Zahnärzte ohne Grenzen

Zahnarzt aus Wesel hilft in den Bergdörfern des Himalaya

Zum ersten Mal eine Zahnbürste im Mund – für die Kinder im nepalesischen Bergdorf war das eine Sensation.  

Zum ersten Mal eine Zahnbürste im Mund – für die Kinder im nepalesischen Bergdorf war das eine Sensation.  

Foto: Dr. Jens Paarsch

Wesel.  Dr. Jens Paarsch war als Zahnarzt mit vier Studenten zur humanitären Hilfe im Nepal. Doch der Einsatz musste wegen Corona abgebrochen werden.

Als Zahnarzt ohne Grenzen war Dr. Dr. Jens Paarsch im vergangenen Jahr in Kap Verde und Sambia im Einsatz. Im Februar führte ihn ein neuer Einsatz nach Asien. Sechs Wochen humanitäre Hilfe in Nepal waren angesetzt. Aber dann kam Corona.

Die Enttäuschung ist dem Humanmediziner und Zahnarzt heute noch anzumerken, denn es gab noch so viel zu tun in den weit von der Zivilisation abgelegenen Bergdörfern, mit Bewohnern, die wenn es hoch kommt, einmal im Jahr von einem Arzt der Zahnheilkunde besucht werden. Und auch nur dann, wenn Hilfsorganisationen für medizinische Betreuung Mittel zur Verfügung stellen.

Infos zu „Zahnärzte ohne Grenzen finden sich hier

Für den diesjährigen Einsatz hat der Weseler Zahnarzt, der vor zwei Jahren seine Praxis aufgab, sich der Organisation Dental Volunteers angeschlossen. Der gemeinnützige Verein wurde im Jahr 2008 von der Zahnärztin Dr. Agnes Wagner gegründet. Jeweils vier Studenten im letzten oder vorletzten Semester werden mit einem erfahrenen Zahnarzt zu einem Hilfseinsatz in die Dritten Welt ausgesandt.

Lions Club Wesel half mit

Ende 2019 lernte Dr. Paarsch seine Mitreisenden, drei Studentinnen und ein Student aus Marburg, kennen, um die Reise ausführlich zu besprechen. Jetzt mussten Spenden requiriert werden für die zahnärztliche Ausrüstung, das Verbrauchsmaterial und für Unmengen an Zahnbürsten. Dank einer großzügigen finanziellen Spende des Lions Clubs Wesel kaufte Dr. Paarsch eine chirurgische Einheit, die zwar 30 Jahre alt war, aber den Hilfstrupp nie in Stich lassen sollte. Die elementar wichtige Maschine nahm der Weseler vorsichtshalber mit ins Handgepäck, alle weiteren Einsatzutensilien, wie seine Lieblingsinstrumente, Sachspenden und ganz wichtig für die kalten Nächte, der Schlafsack, füllten den Koffer.

Dorfschule wurde zur Behelfspraxis

Von Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, ging es mit einem Minibus in das vier Stunden entfernte Bergdorf Kurinthar. „Es war eine abenteuerliche Fahrt, unser Gepäck samt zahnärztlicher Ausrüstung wurde auf dem Busdach befördert, längst nicht so gesichert wie bei uns“, erinnert sich Dr. Paarsch an die erste Fahrt in Nepal. Kurinthar ist eine verstreute Ansammlung von kleinen Hütten.

Die Unterkunft der Deutschen lag etwa eine Stunde entfernt von ihrem Einsatzort. Beschwerlich war der tägliche einstündige Fußweg steil bergauf, inklusive einer Flussquerung über eine Hängebrücke. „Unterstützt wurden wir von zwei einheimischen Trekkingführern, die schon vorab unser Equipment in die Bergschule getragen hatten.“

In der Dorfschule wurden zusammengeschobene Schulbänke zur Liege umfunktioniert, die Chirurgieeinheit aufgebaut und fertig war die Behelfspraxis. Zunächst wurden Schüler behandelt, aber nachdem sich herumgesprochen hatte, dass „kostenlose“ Zahnärzte eingetroffen sind, kam die gesamte Landbevölkerung, einige nahmen sogar eine eintägige Anreise und lange Wartezeiten in Kauf.

„Wir waren wohl die ersten Zahnärzte in diesem Ort, denn unsere mitgebrachten Zahnbürsten und Putzunterweisungen waren ein absolutes Novum“, wunderte sich Dr. Paarsch. So sahen dann auch die Zähne aus, die bei etlichen Kindern schon unrettbar zerstört waren und häufig nur noch entfernt werden konnten.

Die angehenden Zahnärzte schauten sich zuerst die Patienten an, stellten die Diagnose, assistierten bei chirurgischen Zahnentfernungen oder behandelten selbst unter der Anleitung von Dr. Paarsch. So konnten gemeinsam täglich viele Patienten versorgt werden.

Ob es eine Füllung gab oder die Zange zum Einsatz kam, die Patienten waren dankbar, wenn der nagende Schmerz nachließ. Dank der einheimischen Trekkingführer war der Kontakt zu den Dorfbewohnern gut, abends aßen die Deutschen mit ihnen zusammen, es wurde getanzt und gesungen. Besonders der Dorfälteste hatte den Zahnarzt aus Wesel ins Herz geschlossen. „Es kamen so viele Patienten, dass wir unseren Aufenthalt noch verlängerten“, erzählt Dr. Paarsch. Zu diesem Zeitpunkt hatte hier noch niemand etwas von Corona gehört.

Mehr Infos über Nepal

Der nächste Einsatzort war Sankhe, ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf mit einem kleinen Hospital, das vor Jahren von deutschen Spendengeldern erbaut wurde, aber nun ohne Ärzte nahezu leer steht.

„Hier hörten wir erstmals von Corona. Sogar die Kinder riefen ‘Corona! Corona!’ vermutlich nicht wissend, worum es sich handelt“, erzählt Dr. Paarsch. Inzwischen hatte das Team Desinfektionsmittel selbst hergestellt, die Landfrauen hatten zusätzliche Gesichtsmasken genäht. Doch die Bevölkerung kam aus Angst vor Corona immer zögerlicher, obwohl auch hier der Bedarf groß war. Selbst hier auf dem Land trugen immer mehr Menschen Masken.

„Nun freuten wir uns auf die nächste Station: Bergdörfer im Himalaya. Doch vor unserer Abfahrt erhielten wir die Meldung, dass unsere Arbeitserlaubnis wegen Corona zurückgenommen wurde“, bedauert Dr. Paarsch.

Bergdörfer im Himalaya

Das war nicht nur für sein Team, sondern auch für die Bergbevölkerung eine Riesenenttäuschung, denn sie wartete seit Monaten auf zahnärztliche Hilfe, die auch zukünftig über Monate nicht eintreffen wird. Vielmehr musste das deutsche Team sich nun bemühen, so schnell wie möglich das Land zu verlassen. Nach stundenlanger Rückfahrt mit dem „Local bus“ ging es mit einem der letzten Flüge von Kathmandu zurück nach Deutschland.

Die Studenten haben in dieser Zeit viel gelernt, zurück zu den Wurzeln der Zahnmedizin: Menschen mit einfachen Mitteln von ihrem Leid zu erlösen, aber auch die Organisation einer Notpraxis zu realisieren. Ob ihnen in ihrem weiteren Berufsleben diese große, herzliche Dankbarkeit widerfährt wie in Nepal, bleibt zu wünschen.

Dr. Paarsch sah sich auch nach diesem Einsatz in seiner Entscheidung bestätigt, seine große Praxis in Wesel aufzugeben, um direkt dort zu arbeiten, wo die Not am größten ist

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