Flüchtlinge

Schülerin arbeitet Flucht ihres Vaters auf und gewinnt Preis

Lena Huynh von der Friedensschule in Münster hat in der Stadtbibliothek für ihre Arbeit über den Vietnamkrieg recherchiert.

Lena Huynh von der Friedensschule in Münster hat in der Stadtbibliothek für ihre Arbeit über den Vietnamkrieg recherchiert.

Foto: Kim Kanert / Funke Service

Münster.  Eine 19-Jährige arbeitet über eine sehr persönliche Fluchterfahrung den Vietnamkrieg auf. Das Erstaunliche: Geschichte hat sie nie interessiert.

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Ihr Vater war 18 Jahre jung, als er in ein Holzboot stieg und Vietnam den Rücken kehrte. Die riskante Reise in eine ungewisse Zukunft begann. Eine Reise, über die er auch heute, knapp 40 Jahre danach, nicht gern spricht. Doch genau mit dieser Geschichte verhalf er nun seiner Tochter Lena Huynh aufs Siegerpodest beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Gestern nahm die 19-Jährige den Preis aus Frank-Walter Steinmeiers Händen entgegen. Dabei, so sagte die Münsteranerin zur NRZ, hat sie Geschichte nie so richtig interessiert.

Das ist jetzt anders. Nachdem sie ein halbes Jahr neben ihren Abiturprüfungen an dem umfangreichen Werk gearbeitet hat, hat sie gemerkt: Es kommt darauf an, wie man sich Geschichte nähert. Nicht das Pauken irgendwelcher Jahreszahlen sei der Schlüssel zum Verständnis, sondern ein persönlicher Zugang. Lena hat sich der Geschichte des Vietnamkriegs, den Folgen und dem Schicksal der Boatpeople auf zwei Arten genähert: über die persönliche Familiengeschichte ihres Vaters und über Zeichnungen.

Gehen und leben oder bleiben und sterben

Und so findet sie es „schon aufregend“, dass sie Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier trifft. „Aber selbst, wenn ich den Preis nicht gewonnen hätte, hätte ich persönlich etwas gewonnen“, sagt sie. Mit dem Wissen dieser Geschichte und die Aufarbeitung in der Arbeit kann sie heute so manche Entscheidung von ihren Eltern besser nachvollziehen.

Lenas Vater Hiep Huynh gelang 1981 die Flucht aus Vietnam. Ihr Opa arbeitete als Beamter bei der südvietnamesischer Regierung, ein freies, unabhängiges Leben wäre für Lenas Vater nicht möglich gewesen. „Wenn du hierbleibst, musst du sterben. Wenn du gehst, hast du die Chance zu überleben!“, soll der Opa zu seinem Sohn gesagt haben. Er ergriff die Flucht.

Von einem Holzboot sattelte er später auf ein Frachtschiff um. „Die knappen Vorräte, das fehlende Wasser und die stickige Luft aufgrund der vielen Menschen auf engstem Raum, machten die Reise zur Höllenqual“, schreibt Lena in ihrer Arbeit. Doch die Rettung kam: Der Frachter Cap Anamur brachte die „Boatpeople“ in Sicherheit, in einem Transitlager auf den Philippinen verbrachte Lenas Vater sieben Monate, bis er in Frankfurt zum ersten Mal deutschen Boden betrat. „Es ist doch beeindruckend, dass man diese eine Chance – mit tödlichem Risiko – lieber auf sich nimmt, statt in Vietnam zu bleiben“, sagt die 19-Jährige.

Zuhause haben Lena und ihre Eltern eigentlich nie über die Flucht gesprochen. Dazu brauchte es erst diese Geschichtsarbeit, zu der Lena von ihrem Lehrer Chistoph Heeke von der Friedensschule in Münster animiert worden ist. Die Gesamtschule nimmt regelmäßig am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teil. Die Lehrer unterstützen die Schüler bei ihren Forschungen, besuchen Ausstellungen oder Podiumsdiskussionen. Das Ergebnis sind Filme, Blogs, Podcasts oder sogar ganze Theaterstücke.

Im Stadtarchiv und in der Bibliothek begab sich Lena auf Suche nach Fotos aus der Zeit des Vietnamkrieges. Aus Fotos entstanden Ideen zu Skizzen und Zeichnungen über Bildanalysen bis hin zum Forschungsbericht angereichert mit den persönlichen Fluchterfahrungen. Es hat ihr geholfen bei der schwierigen Frage, wie viel sie von ihrer Familie preisgeben kann und möchte. Deswegen hat sie sich vieler Metaphern bedient.

Besuch bei Verwandten in Vietnam

Aber nicht nur persönlich hat die Arbeit Lenas Augen geöffnet. Sie blickt nun auch anders auf die heutige Situation von Geflüchteten. Anfang der 80er, zur Zeit der Flucht ihres Vaters, habe die Gesellschaft die vietnamesischen Flüchtlinge eher positiv gesehen. Vietnamesen hätten den Ruf, fleißig zu sein. „Heute ist das Bild eher negativ“, meint Lena mit Blick auf die aktuellen Flüchtlingsdiskussionen. Die Menschen seien abgestumpft, dächten häufig nur in schwarz oder weiß. „Das ist schade“, sagt sie. Die Geflüchteten heute hätten durch Krieg oder Verfolgung dieselben Beweggründe, ihre Heimat zu verlassen, wie einst die vietnamesischen Boatpeople.

In diesem Jahr war sie nach dem Abitur in Vietnam, Urlaub machen, eine Auszeit nehmen, Verwandte besuchen. So wie früher. Doch dieses Mal hat sie das Land mit anderen Augen betrachtet.

>>>Info: Nordrhein-Westfalens Schüler reichen die meisten Beiträge ein

Lena Huynh ist die einzige Schülerin aus NRW, die mit ihrer Arbeit „Das Leben mit der Krise. Vietnamesische Boatpeople als Folge des Vietnamkrieges“ den ersten Preis auf Bundesebene gewonnen hat. Die weiteren Preisträger auf Platz eins kommen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Berlin, Brandenburg. Sie erhalten je 2000 Euro.

Auf Platz zwei schafften es Mika Wolff und Luke Hedfeldt (7. Klasse, Maristenschule Recklinghausen) mit der Geschichte der Ruhrfestspiele. Eine Schülergruppe der 3. Klasse der Roncallischule in Beckum wurde ausgezeichnet für ein „Mut-Mach-Buch“, in dem Schüler schildern, wie sie oder ihre Eltern Krisen gemeistert haben. Dritte Preise gehen nach Herford, Detmold, Münster, Emsdetten, Geilenkirchen, Hamm, Rüthen.

Die Zahl der Beiträge für den Geschichtswettbewerb ist steigend. In diesem Jahr waren es 1.992 (2014/15: 1.563). Schüler aus NRW haben die meisten Beiträge eingereicht.

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