Kirche

Kein Pastor und kein Profi mehr: Gemeinde leitet sich selbst

Jesu’ Spuren im Leben: Die Kinder aus der Gemeinde „Zur Heiligen Familie“, hier Leonore, Niklas und Ferdinand (v.l.) bemalen in der Karwoche ihre Füße und drucken sie auf ein Hungertuch.

Jesu’ Spuren im Leben: Die Kinder aus der Gemeinde „Zur Heiligen Familie“, hier Leonore, Niklas und Ferdinand (v.l.) bemalen in der Karwoche ihre Füße und drucken sie auf ein Hungertuch.

Foto: Julia Tillmann

Ruhrgebiet.   Eine Essener Gemeinde stand plötzlich ohne hauptamtliche Führung da. Ehrenamtliche übernahmen. Nun bleibt die Kirche im Dorf.

Wo, wenn nicht hier, hätte das funktionieren sollen, die Gemeinde heißt doch schon so: „Zur Heiligen Familie“ ist die erste in Essen und die zweite im zugehörigen Bistum, die allein von Ehrenamtlichen geleitet wird. Kein Pfarrer, kein Gemeindereferent, „nur“ die Gläubigen selbst, „generationenübergreifend herzlich“, wie sie selbst sagen. Also: wie eine große Familie.

Neulich ist es wieder passiert, da spielte eine junge Frau in einer Andacht Popmusik. Laut! Und dann hatte sie noch „ein provokatives Gebet“ dazu geschrieben, wie Britta Pöllen sagt. Gut, sie haben noch gestaunt, die Älteren, sonst würde die 57-Jährige aus dem neuen Leitungsgremium das nicht erzählen. Aber niemand hat sich aufgeregt, niemand hat das Mädchen gar „für nicht gläubig gehalten“.

Nach dem Gottesdienst noch Fußball gucken?

Früher hätte das vorkommen können, selbst in der „Heiligen Familie“ im Stadtteil Margarethenhöhe, einer von jeher lebendigen Gemeinde. Da gab es die „Schon-immer-so“-Menschen, die traditionell ihren Glauben leben – Fasten, Andacht, Psalmen – und die modernen, die Gottesdienst mit Spaß verbinden und danach zusammen Fußball gucken. Am Ende noch mit Bier! „Zwei Welten“, sagt Britta Pöllen, vielleicht sogar mehr: die Messdiener, die Familien, die Alten... Nun arbeiten, planen, feiern, beten sie zusammen „von Jung bis Alt, das war nicht immer so“. Jedenfalls nicht ganz.

Dieser Glücks- entstand in Essen durch einen Trauerfall. Es war Herbst 2016, als die Gemeindereferentin, eine allseits beliebte und engagierte Frau, plötzlich starb. Da war „Zur Heiligen Familie“ in Zeiten der Schrumpfung von Kirche bereits Teil einer Großgemeinde, hatte seit 2009 keinen eigenen Priester mehr. „Wir vermissen sie sehr“, sagt Britta Pöllen heute, der Tod der Gemeindereferentin war ein Schock, aber kein Grund für eine Schockstarre. „Wir handeln“, das war gleich klar, „wer kann was übernehmen?“, war die Frage, auf die es überraschend viele Antworten gab.

Gemeindeglieder entdeckten ungeahnte Talente

„Für alle Aufgaben hat sich jemand gefunden“, sagt Franziska Gärtner, eine von den vielen jungen Leuten, die sich engagieren. Gerade erst machten fünf einen Kurs, die dürfen Kranken jetzt die Hostie nach Hause bringen; und im „Schlupfloch“ zwischen Messdienern und schon älteren Erwachsenen haben sich die Freunde von Franziska (28) zusammengetan, sie bereiten etwa Gottesdienste vor. Talente wurden da gehoben, von denen sie auf der Höhe noch gar nichts ahnten. Das der Bücherei-Mitarbeiterin, die jetzt auch das Gemeindeblatt gestaltet, das eines jungen Paares, das nun den Ausschuss Kinder-Jugend-Familie führt. „Es ist schön zu sehen“, sagt Britta Pöllen, „wie jemand seine Talente entdeckt.“

Jutta Baltrusch hatte ihres schon vorher eingebracht, sie hat den Jugendleiter-Schein, macht Kommunionsunterricht und gerade Kinder-Karwoche. Sie hat den Kleinen beigebracht, dass Jesus „sehr nett“ war, obwohl andere ihn für einen Verbrecher hielten, wie Sophie (7) sagt. Und dass er Spuren hinterlässt im Christenleben, „die besten Spuren“, sagt Leonore (6), „die sieht man nicht“. Es gebe jetzt, findet Jutta Baltrusch, „mehr Raum für Kreativität“. Sie fühle sich freier, die neue Situation „veranlasst Leute, selber nachzudenken“. Und sie sei „befruchtend: Es muss nicht mehr so sein, wie es immer war.“

Bistum: „Wir müssen Kirche anders denken“

Das kann es auch nicht. Die Zahl der Hauptberuflichen in der Kirche geht zurück, „wir müssen Kirche anders denken, das Personal anders verteilen“, sagt Michael Dörnemann, beim Bistum Leiter des Pastoral-Dezernats. Die Kirche brauche mehr ehrenamtliches Engagement, in der „Heiligen Familie“ gebe es das Potenzial, das Gemeindeleben mitzutragen. Und den Willen. „Die Kirche bleibt im Dorf“, das war das Ziel, und das Bistum hilft mit: „Warum sollten wir das Experiment nicht mal zulassen?“

Man schickte also einen Pater in den Ginsterweg, den Prozess zu begleiten. Viele Stunden hat das gedauert, man musste sich erst sortieren, „aufeinander einlassen“, sagt Britta Pöllen, voneinander lernen. Und stellte fest: „Die Werte sind alle gleich!“ Nächstenliebe, Toleranz, Respekt, Wertschätzung. „Jesus nachfolgen“ wollten sie alle in der „Heiligen Familie“, ein „Freundeskreis im Glauben“ sein. Darauf bauten sie sieben „Säulen“, für Liturgie etwa, für Caritas, für Immobilien und Finanzen. Dem Bistum gefiel’s, es gestand den Ehrenamtlichen zu, auch Fehler zu machen. „Das macht Mut“, sagt Britta Pöllen.

„Meine Freunde, meine Familie, mein Leben!“

Ende März wurden zwölf gewählte Menschen im Leitungsteam eingesegnet, alles solche, die sich für ein „Hobby mit mehr Verantwortung“ entschieden haben, es war ein Fest. Und so heißt es auch im Netz über die Gemeinde: dass sie eine „quirlige und quicklebendige“ sei, „die kirchliches und Stadtteil-Leben prägt. Ob dynamisch in der Jugend, stark in der Frauenarbeit, partytauglich beim Gemeindefest...“ Zu Weihnachten schon stand Britta Pöllen glücklich am Altar: „Das hier sind meine Freunde, das ist meine Familie, mein Leben. Ich bin so dankbar, dass ich hier mit euch feiern darf!“

>> INFO: AUS SECHS MACH EINS

Die Gemeinde „Zur Heiligen Familie“ gehört seit 2008 zur Pfarrei St. Antonius im Essener Westen. Außerdem gehören St. Antonius selbst, St. Elisabeth, St. Mariae Empfängnis, St. Mariae Himmelfahrt und die polnischsprachige Gemeinde St. Clemens Maria Hofbauer zur Großgemeinde.

Das Thema Ehrenamtliche Leitung betrifft derzeit noch zwei weitere Gemeinden im Bistum Essen: St. Barbara in Duisburg wird schon seit 2014 von einem ehrenamtlichen Team geleitet. In Oberhausen befindet sich auch die Liebfrauen-Gemeinde in einem entsprechenden Prozess.

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