Hambacher Forst

Im Hambacher Forst fallen die ersten Widerstandsnester

Die Polizei holt die Aktivisten mithilfe von Kletterern und Hebebühnen sicher von den Bäumen.

Die Polizei holt die Aktivisten mithilfe von Kletterern und Hebebühnen sicher von den Bäumen.

Foto: Lars Heidrich

Kerpen.   Ein Großaufgebot an Polizisten holt die rund 150 verschanzten Aktivisten aus den Baumhäusern. Die Räumung wird vermutlich mehrere Wochen dauern.

Das erste Widerstandsnest im Hambacher Forst fällt kurz vor 11 Uhr am Donnerstag, umringt von dutzenden Kameras am Flatterband, noch mehr Polizisten und dem Werkschutz von RWE. Doch zweieinhalb Stunden sind seit der Ansprache der Polizei vergangen, und es handelt sich hier nur um einen „Monopod“, einen simplen Baumstamm mit Hochsitz, von Seilen gehalten. Der Aktivist, der stundenlang oben saß und rief „Ich bin ungesichert“, er ist vor seiner Festnahme über Seile auf eine Dreibein-Konstruktion geflüchtet.

Zwar sind fast alle 18 Hundertschaften des Landes im Einsatz, dazu die Bundespolizei und Kräfte aus anderen Bundesländern, doch wenn es in diesem Tempo weitergeht, dann wird die Räumung des besetzten Waldes Wochen dauern. „Mit zwei wird man nicht auskommen“, schätzt Polizeisprecher Paul Kemen.

Baumhaus mit Wlan, Strom und Satellitenanschluss

Der Konflikt zwischen Umweltaktivisten und Energiekonzern um die Rodung eines alten Waldes für einen Braunkohletagebau tritt nun also in die heiße Phase. Doch sie beginnt so taktisch, wie die Parteien sich fast sieben Jahre lang umtanzt haben, mit Steinwürfen und Verfolgungsjagden mit Personenschaden, mit Beschimpfungen und Psycho-Beschallung. In den letzten Wochen mehrten sich die Durchsuchungen, RWE, geschützt von der Polizei, räumte die Wege von Barrikaden, Linksautonome warfen Kotbeutel, davor soll jemand Reizgas auf ihre Klopapiervorräte gesprüht haben.

Auf dem „Tripod“, einer gewollt wackeligen, zehn Meter hohen Dreibein-Konstruktion mit Plattform, blicken nun eine junge Frau und ein Mann mit Ohrenmütze dem Hubsteiger entgegen. Die zwei Polizisten und der Werkschutzmann auf der Arbeitsplattform schneiden sich durch Zweige heran. Das Ziel der Aktivisten ist Zeit, sie versperren Baggern und Räumfahrzeugen den Weg zu den 60 Baumhäusern der 150 Widerständler. Einige Konstruktionen sind notdürftig zusammengezimmert, andere über Jahre zu Pippi-Langstrumpf-haften Kinderträumen gewachsen, samt Wlan, Strom und Satellitenanschluss.

Brandschutz ist bei Behörden beliebter Hebel

„Dadurch haben sie sich vielleicht selbst ein Bein gestellt“, sagt der per Amtshilfe in den Wald entsandte Bochumer Polizeisprecher Jens Artschwager. Denn zunächst wurden die wilden Konstruktionen zu Häusern deklariert, dann hat das NRW-Bauministerium über Nacht akute Bedenken zur baurechtlichen Sicherheit bekommen. Der Brandschutz ist ein bei Behörden beliebter Hebel, damit wurden etwa viele Sofort-Räumungen von Schrottimmobilien in Duisburg, Dortmund oder Bochum begründet.

Stefan ist dem Ruf mehrere Initiativen zur „bundesweiten Massenmobilisierung“ aus Essen gefolgt, ein Akt der spontanen Solidarität. Der 59-Jährige ist das erste Mal bei den Waldbesetzern, hockt nun im Nieselregen unter einem Baumhaus in der Siedlung Oaktown und sagt: „Gorleben, Wackersdorf, da habe ich mich sehr engagiert. Ich kann das nicht alle zehn Jahre so intensiv machen. Das hier ist mehr so ein Reinschneien.“

„Widerstand heißt leben“

Die linken Besetzer sehen sich tatsächlich in der Tradition der Anti-Atom-Bewegung. „Wir sind die neue Generation“, sagt einer. „Widerstand heißt leben“, steht auf einem Plakat, auf einem anderen: „Kein Gott, kein Staat, kein Fleischsalat“.

Würde die Polizei ihn auffordern zu gehen, würde Stefan es vom Auftritt abhängig machen, ob er sich davontragen ließe. Eine Straftat würde er keinesfalls begehen, sagt er. Stefan hilft spontan, indem er Gegenstände zwischen den Baumhäusern hin- und herträgt, denn die Aktivisten haben sich verschanzt in ihren Astgabeln mit 300 Litern Wasser, Konserven und Nudeln.

Seit sechseinhalb Jahren im Wald

„Clumsy“ ist der wohl bekannteste, weil er auch sein Gesicht zeigt. Seit sechseinhalb Jahren lebt er unter Tarnnamen im Wald, seit vier auf einer Stieleiche, die er Mona nennt. Ein gepierctes Flughörnchen — er trägt ein Karnevalskostüm – so seilt der Österreicher sich aus 16 Metern Höhe ab und bereitet seine Karabiner und Seile schon wieder für den Aufstieg vor, bevor er mit der Presse spricht. Ihm droht eine Verurteilung wegen Landfriedensbruchs (sofern man keinen Widerstand gegen eine Festnahme leistet). Allerdings ist der friedliche Clumsy schon einmal ohne Anklage aus der U-Haft entlassen worden. Schwerer wiegt wohl das Risiko, von RWE Power zivilrechtlich auf Kostenerstattung für die Räumung verklagt zu werden „Ich habe auch einen Betonblock mit einem Rohr darin oben im Baum“, erzählt er. Rücken die Polizisten an, will er das Rohr mit Kunstharz füllen und seine Hand darin einschließen.

Ein Stein trifft einen Polizisten ohne Folgen am Rücken, Aktivisten drohen mit Knüppeln, als ein AfD-Landtagsabgeordneter sich in den linksautonomen Wirkkreis wagt, um Interviews zu geben. Den Ohrenmützenmann holen die Hubsteiger gegen 11.45 Uhr vom Tripod, seine Freundin wehrt sich noch eine Dreiviertelstunde länger, lässt sich an einem Stamm des Dreibeins hinab, hängt dort halsbrecherisch, bis drei Männer sie sichern und zu Boden bringen. Sie lässt sich liegend die Handschellen anlegen, dann wird sie lehmverschmiert davongetragen, ihre Knie schleifen über den Boden. Nun geht es an die ersten Häuser der ersten Siedlung. Sie trägt einen lustigen Namen, ein Polizist sagt: „Das ist der Beginn von Gallien.“

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