Gesundheit

Die Lieferengpässe bei Arzneimitteln nehmen zu

Vorübergehend nicht lieferbar: ein leeres Regal in einer Apotheke in Hemer. 

Vorübergehend nicht lieferbar: ein leeres Regal in einer Apotheke in Hemer. 

Foto: Hendrik Schulze Zumhülsen

Ruhrgebiet.  Apotheker warnen Patienten: Bestimmte Arzneien sind vorübergehend nicht lieferbar. „Das kann man mit Menschen nicht machen“, so eine Betroffene.

Sie weiß ja, wie ihr Körper reagiert, wenn er seine Medizin nicht bekommt: „Schweißausbrüche, Stressgefühle, und ich werde aggressiv“, sagt Ursula Gerling (Name geändert). Und so hat die 53-Jährige auf eigene Faust weiter gesucht, als sie ihr Rezept auf Jodthyrox einlösen wollte und ihr Apotheker ihr sagte, das „Jodthyrox nicht lieferbar“ sei.

Sie weiß sich doch zu helfen. Hat bestimmt 15 Apotheken in ihrer Heimatstadt Bottrop angerufen. Nichts. „Dann habe ich in Essen weitergemacht.“ Nichts. Hat ihre Söhne alarmiert, die in zwei Städten außerhalb des Ruhrgebiets wohnen. Nichts. „Da begreifen Sie dann endlich, was heißt: Nicht lieferbar! Das kann man mit Menschen nicht machen.“

„Ich merke, dass das etwas anderes ist“

Die 53-Jährige hat eine Schilddrüsenkrankheit und ein Ersatzmedikament. Die gleichen Wirkstoffe, die gleiche Zusammensetzung. „Der Apotheker hat gesagt, zu 99 Prozent würde ich damit zurechtkommen.“ Tut sie ja auch. Und sagt doch: „Ich merke, dass das etwas anderes ist.“

So wie der Verkäuferin aus Bottrop geht es derzeit vielen Menschen. Ihr Medikament ist nicht da. Lieferengpass. Die Zahl der Fälle, die Hersteller dem „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)“ in Bonn melden, hat sich von 40 im Jahr 2013 auf 264 im letzten Jahr erhöht. 2019 liegt die Zahl bereits über 200.

„Wir sehen keine grundsätzlich besorgniserregende Situation“

Die Zahl muss nicht so viel besagen, wie es scheint, weil beispielsweise dasselbe Medikament, wenn es in zwei unterschiedlichen Packungsgrößen nicht zu haben ist, gleich als zwei Engpässe gezählt wird. Eine Sprecherin des BfArM sagt: „Wir sehen keine grundsätzlich besorgniserregende Situation.“ Mehr als 100 Meldungen, also die Hälfte, beträfen einen einzigen Wirkstoff eines Blutdruckmittels eines chinesischen Herstellers.

Doch die Apothekerverbände, also die Interessensvertreter der Apothekeninhaber, geben Alarm. „Apotheker in Sorge um Patienten“ haben sie über ihre Pressemitteilung geschrieben. Der Mangel werde „von Jahr zu Jahr größer“.

Eine einzige Produktionsstörung kann durchschlagen auf Patienten überall

In den Städten hört es sich dann so an. „Aktuell gibt es etwa 150 Arzneien, die wir nicht auf Lager haben“, sagt ein Apotheker in Hagen: „Langsam muss etwas passieren. Sonst werden wir in zwei bis drei Jahren Engpässe in der breiten Masse bekommen.“ Ein Apotheker in Bottrop zählt „260 Engpässe“, eine Kollegin in Bochum meint: „So dramatisch war es noch nie.“ Täglich müssten Patienten auf andere Wirkstoffe umgestellt werden – womit für die meisten Betroffenen das Problem gelöst ist, bis es ihr Original-Präparat wieder gibt.

Der Grund der Misere: Die Zahl der Firmen, die Wirkstoffe herstellen, wird immer kleiner. Sie sitzen in Asien, und im Extremfall kann eine einzige größere Produktionsstörung durchschlagen auf die Versorgung von Patienten auf der ganzen Welt. Grund Nummer zwei: Je wohlhabender die Bevölkerung vieler Länder wird, desto größer wird die Nachfrage nach guter Medizin. Und natürlich die Möglichkeit, sie sich auch leisten zu können.

Apotheker raten, sich zeitig um neue Tabletten zu kümmern

„Seit 23 Jahren bin ich auf mein Medikament eingeschossen und komme damit zurecht. Da möchte man zunächst nichts anderes“, sagt Ursula Gerling, die Frau ohne Jodthyrox. Die Unterfunktion ihrer Schilddrüse „tut erst mal nicht weh“, sagt sie, weiß aber auch: Die Arznei nimmt sie täglich, „bis ich tot umfalle“. Für Lieferengpässe müsse es so etwas geben wie „vernünftige Vorratshaltung. Bei chronischen Sachen weiß man doch, wie viele Packungen Medizin gebraucht werden, etwa in einem halben Jahr.“

Sie umzustellen auf ein Ersatzmedikament, war problemlos. So ist es aber nicht immer. „Wir müssen dann schauen, was lieferbar ist“, sagt etwa der Bottroper Apotheker Florian Mies: „Dann ist die Pille mal grün und drei Monate später rot und heißt ganz anders. Das führt zu Verwirrungen.“ Einige Kunden würden versehentlich die doppelte Menge nehmen, weil sie glaubten, es handele sich um verschiedene Präparate; andere verzichteten, aus Sorge, etwas falsches zu nehmen. Die Apothekerin Birgit Lauer rät Menschen, die regelmäßig Medikamente nehmen, sich früh genug um neue Tabletten zu kümmern und nicht erst, wenn die alten verbraucht sind.

Forderung: Produktion von Wirkstoffen zurückholen in die EU

Ursula Gerling jedenfalls weiß, wann Jodthyrox wieder zu haben sein soll. Die „Lieferengpassdatenbank“ des „Bundesinstituts für Arzneien“ kennt nämlich auch ein Enddatum für Engpässe. KW39 in diesem Fall, Kalenderwoche 39. Beginnt Ende September. Es sei denn, es kommt noch: eine Änderungsmeldung.

Verbände der Pharma-Industrie weisen jedenfalls darauf hin, ein Lieferengpass sei noch kein Versorgungsengpass. „Die Marktversorgung bleibt meistens gesichert“, so der „Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie“. Das Problem verschärfe sich aber bei Wirkstoffen, „für die es nur noch wenige bis zu einem Hersteller gibt“. Einige Fachleute fordern daher, die Produktion wichtiger Wirkstoffe in die EU zurückzuholen.

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