Datenschutz

Iserlohn verpixelt die Gesichter von Blech-Schutzmännern

Schon etwas mitgenommen sieht die alte Version des Warnpolizisten aus (l.). Bei seinem Nachfolger musste jetzt das Gesicht unkenntlich gemacht werden.

Schon etwas mitgenommen sieht die alte Version des Warnpolizisten aus (l.). Bei seinem Nachfolger musste jetzt das Gesicht unkenntlich gemacht werden.

Foto: Ralf Rottmann/Funke Foto Services

Iserlohn.   Erst sollten die Warnpolizisten aus Blech möglichst realistisch aussehen, dann mussten ihre Gesichter verpixelt werden. Das steckt dahinter.

Sie verrichten ihren Dienst bei Sturm und Regen ebenso wie in glühender Hitze. Rund um die Uhr über Wochen, wenn nicht Monate. Klaglos, wortlos. Seit den 50er-Jahren weisen Schutzmänner aus Blech auf veränderte Verkehrsführungen hin, machen auf neu eingerichtete Einbahnstraßen aufmerksam oder warnen an Unfallschwerpunkten. In Iserlohn tun sie das seit kurzem mit verpixelten Gesichtern. Datenschutz.

Mitten in der Iserlohner City sind derzeit zwei der neuen Alu-Kameraden im Einsatz. „Die Vorgänger waren alle durch“, sagt Marc Giebels, Sprecher des zuständigen Stadtbetriebes Iserlohn-Hemer (SIH). Und sie waren auch nicht mehr zeitgemäß. Grünes Sakko zu senffarbener Hose, weiße Handschuhe und Gürtel in der gleichen Farbe. So ähnlich, wie sie überall im Land mal ausgesehen haben. Vor Jahrzehnten von Mitarbeitern aufgemalt auf – anscheinend selbst zugeschnittenes – Blech erinnerten sie ein wenig an den Wachtmeister aus dem Kasperltheater. Nur eben in 2D.

Gesetzliche Vorgaben gibt es nicht

Grundsätzlich ist das kein Problem. Denn gesetzliche Vorgaben für den sogenannten Warnpolizisten gibt es nicht. „Das ist kein offizielles Verkehrsschild“, weiß Giebels. Theoretisch kann also auch ein britischer Bobby oder ein Sheriff mit mahnend ausgestrecktem Zeigefinger vor Gefahren warnen.

Aber das wollten sie nicht in Iserlohn. „Wir wollten möglichst nahe an der Realität bleiben“, erklärt Giebels. Deswegen fragten sie bei der Iserlohner Polizei nach, ob ein Beamter bereit sei, Modell zu stehen. „Das hat ein Kollege auch gemacht“, bestätigt die Pressestelle der Polizei. In aktueller blauer Uniform – nicht gezeichnet, sondern hoch auflösend fotografiert.

„Wo kein Gesicht ist, kann man nichts verunstalten“

Weil er aber in der Stadt noch aktiv im Dienst sei, habe er darum gebeten, nicht sein Gesicht, sondern irgendein anderes zu zeigen. „Dem mussten wir uns natürlich fügen“, sagt der SIH-Sprecher und erinnert an das „Recht am eigenen Bild“ und die Datenschutzverordnung. Und überhaupt kann Giebels den Beamten gut verstehen. „Der Mann wäre ja überall darauf angequatscht worden.“

Ein anderes Gesicht hat „Wachtmeister Alu“ dann aber nicht bekommen. „Wen hätten wir nehmen sollen?“, fragt Giebels. Deshalb haben sie sich bei den Stadtbetrieben entschieden: „Wir pixeln“, machen den Kollegen also grafisch unkenntlich. Das habe, erklärt Giebels, auch noch einen anderen Vorteil. „Wo kein Gesicht ist, kann man auch nichts verunstalten. Keinen Schnurrbart aufmalen, keine Zahnlücke.“

Polizei äußert sich nicht zum neuen Blechkollegen

Offiziell will sich die Polizei nicht zum anonymen Kollegen äußern. Unter der Hand ist allerdings zu hören, man sei „überrascht“ von der Entwicklung. Bei Passanten vor Ort sind die Reaktionen gemischt. „Völlig albern“, sagt eine junge Frau, „ein bisschen gruselig“, finden zwei Teenager, und ein Mann in den 50ern kann nur noch den Kopf schütteln: „Das ist an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten.“ Den meisten aber ist der Pixel-Polizist offenbar egal. „Wir haben da gar nicht drauf geachtet“, gibt ein Ehepaar zu.

Giebels steht dann auch zur Entscheidung. „Der neue Mann ist sturmfest, aus Aluminium und Kunststoff gefertigt mit feuerverzinktem Fuß“, schwärmt er. Und er sei mit rund 250 Euro pro Stück weitaus günstiger als die Warnpolizisten aus dem Internet. Bei dem Straßenausstatter C. Roer aus Münster etwa kostet ein Warnpolizist im 50er-Jahre Look – „Polyester, glasfaserverstärkt, plastisch gearbeitet“ – mehr als 900 Euro.

Modelle aus dem Internet sind teurer

Für die realistische Variante – Foto-Folie mit Antigraffitischutz auf drei Millimetern Aluminium – sind 459 Euro zu zahlen. Dafür hat die junge Blechpolizistin, möglicherweise ein professionelles Foto-Modell, allerdings auch ein Gesicht. Ungepixelt. Ärger mit Datenschützern habe man bisher nicht gehabt, sagt Roer-Mitarbeiter Matthias Ottenhues. „Beide Modelle werden gerne genommen.“ Auch, um auf Firmengeländen vor Gefahren zu warnen.

Manche Städte im Ruhrgebiet aber greifen nicht mehr auf die Blechkameraden zurück. „Die haben wir“, heißt es etwa aus dem Tiefbauamt in Dortmund, „schon lange ausgemustert.“ In Essen und Duisburg dagegen kommen die stummen Mahner hin und wieder noch zum Einsatz. Neue Modelle allerdings sind nicht mehr angeschafft worden. „Deshalb“, heißt es übereinstimmend, „mussten wir uns in diesem Zusammenhang noch keine Gedanken über Datenschutz machen.“

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