Projekt „Prejob“

Niemals aufgeben! Wohnungslos zum Einser-Abschluss

Lebte lange auf der Straße: Patricia (22) hat nach ihrem Haupt- nun auch ihren Realschulabschluss geschafft.

Lebte lange auf der Straße: Patricia (22) hat nach ihrem Haupt- nun auch ihren Realschulabschluss geschafft.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Das Projekt „Prejob“ hilft jungen Wohnungslosen in Dortmund, ihren Schulabschluss nachzuholen. Die Ersten schlossen mit „Sehr Gut“ ab.

Schon als Kind hat Patricia immer „mal da, mal da gewohnt“, aber zuhause eigentlich nie. Und sie sagt, wer auf der Straße lebt, denkt an andere Sachen als an Schule: „Wo kriege ich was zu essen, woher Klamotten für den Winter?“ Sie ist also selten hingegangen, mehrfach in die achte Klasse und dann gar nicht mehr – und hat trotzdem jetzt ihren Realschulabschluss gemacht. Mit 22, der Hilfe des Projekts „Prejob“ in Dortmund und einem Einser-Schnitt.

Patricia ist also so etwas wie die Vorzeige-Schülerin bei „Prejob“, ein lebender Beweis, dass die Idee funktioniert: junge, entkoppelte Menschen ohne Dach über dem Kopf wieder auf die Schulbank zu bringen. Sie hatten das Problem ja so oft bei den Streetworkern der Hilfsorganisation „Off Road Kids“, die „Prejob“ vor zwei Jahren erfand: dass sie einen jungen Menschen – sie nennen sie „Klienten“ – zwar von der Straße holten, in eine Wohnung vermittelten, aber dann war Endstation. Kein Schulabschluss, keine Ausbildung, keine Anstellung. Dabei ist das das Ziel: die Anbindung wohnungsloser Jugendlicher an den ersten Arbeitsmarkt. „Manche Klienten waren auf einem guten Weg“, sagt Projektleiter Timm Riesel. „Aber der Weg war oft zu weit.“

Nach Jahren auf der Straße klaffen große Wissenslücken

In „Bildungsanalysen“ stellten die Sozialarbeiter in Dortmund fest, dass viele der jungen Leute schon mindestens drei Jahre nicht mehr in der Schule waren. „Da klaffen große Wissenslücken“, sagt Timm Riesel. Etwa vom Prüfungswissen für den Hauptschulabschluss bringen die Klienten im Schnitt nur so viel mit: 28 Prozent im Fach Deutsch, 25 in Englisch, ganze 13 Prozent in Mathe.

Natürlich gibt es Möglichkeiten, einen Schulabschluss nachzuholen, auch wenn man schon erwachsen ist. Aber ohne Wohnung, sagt Timm Riesel, „kann man schlecht morgens um acht bei der VHS aufschlagen“. Das System Schule sei schlecht geeignet für die Klienten, und tatsächlich: Wo macht man Hausaufgaben, wenn man kein „Haus“ hat?

Junge Leute müssen erstmal den Lebensalltag regeln

Das bestätigt auch Patricia: Wenn sie einen Schlafplatz fand, nach einem langen Tag auf der Straße, „dann bist du froh, wenn du mal bis neun Uhr schlafen kannst“. Und für ein Ticket von der Übernachtungsstelle zur Schule hatte sie nie Geld. Hinzu kommt, dass viele der jungen Wohnungslosen gesundheitliche Probleme hätten, so Riesel, psychische oder Suchterkrankungen. „Sie müssen erstmal ihren Lebensalltag regeln.“

Hier setzt „Prejob“ an. Mehr als 20 Betroffene, oft seit Jahren betreut, begleitet, beraten von den Sozialarbeitern bei „Off Road Kids“, haben derzeit im Projekt einen Platz zum „individuellen Lernen“. In Zusammenarbeit mit einer Fernschule bekommen sie wöchentlich ein Lernpaket – und in den Dortmunder Räumen ein eigenes Fach mit roten Ordnern: Mathematik, Deutsch, Englisch. Erdkunde, Biologie, Geschichte. Und einen mit „Allgemeinwissen“. Da stecken die Themen Stromvertrag, Versicherung, Schuldenregulierung drin.

Wenn Stephan fehlt, gibt es keinen Eintrag im Klassenbuch

Noten gibt es nicht, keine Klassen, aber auch keine Ferien. „Der Stoff rennt nicht weg“, sagt Timm Riesel, „in der Schule kann der Lehrer ja nicht warten.“ Die Schüler bei Prejob dürfen auch aussetzen, wenn das Leben sie mal wieder ausbremst. „Ich kriege keinen Eintrag im Klassenbuch“, sagt Stephan, 23 dankbar. „Die fragen mich hier, was los ist.“ Stephan hat manchmal gefehlt, er schafft auch keine Acht-Stunden-Tage, aber „ich gebe mir Mühe, jeden Tag hier zu sein“. Immer noch, dabei hat er soeben den Hauptschulabschluss geschafft, mit einem Durchschnitt von 1,3.

Stephan sagt selbst, er hat viel Mist gemacht, und dabei war der Abgang von der Hauptschule nach Klasse 9 noch der kleinste Haufen. „Ich wusste nicht, wohin mit mir“, nach Hause konnte er mit 18 nicht mehr. Und „Scheiß drauf!“, so dachte er über die Schule. Bei den „Off Road Kids“ merkte er, „dass es ohne Abschluss nichts wird, ohne Ausbildung ist das Leben schwierig“. Seitdem Stephan bei „Prejob“ mitmacht, „geht’s bergauf, zumindest schulisch, und mit dem Rest habe ich auch angefangen“.

Teilnehmer lernen nicht nur für die Schule, sondern fürs Leben

Dabei war gerade Stephan ein „typischer Fall“. Wissbegierig sei er, sagen seine Betreuer, aber manchmal mussten sie ihn per SMS zurück- oder aus depressiven Löchern holen. Die Schüler müssten das Lernen erst wieder lernen, den inneren Schweinehund überwinden. „Es ist schwierig“, sagt Timm Riesel, „Vokabeln zu pauken und Mathe zu büffeln. Es kostet viel Zeit und Schweiß, sich wieder reinzufuchsen“. Stephan sagt: „Ich hatte keine Struktur und keine Idee.“

Und doch hat er bis zur Prüfung im Mai nicht nur für die Schule gelernt, sondern fürs Leben: „Ich kann mich besser konzentrieren. Ich kann besser mit Geld umgehen. Ich bin weniger ängstlich. Ich habe meine Emotionen im Griff, na ja, hin und wieder. Ich kann Hilfe annehmen.“ Noch mehr? Stephan lacht. Er macht jetzt weiter, nächste Etappe Realschulabschluss.

Noch fünf Jahre, dann will Patricia „fest im Leben stehen“

Wie Patricia. Die will Sozialarbeiterin werden, seit sie den ersten kennengelernt hat. „Ich hatte nur nie jemanden, der mir sagt, wie das geht.“ Nun zieht sie die Sache durch. Hat eine Wohnung, machte den Hauptschulabschluss in acht Monaten, als Beste unter den Fernschülern in NRW, setzte die Realschule gleich drauf. Und geht nach den Ferien an die „richtige“ Schule, das Fachabi nachholen. Patricia hat sich alles ausgerechnet: In fünf Jahren will sie fertig sein, bis dahin ist sie 27 und Sozialarbeiterin. „Dann möchte ich fest im Leben stehen.“

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