Bananensprayer

Thomas Baumgärtel ist politischer geworden – trotz Warnungen

Thomas Baumgärtel in seinem Atelier in Köln-Dellbrück. Hier sprüht er vor Ideen.

Thomas Baumgärtel in seinem Atelier in Köln-Dellbrück. Hier sprüht er vor Ideen.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Am Niederrhein.  Thomas Baumgärtel legt den dritten Teil seines Werkverzeichnisse vor. Der Bananensprayer ist politischer geworden – aller Warnungen zum Trotz.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ihm seine Kunst in unschöner Regelmäßigkeit krumm genommen wird. Schließlich hantiert Thomas Baumgärtel seit den 1980er Jahren mit Bananen.

Selber schuld, könnte man also dem gebürtigen Rheinberger zurufen, der in Köln längst über den Imi-Status hinaus anerkannt sein dürfte.

Immerhin, die Verbindung zwischen Geburts- und Lebensort gleicht der gelben Frucht, die ihn weltweit bekannt machte. Alles hat ein Ende, nur die Banane hat zwei. So hält er weiter Kontakt zum Niederrhein, immer mal wieder auch mit und durch Ausstellungen.

Geboren in Rheinberg, Atelier in Köln-Dellbrück

Freuen dürfen wir uns schon jetzt auf den Winter 2020 – dann wird der Bananensprayer zum wiederholten Mal im Museum Goch zu sehen sein.

„Mensch, dann werde ich schon sechzig sein“, sagte er dem Autor dieser Zeilen nun in seinem Atelier in Dellbrück, und dabei grinst er wieder dieses unschuldige Lausbubengrinsen, das er einfach nicht aus seinem Gesicht bekommen möchte.

Ob die Zahl 60 eine Zäsur in seiner Arbeit darstellen wird, müssen Kunsthistoriker später einmal beurteilen. Was bereits jetzt ersichtlich ist, auch beim Blick auf den neuen und dritten Teil seines Werkverzeichnisses: Thomas Baumgärtel hat sich in den vergangenen zehn Jahren – tja, was denn nun: weiterentwickelt oder verändert?

Stammgast im Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Alles Banane? Ewig nur der Musa huldigen, wie Fachleute die Paradiesfeige nennen, war wohl nie der Sinn und das Ziel seiner Sprühkunst. Ohne Zweifel ist die Banane zum „Signet seines Lebens“ geworden, wie Meinrad Maria Grewenig im Vorwort des neuen Bananenbuches schreibt.

Der Geschäftsführer des Weltkulturerbes Völklinger Hütte ist bodenständig genug, um die Kritik an den Bananenbildern des Künstlers nicht zu überhören. „Albern, lieb und nett“ sei der erste Blick darauf, weiß er aus eigener Erfahrung. Bei der Urban Art Biennale, die alle zwei Jahre in dem ehemaligen Hüttenwerk im Saarland stattfindet, gehören die Sprühbotschaften des Thomas Baumgärtel zum Inventar.

Königin Elisabeth mit Bananenkrone

Gerade hängt dort in einer anderen Schau die Königin von Großbritannien, mit majestätischem Bananenschmuck auf dem grauen Haar, und dem eindeutigen Kommentar in der irrwitzigen Brexit-Debatte: „Stay with us!“, „Bleibt bei uns!“. Es hängen gerade wieder genug Wahlplakate, die weit weniger aussagen.

Keine Frage, der Kerl mit dem ewigen Lausbubengesicht ist politischer geworden. Im vergangenen Jahr war das in der Cubus Kunsthalle in Duisburg zu sehen, vor mittlerweile fünf Jahren schon im Schloss Neersen, damals gemeinsam mit seinem Galeristen Harald Klemm.

Eindringlich ihre subtile Aktion zur Eröffnung: Für das Projekt „Deutsche Einheit“ sollten Besucher eine Geruchsprobe von sich in Einmachgläser konservieren – wie es einst die Stasi in der DDR praktizierte. Einfach, genial, doch keineswegs banal.

Wenn Thomas Baumgärtel im Rahmen seiner Volksbananen-Reihe den Spruch „Ohne Frieden ist alles Banane“ auf Holz sprüht, mag das wahrhaftig sein, doch auch kindlich wirken; obwohl: Stimmt ja!

Seine Despotenserie über Trump, Kim, Erdogan

Der Spaß für den Künstler war dann vorbei, als er sich den Großmächtigen dieser Welt widmete. US-Präsident Donald Trump steckte er eine Bananen in den Mund, Recep Tayyip Erdogan eine in den Hintern.

Mit dem Präsidenten der Türkei ist nicht gut Bananen essen, dafür sorgen auch dessen Anhänger, von denen es hierzulande nicht wenige gibt. Das provokante und umstrittene Bild „Türkischer Diktator“, Teil seiner „Despotenserie – Trump, Kim und Erdogan“, wurde auf der Kunstmesse „Art Karlsruhe“ nach massiven Protesten abgehängt.

Es folgten Drohungen im Internet, ernste persönliche Warnungen, eine Intervention des türkischen Generalkonsulats sowie eine Ausstellungseröffnung unter Polizeischutz in Duisburg. Und der Bruch mit seinem Galeristen in Karlsruhe, bedauert Thomas Baumgärtel.

Dieser Künstler ist sich treu geblieben. Für ihn war die Banane schon immer ein Symbol für die Freiheit der Kunst.

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