Kolumne: Geschenkt

Wenn die Blumen böse werden: Das gemeine Leben der Pflanzen

 Maike Maibaum betreut das Ressort „Familie und Irrsinn“.

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Foto: funkemedien

Glücklicherweise hat mir nie jemand einen Rosengarten versprochen. Schon eine einzige englische Rambler-Rose kann furchtbar gefährlich werden.

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Der Förster Peter Wohlleben feiert zu Recht große Erfolge mit seinen Büchern über das geheime Leben der Pflanzen – eines hat er allerdings verschwiegen. Da draußen wachsen auch übellaunige Stinkstiefel.

Die Gelehrten streiten seit Jahrhunderten, ob man Tieren und Pflanzen eine Seele zugestehen darf. Als wären menschliche Züge eine Ehre... Unsere englische Rambler-Rose hat jedenfalls ähnliche Charakterschwächen wie ein Huhn, das ich mal in Bayern kennengelernt habe.

Als ich zehn Jahre alt war, versperrte es mir gackernd den Weg in die Ferienwohnung. Ich stammelte schüchtern „ksch ksch“, das Huhn floh. Tage später haute es mir den Schnabel in die Kniekehle, als spielten wir Specht und Baumstamm. Seitdem weiß ich, wozu Hühner Flügel haben – sie unterstreichen die Verwandtschaft mit Rache-Engeln.

Eine Kreuzung aus Knöterich und Tsunami

Die Rambler-Rose war mir schnell unheimlich. Klar, diese Sorte sollte zügig die Pergola überwachsen. Doch obwohl Internet-Gärtner mit Superlativen nicht zimperlich sind, erwähnte keiner, dass die Züchtung über uns herfallen würde, als hätte man einen Knöterich mit einem Tsunami gekreuzt. Ruckzuck Dornröschen. Im Juni bestaunen alle die Millionen weißen Blüten, die das Haus wie Gischt umspülen. Im Herbst verebbt die Freude.

Unter den nackten Dornen sehen wir aus wie der Fährhafen von Calais, der sich mit Stacheldraht umwickelt hat - aus Angst vor den paar Flüchtlingen. Zeit, dass ich mir den Weg frei schnitt, wobei ich mich laut bei der Rose entschuldigte. 1. Weil ich alt und wunderlich werde und sowieso ungern Lebewesen angreife. 2. Um meinen Mann zu beschwichtigen, der noch älter und wunderlicher ist und bei uns den Ausgleichs-Urwald für all die grauen Steinwüsten-Vorgärten züchtet.

Drei Tage gelangte ich unverkratzt zur Haustür. Bis wir den Geburtstag meiner Mutter feierten. Bepackt mit Geschenken, eilte ich zum Auto. Da verrutschte ein rachsüchtiger Rosenzweig und spießte sich in meine Augenbraue. Ich dachte noch: „...mal ein originelles Piercing“, als ich mit der Braue einen Kubikmeter Rambler-Geäst von der Pergola zog.

Beim Kaffee musste ich meiner Mutter mehrfach versichern, dass die Wunden an Stirn und Gesicht „wirklich von einer Rose“ stammten.

Seitdem gehe ich geduckt zur Haustür und frage mich in dieser demütigen Haltung, wie viele Lebewesen noch so nachtragend sind? Was, wenn alle Chicken Nuggets dieser Welt oder die gefällten Alleebäume aus Duisburg auf Vergeltung drängen? Könnte sein, dass Förster Wohlleben dann Thriller schreiben muss. Ich weiß auch den passenden Horrorschocker-Buchtitel: Klimawandel!

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