Rasern droht jetzt doch Gefängnis

An Rhein und Ruhr.   Mit betretenen Mienen sitzen die beiden Raser neben ihren Verteidigern auf der Anklagebank. Zu Beginn des Revisionsprozesses vor dem Kölner Landgericht wenden sie sich gestern zunächst an die Familie der Radfahrerin, die sie totgefahren haben. „Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung“, sagt der eine von ihnen mit leiser Stimme. „Es tut mir unendlich leid, was ich angerichtet habe“, liest der andere vor. Er schaut auf seinen Zettel – nicht zu den Eltern und dem Bruder der getöteten Miriam, die ihm als Nebenkläger gegenübersitzen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Mit betretenen Mienen sitzen die beiden Raser neben ihren Verteidigern auf der Anklagebank. Zu Beginn des Revisionsprozesses vor dem Kölner Landgericht wenden sie sich gestern zunächst an die Familie der Radfahrerin, die sie totgefahren haben. „Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung“, sagt der eine von ihnen mit leiser Stimme. „Es tut mir unendlich leid, was ich angerichtet habe“, liest der andere vor. Er schaut auf seinen Zettel – nicht zu den Eltern und dem Bruder der getöteten Miriam, die ihm als Nebenkläger gegenübersitzen.

Ob die Entschuldigungen der beiden 24 und 25 Jahre alten Männer von Herzen kommen? Man weiß es nicht. In ihren Erklärungen reden sie viel über sich selbst: von schlaflosen Nächten seit dem Unfall im April 2015 und dass sie danach in therapeutischer Behandlung gewesen seien – der Jüngere hat nach eigenen Angaben bisher eine Sitzung bei einem Psychologen absolviert. „Für andere Leute bin ich nur der Totraser, das macht mich kaputt“, sagt er. Die Gesichter von Miriams Familie bleiben verschlossen, ab und zu schüttelt die Mutter den Kopf.

Doppelt so schnellwie erlaubt

Für die türkischstämmigen Männer steht viel auf dem Spiel. Das Landgericht hat sie 2016 bereits wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren sowie einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt – auf Bewährung. Nun kann es sein, dass sie die Strafen doch noch im Gefängnis absitzen müssen. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat die Aussetzung zur Bewährung kritisiert und das Urteil teilweise aufgehoben. Der Unfall wie auch das anschließende Urteil des Landgerichts hatten bundesweit Entsetzen hervorgerufen. Die 19-jährige Miriam war an jenem Abend mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Hause. Nahe den Rheinterrassen in Köln-Deutz kamen ihr zwei Autos entgegengerast, fast doppelt so schnell wie die erlaubten 50 Stundenkilometer. In einer Kurve verlor einer der Fahrer die Kontrolle, sein Wagen schleuderte auf den Radweg. Miriam hatte keine Chance.

„Das erstinstanzliche Urteil war für meine Mandanten ein Schlag ins Gesicht“, sagt der Nebenklage-Anwalt Nikolaos Gazeas. „Sie hoffen, dass es nun endlich ein gerechtes Urteil gibt.“ Adi Plickert, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) ist überzeugt: „Wer mit 120 oder 140 durch unsere Innenstädte braust, muss wissen, dass sein Auto zur gemeingefährlichen Falle wird, wenn er die Kontrolle verliert.“ Solche Fahrer nähmen Tote und Schwerverletzte in Kauf: „Es ist hier am Gericht, ein deutliches Signal zu setzen und die Bewährung aufzuheben“, meinte Plickert im Gespräch mit der NRZ.

Raserei und illegale Rennen führen immer wieder zu schweren Unfällen. Die Gerichte kamen in der Vergangenheit zu sehr unterschiedlichen Urteilen. Auch der BGH gibt keine eindeutige Linie vor, sondern sagt: Jeder Einzelfall muss sorgfältig geprüft werden. Anfang März hoben die obersten Richter das aufsehenerregende bundesweit erste Mordurteil gegen zwei Raser auf, die sich auf dem Kurfürstendamm in Berlin ein Rennen geliefert hatten und einen tödlichen Unfall verursachten.

Allein in Nordrhein-Westfalen ermittelte die Polizei im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit verbotenen Rennen gegen 335 Verdächtige – bei vermutlich hoher Dunkelziffer (die NRZ berichtete).

Oft entstehen Rennen aus der Situation heraus, etwa durch Handzeichen an einer roten Ampel. „Manchmal reicht ein Blick“, sagt GdP-Mann Plickert. Auch die Angeklagten in Köln hatten sich laut erstem Urteil nicht zu einem Rennen verabredet, sondern sich ein „spontanes Kräftemessen“ geliefert.

„Beobachtungsdruckhochhalten“

In Köln hat die Polizei nach gleich mehreren schweren Raser-Unfällen 2015 eine spezielle Ermittlungsgruppe zu dem Thema eingerichtet. Auch in anderen Städten, Dortmund etwa, führt die Polizei immer wieder sehr gezielt Aktionen gegen illegale Rennen und hemmungslos aufgemotzte Autos durch. Neben Köln gilt das Ruhrgebiet als ein Schwerpunkt der Szene, die sich z. B. auf der B8 im Duisburger Norden trifft. Sogenannte Gefährderansprachen sollen die Mitglieder der Szene aus der Anonymität holen; zudem gibt es innerstädtische Geschwindigkeitskontrollen. „Wir müssen den Beobachtungsdruck hochhalten“, fordert Plickert. Er warnte davor, den Verkehrsbereich der Polizei zugunsten der Kriminalitätsbekämpfung auszudünnen: „Im Verkehr brauchen wir die Kräfte auch.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik