Drogen

Wenn Eltern ihre drogenkranken Kinder rausschmeißen sollen

Oft stehen Eltern und Angehörige von Drogenabhängigen in der Behandlung und Therapie außen vor. „Das muss sich ändern“ fordert der Elternverband Arwed.

Oft stehen Eltern und Angehörige von Drogenabhängigen in der Behandlung und Therapie außen vor. „Das muss sich ändern“ fordert der Elternverband Arwed.

Foto: Foto / imago

Duisburg.  Der Elternverband Arwed fordert eine stärkere Einbeziehung Angehöriger in die Behandlung von Drogenabhängigen. Eltern sollen mehr Hilfe erhalten.

Manchmal sagt eine Umarmung mehr als alle Worte: Völlig fertig erzählt die Mutter Dr. Christiane Erbel, dass ihr alle sagen, sie solle ihren Sohn rausschmeißen. Freunde, Verwandte, selbst der Suchtberater. Aber es ist doch ihr Kind, das durch den jahrelangen Drogenkonsum körperlich ein Wrack geworden ist.

Der 25-Jährige hat Wahnvorstellungen und nicht die Einsicht, dass er krank ist. Therapien bricht er ab. Das Vertrauen zwischen Mutter und Kind geht verloren. Er taucht Monate unter, um dann plötzlich zu Hause zu klingeln. „Was soll ich da sagen? Schmeißen Sie ihn raus?“, fragt Christiane Erbel. Nein. Die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Rheinisch-Westfälischen Elternkreise drogengefährdeter und abhängiger Menschen in NRW, kurz Arwed e.V, weiß aus eigener Erfahrung: „Man kann nicht mit, aber auch nicht ohne Kind leben.“

Sie nimmt die Mutter einfach nur in den Arm. Zum ersten Mal seit Jahren fühlt die sich verstanden und gut aufgehoben. So wie der Mutter geht oder ging es fast allen Eltern, die sich einem der 54 Eltern,- und Angehörigenkreise in NRW angeschlossen haben. Professionelle Hilfe für sie gibt es selten. „Sie kämpfen oft allein für sich mit dem Stigma, als Eltern versagt zu haben“, sagt die Landesvorsitzende, die dafür kämpft, dass sich das ändert.

Beratungsstellen haben das soziale Umfeld nicht im Blick

Zum ersten Mal trafen sich jetzt Eltern, Betroffene und Experten zu einer Fachtagung, die von Arwed in Kooperation mit LWL, LVR und dem Paritätischen/Referat Sucht durchgeführt wurde, um auszuloten, wie Eltern und Angehörige drogensüchtiger Betroffener in die Behandlungen mit eingebunden werden könnten und wo Grenzen sind.

Bislang bleiben sie zumeist außen vor. Oft wollen die Kinder nicht, das die Eltern mit eingebunden werden, aber „auch die Beratungsstellen haben das soziale Umfeld nicht im Blick“, sagt Christiane Erbel. Das kann zu Konflikten führen, „wenn der Sohn oder die Tochter plötzlich vor der Tür steht und erzählt, das die Therapie gut war, wir wissen aber von nichts wissen.“

„Wir sind nicht so eine kleine Gruppe“

Auf der Fachtagung sei man sich am Ende einig gewesen, dass „ein professionelles Handeln in der Suchthilfe Angehörige und Selbsthilfe einbeziehen muss“, sagt Christiane Erbel. Dafür benötigten die Therapeuten aber Zeit, Geld und Personal. Hier sind nun auch die Krankenkassen und Rentenanstalten gefragt. Es wird kein einfacher Weg sein, diese Forderungen durchzusetzen. Dessen ist sich Christiane Erbel bewusst. Aber: „Wir Angehörigen sind nicht so eine kleine Gruppe“, sagt sie selbstbewusst, auch mit Blick auf die Zahlen. So hat das Bundesministerium im letzten Drogenbericht die Situation der Angehörigen besonders in den Blick genommen.

Laut einer im Bericht zitierten Studie sind zehn Prozent der Bundesbürger von Sucht (ohne Tabak) betroffene Angehörige, die sich dadurch selbst beeinträchtigt fühlen, meist Eltern und Partner. Allein bei den 600.000 Drogensüchtigen in Deutschland bedeute dies „etwa zwei Millionen hoch betroffene Angehörige, wenn wir davon ausgehen, dass jeder Betroffene zumindest zwei enge Familienmitglieder hat (Eltern, Partner oder Kinder).“

Und die kommen irgendwann an den Punkt, „an dem sie nicht mehr können und selbst krank werden“, sagt Gundi Kalbertodt vom Elternkreis Duisburg. Sie selbst ist viele Stationen angelaufen, als das Drogenproblem des Sohnes auch zur Lebenskrise von ihr wurde. Ihr Sohn magerte immer mehr ab, weil er es gar nicht mehr schaffte, sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Hilfe lehnte er ab. Sie suchte eine Beratungsstelle auf, aber dort konnte man ihr nicht wirklich helfen. Zu hören, „Sie brauchen Abstand, denke Sie mal darüber nach, den Kontakt abzubrechen, füllen Sie nicht noch den Kühlschrank, Sie verhindern, damit, dass er Hilfe annehmen will“ – das helfe nicht wirklich weiter, „wenn man gerade Angst hat, sein Kind zu verlieren. So einfach kann man das nicht“, sagt Gundi Kalbertodt. Irgendwann dachte sie: „Ich brauche eine Selbsthilfegruppe mit Eltern.“ Sie stieß auf den Elternkreis Duisburg – und merkte: „Ich nicht alleine.“

Niemand sagte dort: „Hör auf damit, lass das sein.“

Niemand sagte dort: „Hör damit auf, „lass das sein.“ In der Gruppe wurden ihre Sorgen gehört und gesehen. Sie hat in der Gruppe erfahren, dass auch andere Eltern mit den leeren Kühlschränken ihrer Kinder umgehen müssen. Und sie bekam von weiteren Möglichkeiten erzählt, wie andere auf einen leeren Kühlschrank reagiert haben und wie es dann weiter ging. „Der Austausch untereinander ist durch nichts zu ersetzen“, so ihre Erfahrung.

Ein Leben mit einem drogenkranken Kind gehe oft einher mit einem Kontrollverlust und zerstörtem Vertrauen – auf beiden Seiten. Wie sollen Eltern reagieren, wenn ihr Sohn im Sessel sitzt, nach jahrelangem Cannabis-Konsum antriebslos vor sich hin starrt und aufgrund einer durch die Drogen ausgelöste Psychose panische Angst hat, den Raum zu verlassen. Wen rufen die Eltern dann an? Wo bekommen sie Hilfe? „Es gibt viel zu wenig Krisendienste für solche Fälle in NRW“, sagt Christiane Erbel. Dies führe für alle Betroffenen oft zu fatalen Situationen und dramatischen Krankheitsverläufen. Mehr Hilfe in Krisensituationen – auch das ist eine Forderung, die auf der Liste der Arwed steht.

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