Austellung in Neuss

„Süßkram“: eine leckere Ausstellung, die nicht dick macht

Niederrheinisches Original: Goldnuss-Pärchen in der Sonderausstellung „Süßkram - Naschen in Neuss“.

Niederrheinisches Original: Goldnuss-Pärchen in der Sonderausstellung „Süßkram - Naschen in Neuss“.

Foto: Michael Gottschalk / FFS

Am Niederrhein.  Naschen in Neuss: Die Ausstellung über Schokolade und Konfekt im Clemens-Sels-Museum kann sorgenfrei besucht werden – sie macht nicht dick.

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Naschkatzen aufgepasst: Das ist eine Lieblingsausstellung. Himmlisch süß. Familientauglich rundum. Ein Rätselspaß außerdem. Den Riesen-Lollie, Marke Snoepjes, Spezialanfertigung der Düsseldorfer Bonbonmanufaktur, gibt`s obendrauf. Wenn – ja wenn richtig geschätzt, das richtige Gewicht des gewichtigen Lutschers erraten wird. Noch steht der Schleckstängel im Museumsfoyer. Aber Obacht: Leicht geht anders, man kann sich schön verraten.

Kulturhistorie als sexy Augenschmaus

„Süßkram“, die bunte Schau im Rahmen des städteübergreifenden Ausstellungsprojekts „NEULAND“ rund ums Bonbon und Eck der Niederrheinregion blättert eine tolle Kombi zwischen Knowhow und Aha-Erlebnissen auf. Und kommt im Clemens-Sels-Museum Neuss als best recherchierte Kulturhistorie von Praliné & Drops mit sexy Augen-Schmaus daher.

Wer schon weiß, dass Napoleon, als er ab dem 21. November 1806 die Kontinentalsperre gegen Großbritannien verhängte, den Niederrheinern den Zuckerhahn abdrehte? Mit der Folge, dass aus dem heimischen Runkelrübenanbau die bis heute florierende Zuckerrübenproduktion am Niederrhein entstand. Frei nach dem Motto: Kauft statt teuer importiertem Zuckerrohr aus britischen Kolonien, Süßes vom Feld vor der Haustür.

Backen wie die alten Römer

Staunenswert auch der Guckkasten mit der römischen Backformscherbe, die in Neuss-Gnadental an der Dietrichstraße 7 auf dem Feld der römischen Zivilsiedlung in der Nähe des bedeutendsten und besterforschten römischen Militärlagers des Rheinlandes, dem Novaesium, gefunden wurde, was ein Legionslager der römischen Kaiserzeit von 16 v. bis 256 n. Chr. gewesen ist.

Für die Neusser Ausstellung wurde das kleine Bruchstück mit der großen Geschichte und dreiteiliger Inschrift von einer kundigen Kommunikationsdesignerin komplettiert. Jetzt zeigt die Rekonstruktion anschaulich: Damalige Menschen gingen höchst kunstfertig mit rituellem Süßkram um. Und weil die Oblate von immenser Bedeutung im römischen Kult war, geriet das Backwerk symbolträchtig groß. Auf rund 18 Zentimetern im Durchmesser ziselierten die alten Römer den Fruchtbarkeits-Weingott Dionysos rein und kneteten mutmaßlich Öl und Honig ins Libum (lat. Kuchen).

Klömpkes und die Novesia-Goldnuss

Bis heute allerdings fachsimpeln Experten, wie der Kult-Keks schmeckte. Tatsächlich süß? Oder eher würzig? Vielleicht gar fad? Fest steht: Wankelmütig ist der Geschmack. Im Jahrhundertlauf änderte er sich laufend. Und wo einst bloßes Weizenmehl unseren Vorfahren süß mundete, braucht der Gaumen von heute Dolce dolcissimo. Warum auch nicht? Wofür denn sonst gibt`s Zahncreme und -bürste?

Ja doch, die Neusser Süßkram-Schau ist ein bezauberndes Lasterland. Überall in den Schautischen, Vitrinen und Showrooms der von Kurator Dr. Claus Pause & Team intensiv recherchierten Ausstellung lauern die kleinen, feinen Petit Fours, die Karamellen, Brocken, Klömpkes, neben Törtchen, Kuchen und Schoko-Tafeln. Klar, dass die berühmte Novesia-Goldnuss mit den garantiert 27 Haselnüssen drin als absolutes Highlight unter den urtypischen Neusser Spezialitäten nicht fehlt. Bis 1980 zählten Generationen die Goldnuss. Fehlte eine, gab`s Geld zurück.

Kultur im Kaffeehaus

Gegründet hatte das Neusser Novesia-Unternehmen Peter Ferdinand Feldhaus im Jahr 1860. Heute wird im ehemaligen Produktionsgebäude an der Jülicher Landstraße das berühmte Kaubonbon Maoam produziert – unter dem 1930 beim Amtsgericht Düsseldorf beantragten „Musterschutz für das Erzeugnis Maoam, Kaubonbon ohne Gummi, aus Zucker, Syrup und anderen Zutaten.“

Ein Objektkasten ist dem Werdegang der plombenzieherverdächtigen Süßigkeit und ihrer Verpackung gewidmet. Überhaupt: Retro-verlieben ist beim „Naschen in Neuss“, wie die Ausstellung „Süßkram“ im Untertitel heißt, kein Ding. So hübsch nostalgisch ist manches Eck im Parcours aufbereitet: Mit Ladentheke von anno dazumal, mit Kurbel-Registrierkasse, mit Bauchladen und wunderbar analogen Schoko-Automaten.

Naschen in Neuss

Und wer jetzt immer noch nicht überzeugt ist, dass „Süßkram“ eine Must-See-Schau zwischen Alltagshistorie und Regionalprofil ist, dem sei als Futter fürs Wissen ans Herz gelegt, dass 1864 der Neusser Konditor Herkenrath mit der Beantragung einer Konzession zum Ausschank von Kaffee, Schokolade und Liqueur die Caféhaus-Kultur vor Ort in Neuss begründete – ein Segen für die weibliche Kundschaft, die seinerzeit kaum in männerbesetzte Schankhäuser gingen.

Und dass Zucker einst in die Hoheit der Apotheker fiel, die Husten-, Hals- und Minzpastillen als „Wirker“ verkauften, dass Zucker als Fiebersenker, Wundheiler und Potenzmittel gehandelt wurde, dass es wohl der Grieche Plinius der Ältere im 1. Jahrhundert war, der die spröde Konsistenz des festen Zuckers und seine heilende Verwendung beschrieb

Und dass bis heute bei der (heißen) Verarbeitung für all die süße Diversität in Bonbonglas oder Tüte, Zucker wie Glas in Länge und Form gezogen wird. Zu sehen in einem Video. Spannend. Ein vergnügliches Staunen und Lernen. Nur zu: Naschen in Neuss ist angesagt!

>> INFO: Die Ausstellung ist bis zum 31. Oktober zu sehen

Die Ausstellung „Süßkram“ ist bis noch zum 13. Oktober zu sehen. Im Clemens-Sels-Museum, Am Obertor, 41460 Neuss. Geöffnet dienstags bis samstags von 11 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr. Eintritt: fünf Euro. Tipp: erster Sonntag im Monat frei. Kontakt: 02131/ 904141, Internet: www.clemens-sels-museum-neuss.de. Der lesenswerte Katalog zur Schau kostet 16,95 Euro.

Aus dem Begleitprogramm: Unter anderem gibt es den Workshop „Lutscher selbst machen“ während der Kulturnacht am Samstag, 28. September 2019; ein Schokoladen-Tasting in der Volkshochschule im Romaneum am 11. Oktober 2019, sowie ein kombinierter Kunst- und Kochgenuss am Donnerstag, 10. Oktober 2019, im Clemens-Sels-Museum Neuss. Mehr Infos dazu bitte im Museum erfragen.

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