Giftige Tiere

Die Kobra von Herne geistert noch über die „Terraristika“

Iris Boerhout ist mit einer Freundin und 110 Baby-Schlangen aus Holland nach Hamm gekommen. Sie haben sie an einen Züchter aus Amerika verkauft und erwarten ihn..

Iris Boerhout ist mit einer Freundin und 110 Baby-Schlangen aus Holland nach Hamm gekommen. Sie haben sie an einen Züchter aus Amerika verkauft und erwarten ihn..

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Hamm.  Auf der größten Börse für Terrarientiere geht es auch um die Kobra. Denn ein neues Gefahrtiergesetz beträfe vor allem Freunde von Giftschlangen.

Eine Warteschlange steht vor Saal G, G wie „Gifttierbereich“. Eine Ordnerin lässt die Leute raus und rein, damit es nicht zu voll wird bei den Hunderten von Vipern, Giftottern und Klapperschlangen; und hat jemand eins der possierlichen Tierchen erworben und kommt heraus, so klebt sie einen Totenkopf auf die Kiste. Schwarzer Totenkopf auf rotem Grund. Jetzt bitte nicht stolpern: Doch wenige Meter weiter ist auch schon die Station erreicht, wo man sein geliebtes Gifttier zwischenlagern muss bis zur Heimfahrt.

Am Samstag ist in Hamm wieder die „Terraristika“, die 75. schon, die nach eigenen Angaben „weltweit größte Börse für Terrarientiere“. Und es stimmt ja: Schlangen drinnen, Schlangen draußen. Die Leute warten entspannt eine halbe Stunde in der Sonne und in der Kassenschlange, sie reden deutsch und französisch miteinander, dänisch und slowakisch, englisch, kroatisch. Und sind sie erst mal drin, platzen die Zentralhallen derart aus allen Nähten, dass der Eindruck entsteht: Hätte man zwar nicht gedacht, aber offenbar hält sich ein jeder Schlangen, Echsen, Ratten oder Insekten.

Umweltministerium denkt an Meldepflicht für gefährliche Tiere

Die Kobra von Herne hat der Messe freilich ein neues Thema beschert: das geplante Gefahrtiergesetz für Nordrhein-Westfalen. Das Umweltministerium in Düsseldorf prüft derzeit, welche Tiere so gefährlich sind, „dass von ihnen unmittelbare Lebensgefahr ausgeht oder erhebliche Gesundheitsgefahren“, so ein Sprecher.

Gedacht ist an Meldepflicht, Zuverlässigkeitsprüfung und Haftpflichtversicherung. Bisher gibt es praktisch keine Regelung; dem Herner Oberbürgermeister Frank Dudda (SPD) ist nach der Kobra, die fünf Tage durch ein Mietshaus kroch und alle Bewohner vertrieb, der schöne Satz eingefallen: „In NRW ist es schwieriger, einen Hund anzumelden, als eine giftige Schlange zu halten.“

„Wir sind grundsätzlich für eine Regelung für Giftschlangen“

Der Terraristika-Veranstalter Franz Izaber jedenfalls hat eine entschiedene Meinung zu einem Gefahrtiergesetz: „Wir sind grundsätzlich für eine Regelung für Giftschlangen, aber nicht für grüne Leguane oder große Schlangen, die keinem was tun. Und wir sagen ganz klar: Verbote treiben die Leute nur in die Illegalität.“ Izabers Stichworte sind Meldepflicht, Gehege-Genehmigung und Auflagen für die Haltung.

Damit trifft er die Mehrheitsmeinung, wie eine Zufallsumfrage ergibt unter Messebesuchern, die übrigens die ausgesprägte Scheu teilen, ihren Namen zu nennen. „Gefahrtiergesetz? Für Giftschlangen eine gute Sache, aber für Trugnattern großer Schwachsinn, da müsste man auch Bienen und Wespen verbieten“, sagt ein Mann aus dem Erftkreis. Ein Mann aus Moers teilt diese Ansicht und kommt dann ins Schwärmen über seine – ungiftigen – Königspythons: „Total lieb und defensiv“, sagt er, „die fallen einen nicht an, die rollen eher sich selbst zusammen, um sich zu schützen.“

„Es passiert auch mir ab und zu, dass eine Schlange aus dem Terrarium rauskommt“

Längst sind wir auf den voll besetzten Parkplätzen der Zentralhallen: Hier machen Leute Geschäfte von Auto zu Auto, heben die typischen weißen Styropor-Kästen mit Luftlöchern und verklebten Deckeln von einem Kofferraum in den nächsten. Bye bye Boa!

Ein 34-jähriger Hobbyzüchter aus Niederösterreich etwa wartet auf den Käufer seines Königspythons. Ein Gifttierverbot kennt er aus Wien und findet es „total sinnvoll. Es passiert auch mir ab und zu, dass eine Schlange aus dem Terrarium rauskommt. Aber nicht mehr aus dem Raum.“ Doch bei einer Giftschlange „kann das zur Katastrophe führen“.

Stadt und Zoll entdecken nur noch kleinere Verstöße

In den Hallen ist derweil das Umweltamt unterwegs und das Kreisveterinäramt: Vollkontrolle! Wie jedes Mal seit Jahren. Sie prüfen Kisten und Temperaturen und gucken in die Papiere. „I have my animals and all my papers“, sagt ein Händler. Bei aller Kritik von Naturschützern, auf solchen Veranstaltungen werde die Natur ausverkauft und teils illegaler Handel betrieben, scheinen die Flegeljahre der Terraristika doch vorbei zu sein.

Man finde „öfter kleinere Verstöße gegen Artenschutz, Tierhaltung oder Dokumentationspflichten, aber in letzter Zeit keine drastischen mehr“, sagt der Sprecher der Stadt Hamm, Tobias Köbberling. Und eine Sprecherin des Hauptzollamtes Bielefeld, das manchmal im Umfeld kontrolliert, sagt: „Ich habe von meinen Kollegen, die da schon waren, keine großen Geschichten gehört.“ Dennoch gibt es weiter Empfindlichkeiten: In den Zentralhallen ist Fotografieren verboten, und selbst ein Vorstandsmitglied der „Deutschen Gesellschaft für Terrarienkunde“ verweigert ein Gespräch mit der Presse: „Keine Chance.“

Terrarien, Futter, künstliche Felsen: mit und ohne Heizung

Stunden später. Das Gedränge, drinnen kaum geringer. Um Bücher und Magazine, um Lampen und Terrarien, um Futter, um künstliche Felsen mit und ohne Heizung. Manche tragen ihr Hobby als Aufdruck auf der Brust: „Echsperte“. „All world tarantulas.“ „My gecko eats your gecko for breakfast.“ Über einem Stand lockt eine unnachahmliche Laufschrift aus Licht: „Höhlengrillen, Zierasseln, Fauchschaben.“ Wie steht’s im Vorwort zum Messe-Heft mit Blick auf die letzten Monate: „Merkwürdige Presseanfragen, entkommene Kobras, der ganz normale Wahnsinn also.“

Vor dem Gifttierbereich haben sich inzwischen auch zwei gestandene Männer vom Medizinischen Dienst eingefunden. Besser ist’s. Wegen ihrer Fachkenntnis und ihrer Erfahrung. „Wenn die Leute rauskommen“, sagt einer zu der jungen Ordnerin: „Kontrollier’ auch Rucksäcke.“

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