Autofahrer freigelassen

Entpuppt sich die „Amokfahrt“ von Recklinghausen als Unfall?

Der schwer beschädigte Unfallwagen kam neben der Bushaltestelle zum Stehen. Eine Seniorin erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Der schwer beschädigte Unfallwagen kam neben der Bushaltestelle zum Stehen. Eine Seniorin erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Foto: Marcel Kusch / dpa (Archiv)

Bochum/Recklinghausen.  Landgericht entlässt Autofahrer vorläufig wieder auf freien Fuß. Angeklagter will vor dem Unfall in Recklinghausen eingeschlafen sein.

War die vermeintliche Amokfahrt vom 20. Dezember 2018 doch ein Unfall? So hat es zumindest der vor dem Landgericht Bochum angeklagte Autofahrer aus Herten beim jüngsten Prozesstag erstmals ausgesagt. Nach einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung will der inzwischen 33-Jährige vor dem fatalen Crash Medikamente genommen haben. Mit Selbstmordabsichten sei er dann nach Recklinghausen gefahren, um sich am Bahnhof noch weitere Drogen zu besorgen. Dort seien ihm dann allerdings Gedanken an seine Familie gekommen und er von seinem Plan sich zu töten wieder abgerückt.

Er sei dann schon wieder auf dem Rückweg nach Herten gewesen. Dann seien ihm die Augen zugefallen und er am Steuer eingeschlafen. Sein Ford Focus raste an diesem Tag gegen 15 Uhr in eine Haltestelle, an der mehrere Fußgänger auf den Bus warteten. Eine 88-Jährige starb später im Krankenhaus. Mehrere Menschen wurden verletzt. Ein (bewusster) Suizid-Versuch galt von Anfang an als nicht ausgeschlossen. Der Autofahrer wurde in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht.

Späte Aussage stößt bei Staatsanwaltschaft auf Skepsis

Seit Dienstag aber ist der Mann wieder auf freiem Fuß. Auf Antrag der Verteidigung und mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft hat die Kammer am Landgericht den Unterbringungshaftbefehl aufgehoben. Die Richter gaben außerdem einen sogenannten rechtlichen Hinweis. Demnach komme nach der Erklärung des Angeklagten, der bis Dienstag zu den Vorwürfen geschwiegen hatte, auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung in Betracht, was eine deutlich geringere Strafe zur Folge hätte.

Die Staatsanwaltschaft hatte den Mann wegen Mordes und Mordversuchs angeklagt. Weiter werden dem Hertener noch Körperverletzung und Fahren ohne Führerschein zum Unfallzeitpunkt vorgeworfen. Unter anderem wegen des letzteren Delikts ist er bereits polizeibekannt. Die Einlassung des Angeklagten zu diesem späten Zeitpunkt in der Beweisaufnahme stieß bei der Staatsanwaltschaft zumindest auf Skepsis.

Prozess wird nach Pause im September fortgesetzt

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Auch am Freitag gibt es noch einen Verhandlungstag. Unter anderen sollen noch weitere Zeugen und Sachverständige gehört werden. Dann pausiert die Kammer einen Monat. Im September wird der Prozess dann fortgesetzt.

Vor dem Landgericht Essen platzte im vergangenen Monat der Prozess wegen eines ähnlichen Vorfalls, der sich in der vergangenen Silvesternacht in Essen und Bottrop ereignet hatte. Dieses Verfahren muss komplett neu aufgerollt werden, weil die Vorsitzende Richterin überraschend gestorben ist.

Update 2. Oktober 2019: Das Landgericht Bochum hat den Hertener Ende September zu drei Jahren Freiheitsstrafe wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Fahrens ohne Führerschein verurteilt. Die Kammer folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft, dem sich auch ein großer Teil der Nebenkläger angeschlossen hatte. Das Gericht ging davon aus, dass der Autofahrer am Steuer eingeschlafen sei, bevor es zu dem verhängnisvollen Unfall kam. So hatte es der Hertener auch selbst geschildert. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Die Verteidiger des Mannes haben Revision eingelegt. Sie hatten für eine zweijährige Freiheitsstrafe plädiert, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollte.

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