Domspatzen in Kevelaer

Warum singen Sie immer noch mit den Domspatzen, Herr Heiß?

Christian Heiß ist neuer Domkapellmeister der Regensburger Domspatzen und kommt mit dem Chor auch nach Kevelaer.

Christian Heiß ist neuer Domkapellmeister der Regensburger Domspatzen und kommt mit dem Chor auch nach Kevelaer.

Foto: Michael Vogl / Regensburg

Am Niederrhein.  Die Regensburger Domspatzen sind wohl der älteste Knabenchor der Welt. Ein Gespräch über Musik, Zukunft und die Verarbeitung der Vergangenheit.

Die Regensburger Domspatzen sind vermutlich der älteste Knabenchor der Welt. Vor über 1000 Jahren, im Jahr 975, gründete Bischof Wolfgang von Regensburg eine eigene Domschule, die besonderen Wert auf die musikalische Ausbildung legte. Das war der Anfang. Freitag singen die „Regensburger Domspatzen“ in Kevelaer. Wir sprachen mit dem neuen Domkapellmeister Christian Heiß, 52, – über die Musik, die Spatzen und die Bewältigung der Vergangenheit.

Seit sechs Wochen sind Sie Domkapellmeister in Regensburg Herr Heiß. Da darf man noch gratulieren.

Oh ja, herzlichen Dank. Ich freue mich riesig auf diese neue Aufgabe, vor allem auf die Buben und Männer, mit denen ich zukünftig täglich arbeiten kann. Ich möchte mit den Domspatzen und ihren fantastischen Stimmen die Herzen der Menschen öffnen.

Nun klingt das Wort „Knabenchor“ schon etwas antiquiert.

Stimmt schon. In Bayern sagen wir ja auch eher Buben. Aber Knabenchor ist ein fester Begriff in der Chorwelt. Viele Chöre haben reine Jungen-, also Knabenchöre. Zum Regensburger Dom gehören auch die “Großen”, der Männerchor.

Was bedeutet es für Sie, nun die neue Generation der Domspatzen zu leiten und damit sicherlich eines der wichtigsten Ämter in der Kirchenmusik zu haben?

Das ist schon etwas sehr, sehr Besonderes. Man steht plötzlich in der Reihe großer Musikerpersönlichkeiten wie Roland Büchner, mein direkter Vorgänger. Dann waren da noch Georg Ratzinger, bei dem ich selbst Domspatz war. Und Dr. Theobald Schrems, der den Knabenchor weltberühmt gemacht hat. Das spornt an und fordert großen Respekt.

Das ist Tradition: Chormusik der Regensburger Domspatzen

In der katholischen Kirchenmusik ist das Regensburger Domkapellmeister-Amt tatsächlich so etwas wie das Ziel, fast der Endpunkt einer Laufbahn. Aber es bereitet mir unglaublich viel Freude mit den Jungs zu arbeiten – das sind fantastische Stimmen, die Buben gehen die Chorarbeit richtig professionell an.

Sie erinnern sich gern an Ihre Zeit als Regensburger Domspatz?

Ja. Ganz und gar. Ich war sehr gerne Domspatz. Zu der Zeit war Georg Ratzinger Domkapellmeister. Und irgendwann hat er uns Buben mal gefragt, was wir denn später mal so werden wollen. „Dasselbe wie Sie“, habe ich gesagt.

Was macht das „Spatzenleben“ und das des Domkapellmeisters so besonders?

Man ist mit den Menschen, mit denen man musikalisch arbeitet, den ganzen Tag zusammen, lebt rund um die Uhr in der Gemeinschaft. Wobei das Singen eine ganz wesentliche Rolle spielt. Das gibt es so im Bereich der katholischen Kirchenmusik nirgendwo. Und es ermöglich eine ganz spezielle Förderung jedes Jungen. Übrigens spielt auch jeder ein Instrument.

Wie wird die Ära Heiß aussehen?

Wichtig ist, das die Klangtradition erhalten bleibt. Bestimmt wird das Repertoire, das ich wähle, auch den Stil prägen. Ich mag es dynamisch. Wobei die Erwartungen an den Domkapellmeister auch klar formuliert sind. Die Schwerpunkte liegen auf Vokalpolyphonie und Gregorianik.

Mädchen dürfen bislang nicht mitsingen

Wird es den auch einmal Domspätzinnen geben?

Die Domspatzen sind ein Knabenchor und so auch der Markenkern der Regensburger Dommusik. Es gibt ganz hervorragende Mädchenchöre, in Köln etwa. Mädchenstimmen bieten im Repertoire ganz eigene Möglichkeiten. Es ist liturgisch oder dogmatisch aber auch nicht festgeschrieben, dass in der Kirche nur Knaben singen dürfen. Es gab und gibt immer wieder Überlegungen, mehrgleisig zu fahren – warten wir es ab. Im Moment ist eine Öffnung für Mädchen kein Thema.

Wie gehen Sie mit den Missbrauchsfällen um?

Ich habe das aus der Ferne verfolgt und mein Eindruck ist: Die Domspatzen haben die Fälle von Gewalt aus den 50er bis Anfang der 90er Jahre, vor allem auch mit Hilfe des Bistums und seines Bischofs, vorbildlich aufgearbeitet. Ich werde den Weg der Offenheit und Transparenz meines Vorgängers Roland Büchner weitergehen. Seit 2002 gibt es im gesamten Haus ein Präventionskonzept, das ständig weiterentwickelt und gelebt wird.

Es ist eine unserer wichtigsten erzieherischen Aufgaben, unsere Schüler vor Gewalt und Missbrauch zu schützen und sie in ihrer Entwicklung zu selbstbewussten und eigenverantwortlichen jungen Persönlichkeiten zu begleiten. Und es ist für mich auch völlig klar, dass wir in der Pflicht stehen, die Erinnerungskultur zu pflegen.

Gibt es denn noch Jungs, die im Domchor singen wollen?

Oh ja, zum Glück! Wir hatten auf dem Höhepunkt der Missbrauchs-Ereignisse einen Rückgang der Eingangs-Schülerzahlen. Wir werden auch einige Jahre nun mit kleineren Jahrgängen leben müssen. Das Leben im Internat ist nicht mehr so populär wie früher, aber es bietet auch Vorteile.

Das Leben in einer Gemeinschaft mit allen Rechten und Pflichten gehört dazu. Wir bieten eine wirklich sehr gute schulische musikalische Ausbildung. Schon bei den Kleinen, also in der Grundschule der Regensburger Domspatzen, liegen die Schwerpunkte auf einer ganzheitlichen, musischen Bildung, bestehend aus Chor, Musik, Bewegung (Sport), Kunst, Werteerziehung. Individuelle Förderung und Betreuung ist unsere große Stärke. https://www.domspatzen.de/start.html

Die Chortheologie steht in der so genannten Regensburger Tradition. Was bedeutet das?

Bereits in der 5. Klasse wird den kleinen Domspatzen der Aufbau der Messfeier und der liturgischen Gesänge erklärt. Fortgeschrittenen Knabenstimmen werden in Singstunden und Gruppenstunden wichtige Zusammenhänge des Glaubens vermittelt. Entscheidend ist, dass wir exzellente musikalische Qualität bieten und, dass wir das, was wir singen, auch leben, dass wir aus innerer Überzeugung singen. Die Musik, die wir anbieten, vertreten wir auch, wir glauben an das, was wir singen. Das ist uns wichtig.

Moderne Chormusik steht gleichberechtigt neben der klassischen?

Es war schon immer so, dass der Chor in allen relevanten Stilen zu Hause ist. Wir sind der Regensburger Tradition verpflichtet, also ein Schwerpunkt liegt auf der Chormusik des 16. und 17. Jahrhunderts. Aber wir sind stilistisch breitgefächert, wir bekommen regelmäßig neue Kompositionen aus der ganzen Welt angeboten und setzen das ein oder andere auch um.

https://www.basilikamusik-kevelaer.de/start/ensembles/

Ich bin ja erst ein paar Wochen im Amt. Ich möchte bewusst moderne Akzente setzen, das Alte mit dem Neuen verbinden. Im zweiten Teil unseres Konzerts in Kevelaer etwa werden wir zwei Gesänge bewusst gegenüber stellen: Etwas aus dem 16./17. Jahrhundert und das Magnifikat von Jürgen Essl, Orgelprofessor in Stuttgart. Ein Mariengebet aus Estland wird auch dabei sein, und mit dem Nachtlied von Max Reger klingt alles aus.

Max Reger und das Magnifikat von Jürgen Essl

Die Erwartungshaltung an den neuen Domkapellmeister ist groß.

Das ist eine Herausforderung, die ich gerne annehme. Die Regensburger Domspatzen gehören zu den weltweit hervorragendsten Knabenchören – und das soll auch so bleiben. Wir wollen unseren Auftrag erfüllen als kirchlicher Chor, wollen über die Musik Glaubenszeugen sein – wohl wissend, dass das in einer immer säkularer werdender Welt nicht einfacher wird.

Sie kennen Kevelaer?

Ich war als Domspatz schon einmal zu einem Konzert dort. Ich freue mich, dass wir im Rahmen unserer bundesweiten Herbsttour in der Basilika singen können. Schön ist es, dass unsere kleinen Sänger wieder privat bei Familien untergebracht sind. Der Kontakt zu den Menschen vor Ort ist wichtig. Das erweitert den Horizont, macht Gastfreundschaft spürbar.

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