres erfahren, bis dahin aber müssen sie fürchten, dass die Pfeiler vielleicht bald in ihrem Garten stehen oder auf der Pferdewiese oder gar links und rechts vom Haus.

„Ohne Brücke sind wir aufgeschmissen, wir brauchen das Straßennetz“

Bei Matthias Strengbier (rechtsruhrisch, falls es das Wort gibt) ist das schon so. Gleich neben seinem denkmalgeschützten Elternhaus aus dem 14. Jahrhundert erhebt sich ein gewaltiger Pfeiler, mehr als zehn Meter breit, mit Graffiti beschmiert. Mittags macht die Brücke Schatten und sein ganzes Leben über Krach. „Wie es sich hier lebt?“, wiederholt der 56-Jährige die Frage. „Geht so.“ Man hat sich arrangiert mit der Brücke, „Heimat ist Heimat“, sagt Lebensgefährtin Julia Apeltrath.

Sie sind nicht gegen die Brücke, deren Neubau eine Bürgerinitiative bereits bekämpft, sie fahren ja selbst hinüber und wissen zu schätzen, dass der Verkehr nicht an ihrem Grundstück vorbeidröhnt, sondern darüber. Mehr noch: Julia Apeltrath findet die Brücke sogar „schön, ich würde mir ein Bild davon an die Wand hängen“, sie sagt, sie lebt damit. Sohn Tim, der auf der anderen Ruhrseite die väterliche Spedition betreibt, sagt: „Ohne Brücke sind wir aufgeschmissen. Wir brauchen das Straßennetz.“

Geräusche des Alters sind „richtig ätzend“

Tim Apeltrath (19) ist mit der Brücke aufgewachsen, genau wie seine Großkusine Mona (50) nebenan. In deren Fachwerkhaus liegen noch Fotos in der Schublade aus der Bauzeit der ersten Brücke. Tim sagt, bei Besuchern sei diese immer die spätestens zweite Frage: „Stört das nicht?“ Nein, sagt er dann, „wenn man hier wohnt, ignoriert man das“. Aus seinem Wohnzimmerfenster schaut er direkt auf die Hochstraße, er kann von hier die Werbung auf den Lkws sehen.

Was stört, sind die Geräusche, die das Alter macht. Dieses „Klack-Klack“ der betagten Widerlager, Julia Apeltrath sagt, es klingt wie eine Glocke, „unerträglich laut“. Die Schwingungen, die machen, dass Türen klappern und Scheiben klirren. Das Pfeifen des Windes in den Versorgungskästen unterhalb der Fahrbahn, das Mona Apeltrath „richtig ätzend“ findet.

Anwohner haben Angst vor Dreck und Lärm der Bauzeit

Was stört, sind die Dinge, die von oben fallen. Achtlos weggeworfene Zigarettenkippen. Radkappen, Taschenlampen, Batterien, einmal segelte eine Lkw-Plane ins Tal. Im Winter die Eisplatten, die von Lastern rutschen, kiloschwer, „lebensgefährlich“, sagt Matthias Strengbier. Und, auch das prägt das Leben hier unten, manchmal sind es auch Menschen, die sie fallen sehen. Sie springen nicht mehr so oft wie früher, seit es einen Sprungschutz gibt am Brückengeländer, aber die Erinnerung bleibt bei denen, die als Kind die Toten erlebten: „Das vergisst man nicht“, sagt Strengbier. „Ein komisches Gefühl“, sagt Tim Apeltrath. „Man hat das Elend immer mitgekriegt“, sagt Mona Apeltrath.

Was stört, ist nun auch die neue Unsicherheit. Die „Angst vor der Bauzeit“, sagt Julia Apeltrath, sie haben ja jetzt schon Setzrisse im alten Gemäuer. „Das wird nicht spurlos an uns vorübergehen.“ Die Lkws, die Baucontainer, der Schmutz – es wird wohl zehn Jahre dauern, mindestens, bis die neue Brücke steht. „Was kommt da, kriegen wir die Schäden ersetzt?“ Sie kennen das ja schon: Bei jeder Renovierung dort oben stürzte Baumaterial herab, schlug Löcher in Dächer, zerkratzte Windschutzscheiben. „Wir rechnen alle mit Komplikationen“, sagt Mona Apeltrath in Mintard, und es werde ja auch nachts gearbeitet. Zumal noch gar nicht klar ist: Wird die alte Brücke abgerissen, zurückgebaut, gesprengt?

„Dann ist hier keine Entspannung mehr, dann ist hier Stress“

Und dann ist da eben die Frage, wo die Brücke ihre neuen Füße hinbekommt. In die Pferdeweiden direkt darunter? Dorthin, wo gerade junge Familien ihre Elternhäuser restauriert haben? „Ich sehe ein bisschen meine Existenz schwinden“, sagt Mona Apeltrath. Sie hat Boxen für Pferde, die Besitzer kommen zum Entspannen, sagt sie. „Aber dann ist hier keine Entspannung mehr, dann ist hier Stress.“ Jemand hat ihr schon vorgeschlagen, einen Imbiss für die Bauarbeiter zu eröffnen. Ein Witz, so und so. Mona Apeltrath weiß, dass „das Ding da oben irgendwann nicht mehr trägt“. Aber sie ahnt auch, das neue wird, wie das alte, „immer pflegebedürftig“ sein: Die Arbeit hört nie auf. Sie nennt die Brücke ein „Pflegebauwerk“.

Doch „irgendwer“, das weiß auch Vetter Tim Apeltrath, „wird in den saueren Apfel beißen müssen“. Irgendwen wird es treffen, dass er Land hergeben muss oder Ruhe oder etwas von seiner Aussicht. Es gibt viele im Ruhrtal, die sich darüber aufregen, jemand spricht von einem „Herzriss“. Es gibt aber auch die, die lieber verdrängen, bis sie mehr wissen. Die abwarten, so lange nicht mehr investieren. Es bleibt sonst nichts übrig, und eigentlich finden sie es ja auch „ganz schön, im Ruhrtal zu leben“. Obwohl, diesen Satz von Mona Apeltrath hat man gerade kaum gehört: Einflugschneise für den Düsseldorfer Flughafen ist hier nämlich auch noch.

>>INFO: NEUBAU DER MINTARDER BRÜCKE

Dass die Mintarder Brücke über das Ruhrtal, 1966 fertiggestellt und mit 1830 Metern Deutschlands längste Straßenbrücke aus Stahl, die Last des Verkehrs 2020 nicht mehr tragen kann, ist länger bekannt. Im Sommer dieses Jahres wurde entschieden, dass sie abgerissen wird. An ihre Stelle soll eine Zwillingsbrücke kommen, auf der die A 52 jeweils dreispurig verläuft.

Derzeit laufen die Vorplanungen, Mitte kommenden Jahres soll feststehen, wo die neuen Pfeiler hinkommen: nördlich oder südlich des bestehenden Bauwerks. Beim Material tendieren die Planer inzwischen zu Beton, sie wollen aber auch „optisch etwas Schönes“ in die Landschaft setzen.

Es folgen Planfeststellungsverfahren, Ausschreibung und Bauzeit: Vor Beginn der 30er-Jahre wird der Verkehr nicht über die neue Brücke rollen können. Die Kosten für den Neubau werden mit deutlich mehr als 200 Millionen Euro kalkuliert.

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