Kirchenöffnung

Corona: Darum wird es Gottesdienste erst Mitte Mai geben

Die Kirchen dürfen wieder, aber die meisten sind noch nicht soweit. Pfarrer Steffen Hunder (Mitte) und die Presbyter Christiane Scheytt und Matthias Helms beim Vermessen der Kreuzeskirche in Essen – schließlich soll beim ersten Gottesdienst alles sicher sein.

Die Kirchen dürfen wieder, aber die meisten sind noch nicht soweit. Pfarrer Steffen Hunder (Mitte) und die Presbyter Christiane Scheytt und Matthias Helms beim Vermessen der Kreuzeskirche in Essen – schließlich soll beim ersten Gottesdienst alles sicher sein.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Essen/Ruhrgebiet.  Gottesdienste sind ab Mai wieder erlaubt, doch es wird vielerorts erst Mitte oder Ende Mai losgehen. Die Kirchen warnen vor einem Wettlauf.

Im hellen Schiff der Kreuzeskirche treffen sich am Mittwochnachmittag zwei Pfarrer, zwei Küster und zwei Presbyter, um Grundlegendes zu besprechen: „Wir hätten Platz für 50. Aber sollen wir die Maximalzahl auf 30 begrenzen?“ – „Ist die Dokumentation Pflicht?“ – Ja, mögliche Infektionsketten müssen nachvollziehbar sein. „Ich habe Stifte gekauft, die kann sich jeder mitnehmen.“ – „Sollen wir die Zettel mitgeben, um Stau zu vermeiden?“ – „Dann gibt es beim Einsammeln mehr Kontakt.“ Der Küster bietet an, die Besucher aufzuschreiben.

All dies und viel mehr ist noch unklar. Darum wird die Kreuzeskirche in der Essener Altstadt am Sonntag nicht zum ersten Corona-Gottesdienst laden, sondern frühestens am 17. Mai, vielleicht gar erst zu Pfingsten. Keine Gemeinde im Ruhrgebiet wird diesen Sonntag starten, soweit den evangelischen Landeskirchen und dem Bistum bekannt. Lediglich in Iserlohn-Hennen und in Balve wagen sich zwei evangelische Pfarreien vor.

Der kurze Weg zum Altar ...

„Es geht nicht darum, wer den kürzesten Weg zum Altar zurückfindet“, hat Manfred Rekowski gesagt, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). So sehen es auch die katholischen Bistümer und der Zentralrat der Muslime: Schutz vor Eile! Jede Gemeinde muss selbst die Hygiene-Regeln vor Ort umsetzen. Aber ehrenamtliche Helfer stehen nicht Schlange. Vielerorts zählt der Geistliche selbst zur Risikogruppe. Und wie verhindert man es um Gottes Willen, Gläubige abweisen zu müssen?

Dabei haben es die Pfarrer Steffen Hunder und Thomas Nawrocik noch relativ leicht. Ihr Haus ist groß und hat Stühle statt Bänke, auch an normalen Sonntagen mögen nur 30 bis 50 Besucher kommen. Der Gottesdienst wird für sie ein anderer sein: Das Abendmahl fällt aus oder es gibt Einzelkelche. Kopierte Zettel oder Beamer ersetzen Gebetsbücher. Vor allem wird das Gefühl der körperlichen Nähe fehlen. Nicht nur wegen des Abstands. „Früher gab es immer ein Kaffeetrinken nach dem Gottesdienst, die Leute lieben das.“ … Früher hat Hunder gesagt, als erinnere er sich an eine andere Zeit. Und so ist es auch, denn er darf ja nicht einmal mehr zulassen, dass die Leute im Foyer einen Schwatz halten. Hinein durchs Tor, hinaus zur Seite. Und wirklich deprimiert Hunder, dass nicht gesungen werden kann. „Der Gemeindegesang wird nicht stattfinden“, bestätigt EKiR-Sprecher Jens Peter Iven. Kirchenmusik ja – „aber es ist nicht die klügste Idee, aus voller Kehle zu singen und so Aerosolwolken zu produzieren.“

Steffen Hunder hat sich einen Voll-Gesichtsschutz aus Plexiglas zugelegt, ein Geheimtipp unter Pfarrern, und ihn an der Stirn mit eucharistischen Fischen verziert. So kann wenigstens er vorsingen. „Ich habe ja im Altarraum fünf Meter Abstand und die Tröpfchen fallen durch den Schutz nach unten.“

Masken statt Singen

Vornehmlich aber soll sein Gesicht sichtbar bleiben. Bislang sprechen die Kirchen nur die Empfehlung aus, eine Maske zu tragen. Am Donnerstag soll das Thema in der Merkel-Runde mit den Ministerpräsidenten endgültig geklärt werden. Aber Hunder, selbst 63 Jahre alt, will es für alle Besucher vorschreiben. Darum will er Masken bereitstellen. Die sind aber noch nicht da.

Auch Hunder stellt sich die Frage: „Sind die Leute so ausgehungert, dass sie in Scharen kommen? Oder haben sie Sorge und bleiben weg?“ Doris Nautsch glaubt ersteres. Die 82-Jährige spricht für den Seniorenkreis und von den etwa zehn Mitgliedern, die noch den Gottesdienst besuchen: „Viele vereinsamen ja total. Sie können vielleicht nicht mehr laufen, aber zur Kirche kommen sie noch.“ Die Senioren hätten zwar „unheimlich Angst, sich zu infizieren, aber sie suchen auch eine Quelle der Hoffnung, und der da oben tröstet mich.“ In der Kirche sähen die Senioren kein besonderes Risiko, „wenn da jeder mit Maske in seiner eigenen Reihe sitzt. Sie meiden eher die enge Arztpraxis.“

Und wenn doch zu viele kommen? Dann wird man sie abweisen müssen, heißt es. Aber eine Kirche die abweist, will natürlich keiner … Hunder tendiert dazu, einen zweiten Gottesdienst im Anschluss anzubieten. Oder soll man die Stammbesucher gleich zum späteren Termin einladen, damit keiner warten muss? Es wird komische Situationen geben. Aber Kirche muss Sicherheit bieten, muss Geborgenheit vermitteln: „Wenn ich das Gefühl habe, ich kann mich infizieren, ist das ja nicht entspannend.“

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