Cybermobbing

Influencerin über Cybermobbing: "Man braucht dickes Fell"

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Influencerin und Psychologiestudentin Tahnee Christin über das Thema Cybermobbing.

Influencerin und Psychologiestudentin Tahnee Christin über das Thema Cybermobbing.

Foto: Privat

Düsseldorf  Cybermobbing ist ein großes Problem in der digitalen Welt. Insbesondere Frauen sind betroffen. Influencerin Tahnee erzählt aus ihrer Perspektive.

„Guck dich mal an, das bezeichnest du als schön?“ „Gib doch zu, dass deine Brüste gemacht sind!“ „Halt deine hässliche Schnauze du Schlampe!“ In regelmäßigen Abständen erreichen die Düsseldorferin Tahnee Christin solche Nachrichten auf der Social Media Plattform Instagram, teils begleitet von ungefragten Fotos männlicher Geschlechtsteile, sogenannter „Dickpics“. Übergriffe im Netz sind ein großes Problem. „Im Internet ist die Hemmschwelle der Leute geringer und sie lassen ihren Frust an anderen aus. Männer versuchen zum Beispiel, mit Smalltalk ins Gespräch zu kommen, und wenn ich nicht antworte, werden sie ausfallend und aggressiv“, erzählt Tahnee.

„Und es geht viel schlimmer, immerhin habe ich noch nie eine Morddrohung bekommen“, erklärt die 28-jährige, die gerade ihren Master in Gesundheitspsychologie macht. Durch eine Castingshow wurde sie bekannt, arbeitete als Model und hat sich bei Instagram einen Kanal mit über 70.000 Abonnentinnen aufgebaut. Sie gilt damit als Influencerin, also als Person, die durch ihre Reichweite in sozialen Medien andere Menschen beeinflussen kann.

Eine böse Nachricht kann "den Tag versauen"

Ihr Online-Auftritt: eine Mischung aus Coaching, Fitness, Psychologie und Bikinifotos am Strand. Durch ihr Studium und ihre Arbeit als psychologische Beraterin wisse sie sich gut von destruktiver Kritik abzugrenzen, aber: „Ich bin ganz ehrlich, ich kann neun tolle Nachrichten am Tag bekommen und eine schlechte kann mir trotzdem den Tag versauen“, gibt Tahnee offen zu. „Ich frage mich häufig, wie gehen andere damit um?“

Die Frage, wie viel Schaden Hass und Hetze im Netz anrichten kann, ist sehr aktuell. In den vergangenen Wochen sorgte der plötzliche Tod, ein mutmaßlicher Suizid, eines deutschen Models für Aufsehen. Nach der Trennung mit einem Fußballprofi war sie Opfer von Cybermobbing geworden, das Thema Hass im Netz wird seitdem wieder stärker thematisiert. „Ich glaube, man braucht ein dickes Fell, Resilienz, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Der Punkt wird aber überschritten, wenn gegen dich gehetzt wird, ein Shitstorm los geht.“ Teilweise greift die Wut vom Internet in das reale Leben.

Die Frustration in der Pandemie schürt Hass

Vor zwei Jahren hat auch Tahnee diesen Druck zu spüren bekommen. Ihr Ex-Freund hatte sie in der Öffentlichkeit geschlagen, der Fall ging durch die Boulevardmedien. „In meinem Privatleben brach die Welt zusammen und im Internet wurde geschrieben, er hätte mich doch noch fester schlagen sollen.“ Andere Influencerinnen berichten von Stalking und Beleidigungen auf offener Straße. Generell seien Frauen häufiger von Anfeindungen betroffen, so Tahnees Gefühl. „Viele Frauen, die eine große Reichweite haben, haben etwas Besonderes. Das zieht Neid und Frustration an.“ Auch ihren Ex-Freund hätte ihre Aufmerksamkeit im Netz und der realen Welt verunsichert.

Doch in den vergangenen Monaten sei der Ton im Netz noch rauer geworden. „Die Pandemie ist schon schlimm genug, aber durch die Frustration der Leute hat sich viel Hass geschürt.“ Befeuert wird das Problem durch Online-Formate von Comedians, die nach eigener Aussage für Transparenz sorgen wollen und private Details in der Öffentlichkeit stehender Menschen preisgeben. „Ist das Cybermobbing? Ganz klar: Ja!“, erklärt die Influencerin. „Ich finde Reichweite verpflichtet, egal wer du bist und was du machst.“

Verantwortung liegt bei Regierung und uns selbst

Aber auch die Regierung sieht Tahnee in der Verantwortung. „Gerade die Pandemie hat gezeigt, es wird alles digitaler und die Entwicklung lässt sich auch nicht zurückdrehen. Wir brauchen Hilfsangebote im Netz. Schnelle, erreichbare Seelsorge.“ Auch eine Kennzeichnungspflicht problematischer Inhalte, wie die des Comedians, hält sie für denkbar. „Ich würde mir auch eine Kennzeichnung für solch übergriffige Formate wünschen. Wie bei Zigaretten, nur mit Notfallseelsorgenummern.“

Den Hass im Netz könne aber jeder mit beeinflussen, indem sorgfältig ausgewählt wird, wer Aufmerksamkeit geschenkt bekommt. „Am Ende entscheiden auch hier die Konsumenten. Es wird uns alles geboten. Positiver und negativer Inhalt. Es gilt das Prinzip von Angebot und Nachfrage.

Wenn Sie selbst Opfer von Mobbing geworden sind und Rat und Hilfe suchen, können Sie sich an das Bündnis gegen Cybermobbing wenden: www.buendnis-gegen-cybermobbing.de oder per Telefon unter 0721-981 929 10. Falls Sie Suizid-Gedanken haben oder jemanden kennen, der Suizid-Gedanken hat, wenden Sie sich bitte an die Telefonseelsorge: 0800/ 1110111 oder 0800/1110222. Die Anrufe sind kostenlos, die Nummern sind rund um die Uhr zu erreichen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet im Internet einen Selbsttest, Infos und Adressen zum Thema Depression an. Im Online-Forum können sich Betroffene und Angehörige austauschen. Für Jugendliche gibt es ein eigenes Forum.

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