Kirche

Heftiger Protest gegen Schließung von Kirchen im Ruhrbistum

Wie hier die Kirche von St. Maria Immaculata, wurden im Bistum Essen in den vergangenen Jahren 31 Kirchen abgerissen.

Foto: Sebastian Konopka

Wie hier die Kirche von St. Maria Immaculata, wurden im Bistum Essen in den vergangenen Jahren 31 Kirchen abgerissen. Foto: Sebastian Konopka

Essen.   Das Bistum Essen gibt immer mehr Gotteshäuser auf. Ein Liturgieprofessor warnt: Viele Gemeindemitglieder gehen dabei verloren.

In katholischen Gemeinden des Ruhrgebiets wächst der Widerstand gegen die Schließung von Kirchen. Kein deutsches Bistum hat in den vergangenen Jahren mehr Gotteshäuser geschlossen als das Bistum Essen. Von 500 seit dem Jahr 2000 in ganz Deutschland als Kirchen aufgegebenen Gebäuden gehörten 105 zum Bistum Essen.

Liturgieprofessor warnt vor voreiligen Schließungen

Dem aufkommenden heftigen Protest begegnet Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck mit der Erklärung, es gelte sich von „überkommenen“ Formen kirchlichen Lebens zu lösen. Der Bonner Liturgieprofessor Albert Gerhards warnt unterdessen vor voreiligen Kirchenschließungen. Man dürfe die Gotteshäuser nicht ausschließlich unter dem Kosten-Nutzen-Verhältnis sehen. Sie hätten auch „immateriellen Wert“.

Weitere Schließungen geplant

Über ein Dutzend weitere Schließungen sind im Revier geplant. Bis zum Jahr 2020 müssen die Pfarreien des Bistums mit etwa einem Drittel weniger Geld auskommen. Bis 2030 soll es sogar die Hälfte weniger sein als bisher. Hintergrund der Sparmaßnahmen ist vor allem die schrumpfende Zahl der Katholiken und der dadurch bedingte Rückgang der Kirchensteuer.

Die Katholische Kirche muss sparen. Allein im Erzbistum Essen werden deshalb in den kommenden Jahren Dutzende Gotteshäuser geschlossen, teilweise auch abgerissen. Macht zu die Tür, die Tore macht dicht. Während in einigen Revierstädten der Protest dagegen eher verhalten ist, wächst in anderen der Ärger. In Essen hat jetzt ein Pastor „zehn Gebote“ zum Erhalt seiner Kirche verfasst und großflächig verteilt. „Du sollst Deine Kirche nicht abreißen…“

Kirchen haben auch einen immateriellen Wert

Da kann Albert Gerhards nur zustimmen, auch wenn er sich nicht konkret zum Essener Fall äußern möchte. Seit vielen Jahren aber beschäftigt sich der Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn grundsätzlich mit dem Thema Kirchenschließungen. „Ja“, sagt er, es gebe Fälle, in denen so eine Maßnahme unabwendbar sei. „Aber oft werden längst nicht alle Möglichkeiten ausgereizt, um eine Schließung zu verhindern.“

Kirche als identitätsstiftende Raummarke

Es sei jedenfalls ein Fehler, eine Kirche ausschließlich unter dem Kosten-Nutzen-Verhältnis zu sehen. „Das greift zu kurz.“ Eine Kirche, so Gerhards, habe immer auch einen „immateriellen Wert“, sei „stadtteilprägend“. Als Kunstwerk, vor allem aber auch als „identitätsstiftende Raummarke“ für die Menschen vor Ort.

Für Gerhards bietet die Kirche einen Raum, „wo Weite ist, wo man in Ruhe gelassen lassen werden kann“. Nichts davon könne ein Gemeindehaus bieten, das oft erhalten bleibt, wenn die benachbarte Kirche geschlossen wird. „Architektur, Lichtführung, christliche Symbole, eine Kirche hat eine ganz spezielle Atmosphäre. Deshalb schätzen sogar Menschen, die der Kirche eigentlich fern stehen, das Gotteshaus in ihrem Ortsteil.“

Man soll über Nutzungserweiterungen nachdenken

Statt Kirchen zu schließen, solle man lieber über eine Nutzungserweiterung nachdenken, regt Gerhards an, solle sich für Kunst und Kultur öffnen, Kooperationen mit karitativen Einrichtungen eingehen. „So etwas kann auch zur langfristigen Finanzierung des Gebäudes beitragen.“

Das sieht man bei der Evangelischen Kirche im Rheinland ähnlich. In deren Gemeinden wurden 2015 und 2016 jeweils zwölf Kirchen pro Jahr aufgegeben „Wir raten Gemeinden, die eine Kirche schließen wollen, über neue Nutzungsmöglichkeiten nachzudenken“, bestätigt Sprecher Jens Peter Iven. Natürlich ist die Freiheit nicht grenzenlos. „Da kann keine Spielhalle eröffnet werden“.

Vereine und Initiativen müssten sich mehr engagieren

Auch Gerhards will keine komplette Zweckentfremdung, sagt aber: „Man muss auch mal etwas wagen.“ Am besten mit Unterstützung von außen. „Vereine und Initiativen im Stadtteil müssten sich oft mehr engagieren.“

Für die Gläubigen sei der Verlust der Kirche „ein äußerst schmerzhafter Prozess“, hat der Professor festgestellt. Eine Erfahrung, die Iven bestätigen kann. „Das kann man noch so behutsam machen, es läuft nie verletzungsfrei.“ Für Gerhards verständlich. „An der alten Kirche hängen viele Erinnerungen. Selbst bei jungen Leuten.“

Kirchgänger werden zu religiösen Nomaden

Deshalb ist es auch nicht damit getan, den Menschen bei Gemeinde-Zusammenlegungen einfach eine andere Kirche als Ersatz-Gotteshaus anzubieten. „Viele der alten Kirchgänger gehen da nicht mehr hin“, hat Gerhards bei Untersuchungen in den vergangenen Jahren festgestellt. Sie werden zu „religiösen Nomaden. Als aktive Gemeindemitglieder sind sie mit großer Wahrscheinlichkeit verloren.“ Der Wissenschaftler plädiert deshalb für ein Umdenken bei Kirchenschließungen. „Noch ist es nicht zu spät.“

Kirchlicher Bauboom in den 50ern und 60ern

Gleichzeitig aber ist Gerhards realistisch genug, um zu wissen, dass nicht jede Kirche zu retten sein wird. Schon weil es – vor allem im Ruhrgebiet – zu viele davon gibt. Eine Folge des kirchlichen Baubooms in den späten 1950ern und frühen 1960ern, als die Menschen noch in Scharen zu den Gottesdiensten strömten und vor allem die Katholische Kirche das Revier mit Kirchen förmlich überzog.

Und dann ist da natürlich noch der finanzielle Aspekt. „Wenn, wie im Bistum Essen, nicht genügend Geld da ist, müssen manche Gotteshäuser leider geschlossen werden“, räumt Gerhards ein. „Aber jeder Einzelfall muss genau abgewogen werden.“ Denn für ein vernünftiges Gemeindeleben, ist der Bonner überzeugt, „muss man die Kirche tatsächlich im Dorf lassen“.

>>> Das Ruhrbistum schrumpft

Zur Gründung 1958 zählte das Ruhrbistum rund 1,5 Millionen Katholiken, heute sind es nur etwas mehr als halb so viel.

Aufgrund der rückläufigen Katholikenzahl wurden 2006 die bis dahin 259 Gemeinden zu 43 Großverbünden zusammengeschlossen.

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