Nahverkehr

Straßenbahn-Geisterfahrt: NRW-weit neue "Totmann-Schalter"

Symbolbild. Nach der Geisterfahrt einer Straßenbahn in Bonn müssen alle Verkehrsbetriebe zwischen Bonn und Bielefeld ihre Straßenbahnen überprüfen und notfalls technisch umrüsten.

Symbolbild. Nach der Geisterfahrt einer Straßenbahn in Bonn müssen alle Verkehrsbetriebe zwischen Bonn und Bielefeld ihre Straßenbahnen überprüfen und notfalls technisch umrüsten.

Foto: Gero Helm / FUNKE Foto Services

Essen/Duisburg/Dortmund/Düsseldorf/Bonn.  Die Geisterfahrt in Bonn hat Folgen für bis zu 1700 Straßenbahnen in NRW. Ruhrbahn und DSW21 wissen schon jetzt: Sie müssen Fahrzeuge umrüsten.

Es war wie in einem Kino-Thriller: Eine Straßenbahn rast führerlos durch eine Stadt - und die Notbremsen im Zug funktionieren nicht! So geschehen im vergangenen Dezember in Bonn. Der Fahrer einer der Bahn der Linie 66 war in seinem Führerstand ohnmächtig geworden und die Bahn fuhr mit etwa 20 Fahrgästen an Bord ungebremst weiter.

„So etwas soll sich nicht mehr wiederholen“, fordert jetzt Düsseldorfer Regierungspräsidentin Birgitta Radermacher. Ihre Behörde ist als technische Aufsicht verantwortlich für alle Straßen-, Stadt- und U-Bahnen in NRW und hat neue Vorschriften für alle diese Fahrzeuge angekündigt. Verkehrsbetriebe wie die Ruhrbahn in Essen und Mülheim oder die DSW21 in Dortmund wissen bereits jetzt: Sie müssen alle ihre Fahrzeuge technisch umrüsten.

Geisterfahrt von Straßenbahn hat Konsequenzen für 1700 Fahrzeuge in NRW

Laut Bezirksregierung geht es um gut 1700 Fahrzeuge bei Verkehrsbetrieben an Rhein und Ruhr bis hin nach Ostwestfalen, die womöglich mit Blick auf den sogenannten "Totmann-Schalter" technisch umgerüstet werden müssen. Was genau auf die Verkehrsbetriebe zukommt, ist derzeit allerdings noch offen. "Noch fehlen uns die technischen Details dazu", sagt eine Sprecherin der Düsseldorfer Rheinbahn AG. Andere Unternehmen bestätigen das.

"Straßenbahnen sind hoch-individualisierte Fahrzeuge", erklärte ein Sprecher der Duisburger Verkehrsgesellschaft DVG auf Nachfrage: "Sie werden für jede Stadt und für jedes Netz anders gebaut". Das bezieht sich nicht nur auf Anordnung und Breite der Zugangstüren oder die Zahl der Sitze, sondern kann sich bis hin zu den Sicherheitsfunktionen erstrecken.

Fahrgäste mussten Fahrerkabine aufbrechen, um die Bahn zu stoppen

In Duisburg etwa gibt es bei den insgesamt 62 Stadt- und Straßenbahnfahrzeugen der DVG bis dato zwei verschiedene sogenannten Totmann-Schalter, erklärt der Sprecher: Das Fahrpersonal hat die Möglichkeit entweder ein Fußbedal zu bedienen oder einen Handhebel. "Das Fußpedal etwa muss bei der Fahrt dauerhaft, aber mit kontrollierter Kraft bedient wer werden", heißt es bei der DVG: "Es darf nicht ganz durchgetreten werden", sonst stoppe der Zug automatisch. Alternativ dazu könne auch ein Handhebel betätigt werden, der ebenfalls als Sicherung dient, falls ein Fahrer plötzlich zum Beispiel das Bewusstsein verliert.

Acht Haltestellen und 13 Bahnübergänge hatte der Zug der Linie 66 in Bonn um kurz nach Mitternacht des 22. Dezember 2019 in Bonn durchfahren, bis er endlich mit quietschenden Bremsen stoppte. Der Grund: Der Fahrer war ohnmächtig und blockierte den sogenannten „Totmann-Schalter“ in der Bahn. Fahrgäste hatten die Bahn erst stoppen können, nachdem sie die Tür der Fahrerkabine aufgebrochen hatten und den Fahrer vom Sitz zogen.

Behörde schreibt "Totmann-Schaltung" wie bei Lokführern vor

In Zukunft sollen Stadt-, U- oder Straßenbahnen in NRW nach 15 Sekunden automatisch stoppen. Dazu soll der Totmann-Schalter in den Fahrzeugen künftig vom Fahrpersonal regelmäßig wiederkehrend gedrückt und losgelassen werden, wie es Lokführer in Eisenbahnen gewohnt sind.

Dass die Notbremsen in der Straßenbahn in Bonn ohne Wirkung blieben, war im übrigen kein technischer Defekt, gab die Bezirksregierung nach der technischen Prüfung des Fahrzeugs bekannt, sondern gewollt. Der Fahrer hatte die "Notbremsüberbrückung" eingeschaltet, weil die Bahn auf der Strecke zwischen Bad Honnef, Bonn Hauptbahnhof und Siegburg auch durch U-Bahn-Tunnel fährt. Im Notfall soll deshalb der Fahrer sicherstellen, dass ein Zug nicht irgendwo stoppt, sondern dort, wo er am besten evakuiert werden kann oder wo die Feuerwehr den bestmöglichen Zugang hat.

Nahverkehrsunternehmen fehlen noch die technische Details zur geforderten Umrüstung

Bei der Rheinbahn in Düsseldorf kann man noch nicht sicher sagen, ob alle derzeit etwa 307 Stadt- und Straßenbahnen technisch umgerüstet werden müssen. Es ist aber wahrscheinlich. Denn die Schalter in den Bahnen müssten vom Fahrpersonal "permanent gedrückt gehalten werden", sagte eine Sprecherin auf Nachfrage.

Eine Ruhrbahn-Sprecherin in Essen erklärt, "wir werden alle unsere rund 160 U- und Straßenbahnen umrüsten müssen". Dortmunder Verkehrsbetriebe DSW21 erklären auf Nachfrage, alle 121 Bahnen würden entsprechend nachgerüstet werden, sobald die Aufsichtsbehörde in Düsseldorf die nötigen technischen Details bekannt gegeben habe. "Bei den Niederflurbahnen werden das vermutlich Software-, bei den Hochflurbahnen Hardware-Änderungen sein", sagte eine Sprecherin. "Zu den Kosten oder der Zeitplanung können wir aktuell noch nichts sagen“.

Dank von Oberbürgermeister: Fahrgäste haben eine Katastrophe verhindert

Unterdessen wartet man auch bei der Bogestra in Bochum auf Details zur aus Düsseldorf geforderten Nachrüstung, sagte ein Sprecher. Bei der Bogestra sind derzeit etwa 140 Straßen- und U-Bahnen im Linieneinsatz.

Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan hatte den Fahrgästen am Tag nach der Geisterfahrt im vergangenen Dezember seinen Dank übermittelt. Sie hätten „durch ihr Eingreifen eine Katastrophe verhindert“. Sechs Minuten war die Straßenbahn ungebremst an Bord durch die Nacht gefahren.

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