Tiere mit Übergewicht

Auf Diät: Dortmunds Ameisenbären müssen abspecken

Ameisenbär-Model mit Idealmaßen: Dolores ist nicht nur Johanna Steineckers „Hübscheste“, sie ist auch fit und gesund. Das neue Futter verschlingt sie mit großer Begeisterung.

Ameisenbär-Model mit Idealmaßen: Dolores ist nicht nur Johanna Steineckers „Hübscheste“, sie ist auch fit und gesund. Das neue Futter verschlingt sie mit großer Begeisterung.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Ameisenbären im Zoo sind oft zu dick. Eine Tierärztin entwickelte im Dortmunder Zoo eine neue, gesunde Kost. Aber die riecht nicht nach Banane.

Dolores schmeckt’s. Die hübsche Ameisenbär-Dame „inhaliert“ ihr Futter, kaum dass Johanna Steinecker es ihr hingestellt hat. Und Idealgewicht bringt die Achtjährige auch auf die Waage. Die Tierärztin hat das gerade noch einmal überprüft: Schulterblattgräte, Rippenbogen und Hüfthöcker sind unter dem dickem Fell tastbar – aber nur, wenn die Ärztin gezielt danach sucht. Dolores muss weder zunehmen noch abspecken. Andere Ameisenbären, nicht nur die im Dortmunder Zoo, tun sich beim Thema, ja, schwerer.

Nachgezüchtete Ameisenbären, erklärt Dr. Christine Osmann, seit 29 Jahren Tierärztin im Dortmunder Zoo, seien oft größer als die in freier Wildbahn – und leider oft auch zu dick, wohl, weil ihr Futter zu gehaltvoll ist. „Aber doch nicht hier in Dortmund, dachten wir immer“, erinnert sich Osmann. Im Rückblick denkt sie, dass „man das wohl selbst nicht so wahr nimmt“ und dass tatsächlich kein Dortmunder Ameisenbär je „unter extremem Übergewicht litt“. Aber wenn sie sich heute Bilder von vor 15 Jahren anschaut, muss sie oft doch staunen – und schlucken. „Unsere Ameisenbären fühlten sich wohl, so wie waren“, erzählt die 57-Jährige. Und kein anderer Zoo war in der Zucht so erfolgreich wie der Dortmunder. „Lange Zeit also gab es keinen Grund, etwas am Futter etwas zu ändern“, erklärt Osmann. Die „Dortmunder Mischung“ galt sogar als ideale, wurde an Tierparks in alle Welt geliefert. Fleisch, Obst und Gemüse, Milchprodukte und Ei steckten drin, gelegentlich Luzerne oder Grünmehl. „Doch irgendwann mussten wir feststellen, dass ist nicht mehr richtig so, heute füttert man anders“, erklärt Osmann. Zu viele Kilos machen schließlich nicht nur Menschen krank.

Die „Dortmunder Mischung“ wird an Zoos in aller Welt geliefert

Und so kam Johanna Steinecker ins Spiel: Im Juni 2018 kam die 28-Jährige, die in Hannover studierte, nach Dortmund, für ihre Ausbildung zur Fachärztin für Zoo- und Wildtiere und um zu promovieren: Sie betreut die Futterumstellung, die Chefin Osmann „grundlegend und tiefgreifend“ nennt, wissenschaftlich. Sie schreibt darüber ihre Doktorarbeit.

Die junge Ärztin, die aus dem Alten Land bei Hamburg stammt, tüftelte intensiv an der neuen „Dortmunder Mischung“, optimierte dazu schrittweise das Fertigfutter eines Schweizer Herstellers. Sie senkte den Kohlenhydrat-Anteil deutlich, reduzierte die Zufuhr fettlöslicher Vitamine drastisch. „Die lagern sich in der Leber an, und das führt zu Verknöcherungen, etwa an der Wirbelsäule. Ameisenbären sind dafür besonders empfänglich, es macht sie massiv krank. Was man früher nicht wusste“, erklärt die Doktorandin. Das neue Futter sollte ein möglichst idealer Ersatz für die natürliche Nahrung der Ameisenbären sein. Die futtern in freier Wildbahn fast ausschließlich Ameisen und Termiten, 40.000 Stück pro Kopf und Tag. Eine unglaubliche Menge. Sie herbeizuschaffen: unmöglich für einen Zoo im Ruhrgebiet, erklärt Steinecker. „Zumal die ja nicht die Ameisen fressen, die bei uns durch den Wald laufen...“. Ameisenbären sind in Mittel- und Südamerika zuhause.

Inzwischen haben fast alle die gesunde Kost akzeptiert – nur Faya nicht

Inzwischen steht das Menü für Dortmunds Ameisenbären. Es enthält Geflügelfleischmehl, Insekten- und Garnelenschrot, Kartoffelprotein, Geflügelfett, Haferflocken und ein paar Extra-Vitamine. Es ist erheblich teurer als das alte Futter, dafür leichter zuzubereiten: Das Granulat wird mit Wasser zu einem braunen Brei angerührt – der ganz lecker riecht. Aber leider nicht nach Banane, wie das alte Futter. Dortmunds Ameisenbären jedenfalls gaben den Suppenkaspar, als man ihnen die neue, gesunde Kost vorsetzte. Außer Mirek, dem kleinen Wildfang, verweigerten fast alle das Futter, erzählen die beiden Veterinärinnen.

„Es dauerte fast ein Jahr, bis sie sich dran gewöhnt hatten“, so Steinecker. „Von einer „Durststrecke“ auch für die Pfleger der Tiere, spricht Christine Osmann. „Wir haben uns echt Gedanken gemacht, wir brauchten alle viel Durchhaltevermögen“. So viel tatsächlich, dass „Abspecken“ bei einigen Ameisenbären schließlich gar nicht mehr das Thema war, sondern eher: Zulegen. Steinecker veränderte hier ein bisschen, dort ein wenig, experimentierte mit Himbeeraromen, versteckte den Brei in ausgehöhlter Avocado und pürierte schließlich sogar höchstpersönlich die Kost, bis sie „so richtig schön cremig und weich war“, so wie sie Ameisenbären am liebsten mögen.

Seit Frühsommer läuft’s! Neun große und kleine Ameisenbären leben derzeit im Dortmunder Zoo, inzwischen sind alle umgestellt aufs neue Futter.. Alle, bis auf eine: Faya. Der 13 Jahre alte Tamandua, eine kleine Ameisenbärin, wurde von Hand aufgezogen „und wohl sehr verwöhnt“, so Osmann. Fayas Lieblingsspeise bleibt Vanillepudding – und das Leckermäulchen Dortmunds Problembär.

Auch Ameisenbären können Diabetes bekommen

Ein Jahr wird es noch dauern, bis Steinecker ihre Doktorarbeit abgeschlossen haben wird, alle Daten ausgewertet sind. Insbesondere mit dem Glukose-Stoffwechsel will sich die Tierärztin noch näher befassen: Falsche Ernährung führt auch beim Ameisenbär zu Diabetes. Der Leipziger Zoo testet das neue Futter inzwischen ebenfalls, später soll es weltweit verwendet werden. Was den in Dortmund geborenen und aufgezogenen Ameisenbären, die an Zoos in aller Welt verschickt werden, im Übrigens auch das Einleben in der Fremde erleichtern wurde.

Erste Erfolge sind nach der Umstellung bereits deutlich: Der Body-Condition-Score (BCS) der Ameisenbären habe sich „deutlich positiv entwickelt“, sagt Steinecker. Der Wert dient als entscheidender Hinweis auf den Ernährungszustand eines Tiers. Regelmäßig wiegt die Ärztin die Tiere, vermisst sie, nimmt Blut ab, tastet nach Knochen, sammelt Kotproben. Eine dicke Narbe an ihrem Unterarm zeugt davon, dass es nicht ganz ungefährlich ist, Ameisenbären allzu gründlich zu untersuchen. Aber die Ärztin macht dem „supernetten“ Tamandua, der ihr beim Wiegen mit seinen kräftigen Krallen die Narbe verpasste, keinen Vorwurf. Denn die Pfleger berichteten ihr freudig, „dass die Ameisenbären jetzt viel wirklich aktiver sind als früher“.

>>>>>Info: Dortmund: Weltstadt der Ameisenbären

1975 zog der erste Ameisenbär in den Dortmunder Zoo ein. Ein Jahr später wurde dort der erste geboren.

Bis heute zählte man seither insgesamt 63 Geburten – mehr als in jedem anderen Zoo der Welt.

Dortmund leitet auch das Internationale Zuchtprogramm (ISB) für Große Ameisenbären.

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