Integration

Ob im Burkini oder Bikini - Wie Schwimmen Kulturen verbinden soll

Der Ganzkörper-Badeanzug Burkini soll den Körper der Frau verhüllen.

Der Ganzkörper-Badeanzug Burkini soll den Körper der Frau verhüllen.

Foto: Kerstin Kokoska

Ruhrgebiet.  Schwimmkurse nur für Frauen sind nicht nur unter Muslimas gefragt. Die Kleiderfrage ist kein Problem. Eher der Platzmangel, sagen Sportverbände.

Mit so einer großen Resonanz hatte Gülcan Göksel nie gerechnet. Sonntagsmorgens um 8 Uhr standen 30 Frauen vor dem, Bad, um den Frauenschwimm-Kurs der Sportgemeinschaft Friedrich der Große zu besuchen. "Dass so viele am Wochenende um diese Zeit dafür aufstehen, das hat mich schon überrascht", sagt die Hernerin.

Die 48-Jährige ist Abteilungsleiterin für den Bereich Frauenschwimmen in dem Herner Verein. Die Tatsache, dass nun ein Herner Gymnasium Schwimmbekleidung für Schülerinnen muslimischen Glaubens für den Unterricht angeschafft hat, hält Göksel für ein gutes Angebot.

Herner Gymnasium bestellte Burkinis für Schwimmunterricht

Die Schulleitung des Pestalozzi-Gymnasiums hatte 20 so genannte Burkinis für den Schwimmunterricht bestellt. Damit auch Schülerinnen mit muslimischem Glauben die Möglichkeit haben, am Unterricht teilzunehmen. 15 Schülerinnen haben laut Angaben der Schule das kostenlose Leihangebot bereits genutzt. "Bei uns soll jeder Schwimmen lernen und dafür schaffe ich die Bedingungen", argumentiert Schulleiter Volker Gößling.

Gülcan Göksel meint: Wenn es ein Angebot mit einem entsprechenden Rahmen für muslimische Frauen gibt, gibt es selten welche, die dies nicht annehmen. Viel zu oft gebe es dieses Angebot aber einfach nicht. Die Resonanz spreche für sich: Viele Frauen reisen aus Essen, Dortmund oder gar Mönchengladbach an, um an den Kursen des Herner Vereins teilzunehmen. Von der Schülerin über die Studentin bis zur Oma, von der Bürokauffrau bis zur Apothekerin – die Bandbreite der Teilnehmerinnen ist so „normal wie im richtigen Leben“, sagt Göksel.

Im Unterricht entscheiden die Frauen selbst, wie sie sich kleiden: Ob im Badeanzug, Bikini,Schwimm-Leggings oder in Shorts – so wie sie sich frei fühlen. „Manche tragen auch einen Schwimmanzug aus Oberteil und Hose. Im Türkischen heißt der Hasimi, hier wird er auch Burkini genannt“, sagt Göksel.

Frauen fühlen sich freier, wenn sie nicht mit Männern schwimmen

Die einzigen Anforderungen sind räumliche: Das Schwimmbad hat keine Fenster, also kann man von außen nicht reinschauen. Und der Unterricht erfolgt getrennt von Männern. An den Schwimmkursen, die zweimal wöchentlich stattfinden, nehmen auch nichtmuslimische Frauen teil. Auch da gäbe es welche, die sich freier fühlen, wenn sie nicht mit Männern zusammen schwimmen, sagt Kursleiterin Göksel.

Sportangebote wie die des Vereins Friedrich der Große sind Teil des Förderprogramms „Integration durch Sport“ des Landessportbundes NRW. Die Idee dahinter ist es, durch Sport interkulturelle Öffnung zu ermöglichen. Vereine wie Friedrich der Große gelten als Stützpunktvereine und werden gefördert.

Auch Vereine des Stadtsportbundes Dortmund erhalten Förderung durch das Programm. Kurse aus diesem Bereich finden in Zusammenarbeit mit Verbänden des Verbundes der sozial-kulturellen Migrantenvereine (VMDO) und Sportverbänden statt. „Der religiöse Aspekt spielt nicht vorrangig eine Rolle. Wir achten aber darauf, dass die religiöse Freiheit der Teilnehmenden geachtet wird“, sagt Projektleiter Paul Pyka.

Projekt "Integration durch Sport": Vereine erhalten Fortbildungen

Was die Bekleidung im Wassersport betrifft, können Badebetreiber selbst entscheiden, wie sie damit umgehen, so Pyka. Ausschlaggebend seien die Hygiene-Vorgaben. Die betreffenden Vereine jedoch erhalten Fortbildungen, um ein besseres Verständnis für den Kulturbegriff, Werte und Biografieverhalten zu entwickeln und zu lernen, wie Konflikte vermieden werden können.

Bei Neuankommenden wie Geflüchteten wiederum könne Sport hilfreich sein, um Orientierung zu bieten. „Junge Geflüchtete kommen oft aus Ländern mit anderen Sportsystemen. Im Verein entwickeln sie dann Verständnis für die deutsche Vereinsarbeit und das Ehrenamt“, sagt Pyka.

Beim Sportbildungswerk Bochum herrscht ein ähnliches Verständnis. „Kultursensibilität ist für jegliches Sportangebot und jegliche Gruppe gefordert“, sagt der pädagogische Leiter Christoph Kreutzenbeck. Verschiedene Wertevorstellungen zu respektieren gehöre auch zum Sport dazu. Dass es Probleme aufgrund religiöser Werte gibt, habe Kreutzenbeck in seiner Funktion als Lehrer im Schwimmverein selbst noch nicht erlebt.

Wegen Raummangel gibt es zu wenig Schwimmkurse

Die Mutter einer jugendlichen Teilnehmerin mit muslimischem Hintergrund habe beim Sportbildungswerk selbst eine Ausbildung zur Sportleiterin angefangen, erzählt Kreutzenbeck. Später hat sie als Kursleiterin Schwimmkurse und Aquagymnastik für Frauen angeboten. Die Kurse im Lehrschwimmbecken der Heinrich-Böll-Schule waren sehr gut besucht, so Kreutzenbeck. Einzige Bedingung: Das Angebot sollte nur für Frauen sein.

Was die Bekleidung anging, habe es keine Vorgaben gegeben. Laut Kursleiterin Mayrat seien die Frauen so gekommen, wie sie Lust hatten, ob in Bikini oder Burkini. „Wir bedauern vielmehr, dass die Kurse aufgrund von Sanierungsarbeiten ausgesetzt werden mussten“, sagt der Schwimmlehrer.

"Das ist fatal" - Reaktionen auf Burkinis an Herner Schule Darin sieht Kreutzenbeck viel eher das Problem: Wenn durch Mangel an Raum oder Angeboten, Jugendliche und Erwachsene nicht schwimmen lernen können. „Das wird ja dann schon ein Sicherheitsproblem. Jeder sollte schwimmen lernen“, sagt Kreutzenbeck.

Nicht genügend Lehrbecken und Rettungskräfte

Gülcan Göksel kann sich in ihren Kursen in Herne kaum noch vor Anmeldungen retten. Manchmal müsse sie absagen – dabei hat sie bereits zwei Kurse mit bis zu 50 Teilnehmerinnen. „Ich habe nicht genug Lehrbecken und Rettungskräfte, sonst würde ich gerne mehr anbieten“, sagt die Ehrenamtlerin.

Auf ihre Schülerinnen ist Göksel jedoch ziemlich stolz: Manchen nehmen an zwei Kursen teil und lernen bereits in zwei Wochen, richtig zu schwimmen – die 48-jährige Mutter selbst habe vor etwa 15 Jahren vier Wochen gebraucht, bis sie das Schwimmen beherrschte.

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