Zirkuswelt

Manege frei für Anna Herkt aus Herne: Akrobatin bei Roncalli

Pole-Akrobatin Anna Herkt an ihrer Stange.

Pole-Akrobatin Anna Herkt an ihrer Stange.

Foto: Marc Niederberghaus

Herne/Oberhausen.  Anna Herkt verließ nach dem Abitur Herne, um Artistin zu werden. Jetzt kehrt sie heim, als Pole-Akrobatin im Circus Roncalli.

Seit zwei Jahren lebt Anna Herkt ohne festen Wohnsitz, aus dem Rucksack, und: von der Stange, ihrem „Pole“. Und sie ist sehr glücklich, dass es so kam. Denn die 25-Jährige aus Herne ist ein „Familienmensch“, aber auch Akrobatin, mit Leib und Seele. Vor zwei Jahren machte die Pestalozzi-Gymnasiastin nach vier Jahren Studium an der renommiertesten Zirkusschule Europas, der École Supérieure des Arts du Cirque in Brüssel, ihren „Bachelor of Circus Arts“. Seither tingelt sie mit ihrem Pole durch die Welt. Jetzt bringt die „Höhner Rockin’ Roncalli Show“ Anna Herkt für ein paar Tage zurück in ihr Revier. Bis 16. Juni gastiert sie mit dem Circus Roncalli und der Kölner Musikband in Oberhausen. Und wohnt „endlich mal wieder zuhause“.

Beim Bochumer Streetart-Projekt „Urbanatix“ lernt sie das Artistenleben lieben

Der Vater ist Lehrer, die Mutter arbeitet in einem Hospiz. Ein echtes Zirkuskind ist Anna Herkt also nicht. Aber schon früh begeistert sie sich fürs (Kunst-)Turnen. Mit 14 trainiert sie fünfmal pro Woche. Dann zertrümmert ihr eine missglückte Rückwärtsschraube das Knie. Dem Unfall folgt eine fast einjährige Zwangspause. „Danach“, sagt Anna Herkt, „fing ich wieder an zu turnen. Aber es war mir nicht mehr so wichtig“.

Die Schülerin bewirbt sich beim Bochumer Streetart-Projekt „Urbanatix“ – und wird für die Tricking-Gruppe engagiert; die auf langen Bahnen eine Mischung aus Kampfsport, Breakdance und Akrobatik zeigt. Es beginnt: „eine supercoole Zeit“. Die 15-Jährige aus Herne trifft auf Profi-Artisten aus aller Welt, ist „total beeindruckt“: „Das kleine Mädchen, sagt Anna Herkt heute, „machte große Augen. Das war genau meine Welt, das war so, wie ich leben wollte. Weltoffen, ohne Berührungsängste“. Die Bühne, der Auftritt, sei gar nicht ihr „Ding“ gewesen, sie sei ja eher schüchtern. „Aber das ganze Drumherum...“.

Von der Hand-auf-Hand-Akrobatik“ zum Chinese Pole

Noch vor dem Abitur bewirbt sie sich an allen Artistenschulen, die ihr empfohlen werden. Die Auditions, mehrtägige Bewerbungsrunden, finden während der Klausurenphase statt, egal. Am Ende steht sie mit einem Super-Abi-Schnitt (1,8!) da und jeder Menge Zusagen, sogar einer aus Montreal. Aber Kanada? Ein anderer Kontinent. Irgendwie doch unvorstellbar für die 19-Jährige, die an Familie und Freunden in Herne „sehr hängt“. Herkt entscheidet sich für Brüssel, trainiert zunächst zusammen mit zwei Muskelpaketen aus Schweden „Hand-auf-Hand-Akrobatik“, studiert zudem Tanz, Ballett und Theater, büffelt Anatomie, Dramaturgie, Kunst- und Zirkusgeschichte. Wieder ist es eine schwere Verletzung, die sie umdenken lässt: Diesmal zerreißt es ihr die Schulter, als ihre Partner sie bei einer Handstand-Übung verdreht in die Luft „schmeißen“, wieder muss sie lange pausieren. Danach wechselt sie zum „Chinese Pole“, einem sechs Meter hohen Mast. Der Pole, erklärt sie, „ist eine langlebige Disziplin. Das geht sicher eine Weile gut.“ Heute hat sie ihren eigenen, einen, der nur 3,50 Meter lang und wenig mehr als 100 Kilo schwer ist. „Lässt sich prima zerlegen, passt ins Auto, muss nicht verspannt werden. Macht mich flexibel und unabhängig!“

Yoga hilft ihr „runterzukommen“ - Weiterbildung zur Lehrerin

Ihrem Exit-Projekt, der Abschlussarbeit für die Brüsseler Zirkusschule, gibt sie den Titel „Wear It Like A Crown“. Um Unsicherheit und Schüchternheit geht es dabei, die man stolz, wie eine Krone, tragen soll: Nicht wegrennen, vor dem, was man fürchtet, sondern sich seinen Ängsten stellen. Wie sie es getan habe. „Dadurch wird man frei“, weiß sie heute.

Die Bühne, soviel ist sicher, ist längst „ihr Ding“ geworden. Auch wenn es vor dem Auftritt noch immer „ordentlich kribbelt im Bauch“. Doch fast schwerelos fliegt die 25-Jährige um die Stange, von der Körperbeherrschung, der Kraft, die sie sie dafür aufwenden muss, von Aufregung ist da nichts zu sehen. Yoga hilft ihr „runterzukommen“, erzählt sie. Sie schwöre darauf; im Fernstudium hat sie sich inzwischen gar zur Lehrerin ausbilden lassen.

Unmittelbar nach dem Studium heuert sie bei der belgisch-französischen „Compagnie Loïc Faure“ an, kreiert mit ihr eine erste eigene Show; sie wird für Messen, Galas, Festivals und Kreuzfahrten engagiert; bei der Newcomershow im Leipziger Krystallpalast Leipzig ausgezeichnet. Sie tritt in Panama beim „Tribal Gathering“ auf, einem spirituellen Festival der Ureinwohner verschiedenster Kontinente. „Das lief alles wie von selbst. Nur die Gagen auszuhandeln, fiel mir anfangs schwer.“ Aber dafür habe man ja Artistenfreunde, die man um Rat fragen kann … Überrascht stellt sie schließlich fest: Man kann von diesem Beruf sogar leben.

„Zu viele mega Hammermomente“

Ob sie ihn in 25 Jahren noch ausüben wird? „Gruselige Frage“, sagt Anna Herkt. „Das will ich gar nicht wissen.“ Sie wolle „im Moment leben“. Klar denke sie manchmal über die Zukunft nach, gerade jetzt, da sie wieder zuhause sei, und die alten Freunde wiedersähe. Da komme man schon mal ins Nachdenken. Und manchmal zweifele sie auch an dem, was sie tue. „Aber nie grundsätzlich! Dafür gibt’s viel zu viel mega Hammermomente!“

Die aktuelle Show übrigens ist Anna Herkts erste, richtige in einem Zirkuszelt: „Mit Popcorn-Geruch, Manege und Live-Musik. Macht irre Spaß“. Im Finale der Artisten aus aller Welt strahlt in Oberhausen niemand breiter als das Mädchen aus Herne.

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