Vielrespektzentrum

"Vielrespektzentrum": Ein Ort, an dem Hetze keinen Platz hat

Reinhard Wiesemann (re.) und Ali Can  – und ihr Vielrespektzentrum.

Reinhard Wiesemann (re.) und Ali Can – und ihr Vielrespektzentrum.

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Ali Can machte die Diskriminierung von Ausländern nach Özils Rücktritt mit #Metwo öffentlich. Ab Samstag leitet er Essens „Vielrespektzentrum“.

Ali Can ist „eine Zeit zu Pegida nach Dresden gefahren“, mit einem Schokohasen im Arm. Der damals 22-Jährige wollte aus erster Hand erfahren, warum die Leute so sind – warum sie so reagieren: auf Menschen wie ihn, auf vermeintlich Fremde, in Gießen aufgewachsen mit kurdischen Wurzeln. Aber weil die Leute anfangs nicht reden wollten vor seiner Kamera, hat Ali Can sich den Trick mit dem Osterhasen ausgedacht, um sie zu irritieren und zu locken. Wahlweise waren es auch Nikoläuse.

Er habe in Dresden viel Wertschätzung erfahren – auch wenn die manchmal schräg rüberkam. Can berichtet von einem älteren Herrn, der sich über Handys, Kulturlosigkeit und Gender-Toiletten echauffierte, von seinem Leben in einem Dorf in der Lausitz berichtete – und das Gespräch abbrach, um zu den „Abschieben, Abschieben“-Chören zu eilen mit den Worten: „Da vorne ist ein Ordner, der ist schwarz. Sie haben auch schwarze Haare. Sie sind beide hier herzlich willkommen.“

„Hotline für besorgte Bürger“

Nach diesen Erfahrungen gründete Ali Can die „Hotline für besorgte Bürger“, was sich zwar ironisch anhört, aber ein ernsthaftes Gesprächsangebot darstellt – auch ein gleichnamiges Buch ist daraus entstanden. Mit einer Videobotschaft stieß er nach dem Mesut-Özil-Rücktritt die Diskussion unter dem Stichwort #MeTwo an, bei der Tausende Menschen von ihren Diskriminierungserfahrungen berichteten. In kürzester Zeit reifte Ali Can zum Kommunikationsprofi, zum allseits gefragten Aktivisten – und zum Experten für das respektvolle Gespräch. Weswegen er nun das „Vielrespektzentrum“ leitet, das am Samstag in Essen eröffnet – „ein Ort, an dem man andere Weltbilder kennenlernen kann“.

Das Ladenlokal in der Essener Innenstadt, zwischen GOP-Variete und

Sekteninfo NRW gelegen, wäre maximal gewöhnlich, würden nicht dezente Bilder von Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Sophie Scholl auf das denkbar ungewöhnliche Angebot dahinter verweisen. Einen Meditationsraum teilen sich die Atheisten mit den Buddhisten. Die Gebetsräume der Muslime (für Männer und Frauen, inklusive Fußwaschbecken in den Toilettenräumen) liegen neben dem für die Wissenschaftler. Praktisch jeder ist eingeladen, hier zu verweilen, zu diskutieren oder sich einzubringen – explizit auch der „besorgte Bürger“. Can differenziert natürlich „zwischen Kritik und Hetze“, aber er will durchaus seine Hotline-Kontakte einladen. „Auch ein AfD-Politiker ist darunter.“

Wiesemann rettete die Kreuzeskirche

„Wir sind neutral, nehmen nie eine Position ein“, betont Reinhard Wiesemann, der die Idee zu diesem Zentrum hatte und es im Alleingang finanziert hat. Der Unternehmer und Erfinder, der mit Hardware-

Speziallösungen angefangen hat und nun seine Ideen im Sozialen umsetzt, hat schon die nahe evangelische Kreuzeskirche für rund eine Million Euro gerettet und zum einzigen noch arbeitenden Gotteshaus gemacht, das man auch privat mieten kann. Sein Generationen-Kult-Haus vereint Co-Working und Wohngemeinschaft über alle Altersgrenzen, und das „Unperfekthaus, nur ein paar Straßen weiter ist schon lange ein Treffpunkt für die verschiedensten Gruppen, vom Schamanismus-Stammtisch bis zu den Skeptikern paranormaler Phänomene.

Seine offene Haltung hat Wiesemann aber auch 2015 einen ausgewachsenen Shitstorm eingetragen, als sich im Unperfekthaus eine Bürgerwehr treffen wollte. Linke Gruppen machten mobil und überzogen ihn mit Schmähpost und Boykott-Aufrufen. „Das war sehr schlimmes Schubladendenken“, sagt der 59-Jährige heute. „Eine einschneidende Erfahrung“, die ihn zur Stiftung des „Streitkultur-Awards“ anregte und letztlich auch zum Vielrespektzentrum führte.

Late Night Show zum Thema Respekt und Toleranz

Wiesemann ist so einer, der eine Erkenntnis hat und sein Handeln konsequent danach ausrichtet. „Seid Euch nicht so sicher“, ist einer seiner Kernsätze. „Wenn ich mir absolut sicher bin, dass der Mensch dort hinten böse ist, darf ich ihn im Zweifel umbringen. Aus der Sicherheit folgt die Erlaubnis zur Gewalt. Unsicherheit begrenzt die Vehemenz meiner Handlungen.“

Wiesemann und Can teilen viele Überzeugungen: „Wir brauchen Begegnungen, und wir müssen sie erfahrbar machen“, sagt der Jüngere. Und er will dies auch nach außen tragen. Ein kleines Filmstudio mit Green Screen und Publikumsplätzen ist Teil des Vielrespektzentrums. „Ich will hier eine Late Night Show produzieren zum Thema Respekt und Toleranz.“

Ein Türsteher ließ ihn nicht in den Club

Über die eigenen Diskriminierungserfahrungen redet er, seit ein Türsteher ihm mit 16 Jahren den Zugang zu einem Club verweigerte. „Ich habe mich

in Grund und Boden geschämt ... Ich bin gegangen und habe es kanalisiert.“ Mit Fußball und Videos – und mit einem Gedicht, das er bei einem Poetry Slam vorgetragen hat: Es beginnt: „Ich bin Kanake – und das ist Kacke.“

Im vergangenen Jahr folgten Tausende seinem Aufruf unter #MeTwo und berichteten von rassistischen Sprüchen an der Supermarktkasse, auf der Arbeit, in der Bahn – von ihrem Alltag mit dem Anderssein. So wie Ali Can, der wie alle anderen Schüler mit seinem Geschichtslehrer über seine Note reden wollte und gesagt bekam: „Ali, das wird jetzt zuviel. Wir sind hier nicht auf dem türkischen Basar.“

Anti-Rassismus-Seminare für Lehrer

Schulen sind ein großes Thema für das Vielrespektzentrum. Eine Studie der Uni Mannheim zeigte jüngst, dass Grundschullehrer bei Diktaten unterschiedliche Noten geben, abhängig davon, ob die identische Arbeit von Max oder Murat eingereicht wird. Die Erkenntnis: Murat muss sich stets mehr anstrengen, um die gleichen Chancen zu bekommen. Can und Wiesemann wollen darum ehrenamtliche „interkulturelle Streetworker“ in die Schulen schicken, wollen Anti-Rassismus-Seminare für Lehrer anbieten. Noch sind es Ideen, keine fertigen Formate.

Aber die Vision steht, erklärt Ali Can: „Wir brauchen ein neues Verständnis davon, was es heißt, deutsch zu sein. Ich bin hier aufgewachsen und bin vieles. Ich habe sogar evangelische Enflüsse in mir, weil ich meinen Freunden in die Kirche gefolgt bin. Aber ich bin auch anders. Leider bringt es mir nur Nachteile. Es sollte okay sein, dass es eine plurale Identität gibt.“

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