Evakuierung

Entschärfung in Dortmund: Einbrüche blieben offenbar aus

Bombenfund: So werden komplizierte Kampfmittel entschärft

Mit dem Wasserstrahl gegen Weltkriegsbomben: Besonders unberechenbare Kampfmittel werden mit dem Wasserstrahlschneidegrät entschärft.

Beschreibung anzeigen

Dortmund.  Nach der Bombenentschärfung in Dortmund am Sonntag hat die Polizei ein erstes Fazit gezogen. Einbrüche wie zuletzt in Hombruch blieben aus.

Nach der Bombenentschärfung am Sonntag im Dortmunder Klinikviertel hat die Polizei am Montagmorgen eine erste Einschätzung abgegeben. Demnach sei die Lage am Sonntag friedlich gewesen. Über Einbrüche oder gar Plünderungen, wie es sie 2013 in Hombruch gegeben sei bislang nichts bekannt. Am Vormittag will die Polizei bei einer Pressekonferenz ein Fazit ziehen. Die Entschärfung zweier Bomben hatte am Sonntag reibungslos funktioniert.

So lief die Entschärfung der beiden Blindgänger im Dortmunder Klinikviertel

Am Ende des Tages liegen sie so friedlich da, ein Brite und ein Amerikaner Seit’ an Seit’ auf einer Europalette. Zwei von 14 Verdächtigen, die am Ende tatsächlich Bomben waren. Karl-Friedrich Schröder sagt, er war „aufs Schlimmste gefasst“. Sie hätten auch Badewannen sein können oder Heizungen, so hatten sie in Dortmund geunkt. Tatsächlich waren die anderen Verdachtspunkte alte Gussleitungen, „eine Wanne“, sagt Schröder, „hat noch keiner gefunden“.

Die Erleichterung des Einsatzleiters um halb sechs am Sonntag ist „unbeschreiblich“. Die zwei Bomben waren auch „nur“ fünf Zentner schwer und für Feuerwerker „einfach“ fernzuzünden. Dabei wird nur der Zünder abgesprengt, die Bomben bleiben erhalten. Am Ende sind drei von fünf Entschärfungsteams „ein bisschen frustriert“, die anderen wurden, sagt Schröder, „mit einer Bombe belohnt“. Darauf ein Bier!

Halb Dortmund spitzt am Sonntagnachmittag die Ohren

Es ist planmäßig genau 14 Uhr an diesem Sonntag, als die Stadt meldet: „Es werden zwei Bomben entschärft.“ Eine Dreiviertelstunde später geht es los, halb Dortmund, im Klinikviertel schon seit Samstag ziemlich still, spitzt die Ohren: Es soll zweimal knallen, aber selbst innerhalb der Evakuierungszone, wo im Krankenhaus 300 Patienten und Pfleger ausharren dürfen, ist nichts zu hören. Volker Lenz vom Team der Feuerwerker wird indes später sagen, es sei ein Krach gewesen „wie von doppelten Polen-Böllern“.

Weitere 45 Minuten später ist die erste Bombe am Sozialamt unschädlich gemacht, wieder so lange dauert es, bis es der zweiten beim Deutschen Roten Kreuz an den Zünder geht. Ende der Entschärfung: kurz nach fünf, es ist schon dunkel.

Am frühen Morgen ist es das auch, als die Verbliebenen aufbrechen, mit Köfferchen, Reisetaschen, Rucksäcken und der Decke für den Hund. Ab acht Uhr ziehen Mitarbeiter des Ordnungsamtes von Tür zu Tür, in manchen Wohnungen brennt noch Licht. Klingelmännchen an allen Knöpfen, in der Detmarstraße rennt ein junger Mann aus dem Haus: „Tschuldigung, hab’ verschlafen!“

Es gibt tatsächlich noch die, die nichts mitbekommen haben von der kompliziertesten Evakuierung der Nachkriegszeit in Dortmund. Übersetzer müssen helfen, eine Frau wehrt sich so heftig, dass sie in die Psychiatrie eingewiesen werden muss. Noch am Mittag muss das Ordnungsamt „Gespräche führen“, ein paar Türen werden aufgebrochen, jemand harrt in einer U-Bahn-Haltestelle aus. Mancher bangt um sein Eigentum, andere haben Türen und Fenster weit offengelassen.

Selbst die Wege zum Aufzug sind kalkuliert

Die Evakuierung von knapp 100 Patienten aus Klinikum und Johannes-Hospital am Samstag ist da deutlich schneller gegangen. 48 Rettungswagen bringen 20 Kinder in andere Krankenhäuser, auch Führungskräfte schieben Betten in sichere Gebäudeteile, der längste vorher errechnete Weg zum Aufzug dauert 6:30 Minuten.

Karawanen aus alten Menschen mit Rollatoren streben aus drei Seniorenheimen zu Bussen und Krankentransporten, viele Frauen mit düsteren Erinnerungen an Evakuierungen im Krieg, manche Männer mit Widerwillen: „Ich habe den Bombenkrieg überstanden, da geh ich doch wegen eines Blindgängers nicht nach Herne.“ Nun, am Ende sind es zwei.

Luisen- und Beurhausstraße mit „Druckwellenminderern“ geschützt

Am Westentor, stellt sich heraus, ist nichts, im Garten des Johannes-Hospitals mit seinen neun „Anomalien“ auch nicht. Das gibt den Experten Recht, die Luisenstraße und Beur­hausstraße mit „Druckwellenminderern“ schützen ließen: gigantischen Wällen aus gestapelten Übersee-Containern, insgesamt 152 Tonnen schwer. Sie sollten im Fall des Falles die Druckwelle aufhalten auf ihrem von Wissenschaftlern ausgetüftelten Weg durch Nebenstraßen und zur griechisch-orthodoxen Kirche.

Noch bis zum Mittag werden Menschen mit Krankentransporten nach Scharnhorst gebracht. In der Gesamtschule, fast zehn Kilometer vom Klinikviertel entfernt, finden jene 200 Unterschlupf, die sonst nicht wissen wohin: Joanna mit ihren beiden kleinen Kindern, die niemanden kennt in Dortmund. Oder Elisabeth, die 87-Jährige, die schon um eins, als es Nudeln mit Hühnchen gibt, „keine Lust mehr“ hat. Sie kann nicht mehr lange sitzen, und dann sorgt sie sich um die Leute, die die Bomben entschärfen: „Die stehen ja immer mit einem Bein im Grab!“

„Als Kind sind einem hier die Bomben um die Ohren geflogen“

Elisabeth weiß, wovon sie spricht. „Als Kind sind einem hier die Bomben um die Ohren geflogen“, sie war noch dabei. „Wenn so ein Ding explodiert, sind nicht nur die Fensterscheiben kaputt.“ Aber weil sie damals im Krieg nicht explodiert sind, suchen sie schließlich in der Innenstadt. Kein Bus, keine Bahn fährt mehr, das Theater spielt keine „Dämonen“, Kirchen feiern keinen Gottesdienst, in Restaurants bleibt die Küche kalt, der Bahnhof ist dicht.

Mittags schon wollen die meisten in Scharnhorst eigentlich nach Hause, es reicht jetzt, finden viele. Eine Seelsorgerin mahnt zur Geduld, das Team vom Katastrophenschutz spielt mit Mensch-ärgere-dich-nicht. Die Entwarnung kommt schließlich früher als von den Experten befürchtet. Um kurz nach 17 Uhr dürfen alle zurück, es dauert nur Minuten, da gehen im Klinikviertel die ersten Lichter wieder an.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben