Das Mobbing-Phänomen

Elfjährige starb in Berlin – Suizid nach Mobbing?

Stofftiere, Blumen und Kerzen liegen vor dem Eingang der Hausotter Grundschule in Berlin. Die Elfjährige war dort Schülerin. Ob sie Suizid beging, weil sie gemobbt wurde, ist noch unklar.

Stofftiere, Blumen und Kerzen liegen vor dem Eingang der Hausotter Grundschule in Berlin. Die Elfjährige war dort Schülerin. Ob sie Suizid beging, weil sie gemobbt wurde, ist noch unklar.

Foto: Paul Zinken/dpa

Ruhrgebiet.  1,4 Millionen Schüler sind betroffen: Mobbing ist kein neues Phänomen, aber die Gangart wird härter. Und die Opfer sind immer jünger.

„Das Brutalste, das ich je erlebt habe“, sagt Mobbing-Experte Wolfgang Kindler, „ging ganz ohne Gewalt ab.“ Es war der Fall einer Schülerin, die von ihren Klassenkameraden systematisch ausgegrenzt wurde. „Keiner redete mit ihr, niemand sah sie auch nur an. Setzte sie sich, standen die anderen auf und gingen woanders hin. Das trieb das Mädchen völlig in die Verzweiflung.“ Dass bundesweit mehr als ein Viertel aller Schüler betroffen sind, wie es Studien behaupten, glaubt Kindler nicht. Das seien „irre Zahlen“. Dass Mobbing – wie möglicherweise im aktuellen Fall einer Berliner Grundschülerin – Betroffene in den Suizid treiben kann, sehr wohl. Die Rate liege etwa dreimal so hoch wie bei anderen.

Etwa 30 Prozent der Mobbing-Opfer sind traumatisiert

Etwa 30 Prozent der Mobbing- und Cybermobbingopfer seien dauerhaft traumatisiert, bestätigt Sozialpsychologin Dr. Catarina Katzer, Leiterin des Instituts für Cyberpsychologie & Medienethik in Köln. Andere litten unter psychosomatischen Beschwerden oder zögen sich völlig zurück. Suizide seien „zum Glück die Spitze des Eisberges“. Allerdings stiegen die Zahlen seit Jahren an, „weil Mobbing digitaler und mobiler geworden ist“.

1,4 Millionen Schüler sind Mobbing-Opfer

„Tränen, die im Netz geweint werden, sieht man nicht“, heißt es auf der Website des Bündnisses gegen Cybermobbing, das 2017 zusammen mit der Telekom eine Studie zum Thema in Auftrag gab. 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche, so das Ergebnis, seien betroffen. Über die Hälfte der befragten Pädagogen war demnach bereits einmal mit einem Mobbingfall bei Schülern konfrontiert. Am häufigsten waren Beleidigungen (72 Prozent), knapp die Hälfte der Befragten gab an, schon einmal Opfer von Lügen oder Gerüchten geworden zu sein, jeder Vierte fühlte sich bedroht oder wurde erpresst.

Mobbing-Experte Wolfgang Kindler nennt diese Zahlen „haarsträubend“. Seiner Einschätzung zufolge seien „bezogen auf die komplette Schullaufbahn“ höchstens zehn Prozent aller Schüler betroffen. Kleinreden will er das Problem dennoch nicht, im Gegenteil: „Zehn Prozent Mobbing-Betroffene sind wahnsinnig viel. Denn Mobbing ist persönlichkeitszerstörend.“ Hysterische Eltern aber, die von „Mobbing“ sprächen, nur weil ihr Kind nicht auf den Geburtstag eines Klassenkameraden eingeladen werde, trieben die Zahlen hoch.

Die Gangart ist sehr viel härter geworden

Mobbing ist mitnichten ein neues Phänomen, schon in den 70er-Jahren beschäftigten sich Wissenschaftler mit dem Thema. Einig sind sich die Experten aber darin, dass die „Gangart“ sehr viel härter geworden ist. „Durch die Distanz zu den Opfern über das digitale Handeln fehlt Empathie – man sieht die schmerzhaften Grenzen nicht mehr. Dies lässt die Hemmschwellen deutlich schwinden“, erklärt Dr. Catarina Katzer. Wolfgang Kindler macht zudem den Ganztagsbetrieb an Schulen, der keinen „Ausgleich“ mehr zulasse, sowie einen „zerbröselnden Wertekanon“ für die Situation mit verantwortlich. Auch zu seiner Zeit, sagt der 70-Jährige, habe es schon „Vorfälle auf dem Schulhof“ gegeben, aber damals hätte es sicherlich keine Todesdrohungen gegen Zwölfjährige gegeben.

Mobbing ist „Gewalt von Intellektuellen“

Im Gegensatz zu dem, was viele glaubten, sei Mobbing auch kein Problem einzig der Schulen mit hohem Anteil an ausländischen und sozial schwachen Schülern. „Mobbing“, behauptet Kindler, der lange am Recklinghäuser Petrinum-Gymnasium unterrichtete, „ist Gewalt von Intellektuellen“. Von Brennpunktschulen in Berlin oder im Ruhrgebiet würden mehr Mobbingfälle – „Prügeleien, körperliche Übergriffe, so was“ – gemeldet. Es gebe aber Mobbing auch an anderen Schulformen, „nur dann in der cleveren Intrigenform“ – die für die Betroffenen nicht minder schlimm sei: Er erinnert sich an eine Schülerin, die mit Kreislaufversagen und Herzrhythmusstörungen in der Notaufnahme landete – weil sie nicht gegen das Gerücht ankam, sie sei schwanger.

Acht Monate warten auf einen Beratungstermin

Was hilft Betroffenen? Verhindern, dass es überhaupt passiert, sagt Expertin Katzer. „Hinschauen und aktiv werden!“ Prävention müsse bei den Jüngsten anfangen und gesetzlich für alle Schulen verbindlich sein. „Wir brauchen dafür aber ausgebildete Lehrer und Beratungsgruppen in den Schulen als Ansprechpartner.“

In Oberhausen allerdings müssen Schüler, Eltern oder Lehrer, die Hilfe bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle suchen, derzeit drei Monate auf einen Termin warten – die Stadt feiert das gerade als großen Erfolg: In der Vergangenheit waren es acht.

Leserkommentare (5) Kommentar schreiben