Kriminalität

Reul in Gelsenkirchen: „Ich war bisher nur nachts hier“

Guten Tag, Herr Minister: Herbert Reul (re.) mit Vincenzo d’Ettorre

Guten Tag, Herr Minister: Herbert Reul (re.) mit Vincenzo d’Ettorre

Foto: Julia Tillmann

Gelsenkirchen  Herbert Reul besucht eine finstere Ecke in Gelsenkirchen. Aber Clans hin, Hochzeitsfeiern her: Der Innenminister verspricht mehr Sicherheit.

. Zwei Minuten bleiben Vincenzo d’Ettorre vor seinem Eiscafé „Kristall“. Der Innenminister des Landes hat nicht viel Zeit bei seiner Stippvisite an diesem späten Donnerstagnachmittag in Gelsenkirchen. „Schauen Sie sich mal um“, sagt der Italiener zu Herbert Reul, „was ist los hier“, setzt er hinterher, er erwartet vermutlich nicht einmal eine Antwort.

Was der Geschäftsmann meint, ist mit einem Blick auf die Fußgängerzone der Bochumer Straße am Südausgang des Hauptbahnhofs zu erfassen: ein Dutzend Dönerbuden und Trinkhallen, ein flacher Brunnen, der gegen die Tristesse anplätschert. Auf Bänken lungert die Trinkerszene herum, türkische und libanesische Männer mit Sonnenbrillen und Handys am Ohr schlendern scheinbar ziellos auf und ab, schwerer Grillgeruch von billigem Fleisch schwängert die Luft. „Das Publikum hat sich verändert hier“, sagt d’Ettorre, der das Café vor sechs Jahren übernahm, und schüttelt vorsichtig den Kopf.

Ein Vieraugengespräch mit dem Eiscafé-Chef

Was soll ein Minister nun sagen, den die Ruhr-CDU zu einem Vortrag samt Diskussion unter dem Titel „Brennpunkt Sicherheit“ in die Neustadt Gelsenkirchens eingeladen hat und ihm den frustrierten Eisdielenmann als Vorprogramm serviert?

Reul, der seine Hemdsärmeligkeit sonst gerne öffentlich zelebriert und am liebsten bei den Menschen ist, geht zu einem kurzen Vieraugengespräch ins Café, und will weiter. „Wir kommen wieder“, verspricht CDU-Ruhrbezirkschef Oliver Wittke dem Eiscafé-Besitzer.

„Wir wollen nicht nur, dass es keine polizeifreien, sondern dass es auch keine politikfreien Räume gibt“, doziert Wittke vor dem Journalstentross, der Reul und seinen beiden Bodyguards folgt. „Deswegen gehen wir auch da hin, wo es nicht so schön ist.“ Stimmt: Reuls „Brennpunkte“-Tour soll ihn auch in die Dortmunder Nordstadt und nach Duisburg-Marxloh führen.

Reul war bisher nur nachts in Gelsenkirchen

„Ich war ja bisher nur nachts hier“, erzählt Reul auf dem Weg zum Jugendzentrum, in dem 100 Zuhörer auf ihn warten. Die Razzien gegen Familienclans meint er, Reul hat Einsätze in den frühen Morgenstunden begleitet.

Fünf Minuten lässt der Zeitplan noch für Sozialarbeiterin Janina Kessler zu. Die junge Frau erzählt, wie sie bemüht ist, junge Menschen von der Straße für die Angebote im Jugendtreff zu begeistern, und erklärt Reul, dass nebenan leider regelmäßig gedealt wird. Als Sensation muss man den Hinweis in dieser Ecke der Stadt nicht empfinden.

Reul nickt. „Ich finde es ‘ne interessante Sache, was Sie hier machen“, versichert er. Janina Kessler lächelt höflich, sie hat möglicherweise schon originellere Sätze gehört, aber die Zeit drängt nun mal.

Mit Razzien die Clans in Unruhe bringen

Dass Reul das Publikum im kleinen Saal des Jugendzentrums flugs auf seine Seite bringt, überrascht nur den, der ihn noch nie bei solchen Veranstaltungen erlebt hat: Der 65-jährige Rheinländer vermeidet Politphrasen und verströmt bei seinen launigen Vorträgen Begeisterung über die eigene Arbeit, seine Aufgabe als Innenminister.

„Ich bin fest überzeugt, man kriegt das mit der Sicherheit in den Griff“, erzählt er, auch wenn es eine Weile dauern werde. Das haben sich seine Vorgänger vermutlich so ähnlich gedacht, Reul aber weiß sich mit dem neuen Polizeigesetz und mehr Polizisten schon einen Schritt weiter.

Ja, mit Razzien wolle man die Clans in Unruhe bringen, die ausschweifenden Hochzeitfeiern auf Autobahnen werde man sich auf keinen Fall bieten lassen, und die Polizei müsse unbedingt viel besser ausgestattet werden – dafür kämpfe er.

Verriegeln Sie die Fenster!

Banalitäten freilich scheut Reul auch nicht, wenn er einmal ins Plaudern gerät. Aber mancher scheint an diesem frühen Abend auch dankbar für den Hinweis, dass man seine Fenster verriegeln müsse oder seine Handtasche besser im Blick behalte. Und dass man positiver reden und freundlicher zueinander sein solle. Applaus.

Vincenzo d’Ettorre würde sich über mehr Freundlichkeit sicher freuen. Er wurde neulich im Café von einem Mann attackiert. Reul weiß auch da Rat: „Wenn Bürger angegriffen werden, kann ich nur raten, die Polizei anzurufen.“

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