Aus der Geschichte

Arbeitskampf: Als Hoesch-Frauen in den Hungerstreik traten

Rita Schenkmann-Raguse vor dem 39 Jahre alten Transparent. Am Hungerstreik selbst nahm sie damals nicht teil: Sie stillte ihr Baby.

Rita Schenkmann-Raguse vor dem 39 Jahre alten Transparent. Am Hungerstreik selbst nahm sie damals nicht teil: Sie stillte ihr Baby.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Als es bei Hoesch in Dortmund um Tausende Arbeitsplätze ging, blieben die Frauen nicht mehr still. Sieben traten sogar in den Hungerstreik.

Die Stahlstadt Dortmund ist Geschichte, Hoesch ist es auch und der Arbeitskampf der Stahlarbeiter. Alles vorbei, aber nicht vergessen. Obwohl: An die Frauen hat ja bald keiner mehr gedacht! An den Aufstand der Gattinnen, die Wut der Mütter, den Hungerstreik der Hoesch-Frauen, der am 5. Februar 1981 begann.

Die Frühschicht entdeckte sie als erste: die sieben Frauen vor der Westfalenhütte auf ihren Campingstühlen, es war noch dunkel, kalt und nass. Die Männer erzählten es der Nachtschicht weiter, lasen erstaunt die Flugblätter, hörten den Gesang: „Macht die Männer stark, ihr Frauen, dass sie nicht das Werk abbauen!“ Monatelang war es bis dahin ja wie immer gewesen, erinnert sich Rita Schenkmann-Raguse, 71: „Wenn Frauen was machen, werden sie nicht ernstgenommen.“ Der Hungerstreik aber, sagt Mitstreiterin Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf, war ihr „allerletztes Mittel“.

„Hilfe, wir gründen gerade ein Familie, und jetzt werden wir alle arbeitslos“

Dabei ging es (noch) gar nicht um den Abriss der Westfalenhütte damals. Vielmehr wollte Hoesch das neue, moderne, lange versprochene Werk nicht mehr bauen. Es ist November 1980, als die Entscheidung fiel, und an den Dortmunder Küchentischen diskutierte man das Entsetzen. „Die sind wohl völlig verrückt geworden“, sagte Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf zu ihrem Mann Jochen. „Hilfe, wir gründen gerade ein Familie“, dachte Rita Schenkmann, Ehefrau von Rüdiger Raguse, „und jetzt werden wir alle arbeitslos.“

„Wir“ sagen sie alle heute noch, auch Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf meint die Arbeiter, wenn sie sagt: „Wir waren mal 30.000.“ Früh um sechs begannen die Frauen zu telefonieren.

13.000 Unterschriften an einem Tag

„Alle haben sich furchtbare Sorgen gemacht“, das wissen sie noch, aber noch mehr wussten sie: „Wir müssen was tun, wir machen was!“ Aber was? Unterschriften sammeln (13.000 an einem Tag), Demos, „aber da hören die da oben weg und lassen uns rennen“, ahnte Rita Schenkmann-Raguse. Angefangen haben sie erstmal mit dem Demonstrieren, aber gleich mit Lastern und Luftballons und den Kindern an der Hand. „Die klauen uns nicht das Brot!“, gab sich Raguse entschlossen, sie wollte nicht, „dass die Stadt untergeht und die Menschen verarmen“.

Denn die Frauen ahnten: Ein Ende des Stahls wäre „eine Katastrophe für die Stadt und die Region, das bleibt ja nicht an Dortmund hängen“. Und ist es nicht so gekommen? „Unter dem Verlust dieser Arbeitsplätze leiden Stadt und Region noch heute.“ Also schrieben sie auf ihre Plakate: „Stahlwerk tut not, sonst ist Dortmund tot!“ Sie malten Protest-Liederbücher, buken „Arbeitsplätzchen“, verkauften Suppe, um die nächsten Aktionen zu finanzieren, und nie fragten sie die Gewerkschaft, die Partei oder gar ihre Männer.

Gewerkschafter nannten den Pulk der Frauen „Flintenweiber“

Die „Flintenweiber“ hat man sie genannt, sie traten im Pulk auf, bei den Demonstrationen marschierten sie in einem „Frauenblock“, sie redeten sich in Rage und zum ersten Mal in Mikrofone, und zwischendurch bekam Rita Schenkmann-Raguse ihr erstes Kind. Am 3. November 1980 titelte die WAZ: „Frauen der Stahlarbeiter machen mobil“, da dauerte es noch drei Monate bis zum Hungerstreik, der am Ende „eine Verzweiflungstat“ war. „Es gab auch viel Gegenwind“, erinnert sich Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf, heute 73. Man habe unterschätzt, gesteht Rita Schenkmann-Raguse, „dass wir draußen waren und die Männer drinnen“: Nicht alle Gewerkschafter haben den Einsatz der Frauen geschätzt. Sie stahlen ihnen die Schau, obwohl sie das gar nicht planten.

Frauen wollten nicht warten, „bis ein Gesetz zur Gleichberechtigung kommt“

Aber die Zeit war reif, die Frauen wollten „nicht mehr warten, bis irgendein Gesetz für Gleichberechtigung kommt“, wie Rita Schenkmann-Raguse sagt. Sie kämpften, weil sie fanden: „Das kann man nicht machen mit den Leuten“, obwohl Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf fast 40 Jahre später leise sagt: „Heute passiert es jede Woche.“

Sie haben es auch nicht geschafft, das Ende des Stahls in Dortmund zu verhindern. Vielleicht haben sie es aufgehalten, aber jedenfalls haben sie daraus gelernt: zu kämpfen, den Mund aufzumachen, zu reden, sich zu emanzipieren. „Keine Frau“, sagt Rita Schenkmann-Raguse, „ist in ihr altes Leben zurückgegangen.“ Der Protest, glaubt Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf, „hat uns fürs Leben gestärkt“. Und unvergessliche Erinnerungen beschert: Da war der Tag im April 1981, als die Hoesch-Granden in der damaligen Zentrale an der Rheinischen Straße tagten – und die Arbeiter, ihre Frauen im Schlepptau, das Gebäude kurzerhand stürmten. Rita Schenkmann-Raguse musste kurz weg aus den Rauchschwaden der Zigarren, ihren Sohn stillen, aber sie lief fort mit diesem Gedanken: „So muss Revolution sein!“

INFO: AUSSTELLUNG IM HOESCH-MUSEUM

Rita Schenkmann-Raguse und Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf haben u.a. Fotos und Zeitungsartikel aus den Zeiten des Protests gesammelt. Auch ihre Transparente haben sie aufbewahrt. „Wenn wir das nicht festhalten“, glaubte Rita Schenkmann-Raguse damals, „fallen wir in der Geschichte durch alle Löcher.“

Nun, fast 40 Jahre später, hat das Hoesch-Museum in Dortmund das Material gesichtet und den Frauen eine Austellung gewidmet: „Sich ins Geschehen werfen. Die Hoesch-Fraueninitiative“ ist noch bis Sonntag, 9. Februar, an der Eberhardstr. 12 zu sehen.

Die Öffnungszeiten: Mittwoch 13 - 17 Uhr, Donnerstag 9 bis 17 Uhr, Sonntag 10 - 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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