Tierversuche

RWTH Aachen verteidigt Tierversuche mit Ratten zu Magersucht

Versuche zu Magersucht an der RWTH Aachen: Die Ratten hungerten wochenlang und wogen dann nur noch die Hälfte ihrer gefütterten Artgenossen (Symbolfoto).

Versuche zu Magersucht an der RWTH Aachen: Die Ratten hungerten wochenlang und wogen dann nur noch die Hälfte ihrer gefütterten Artgenossen (Symbolfoto).

Foto: Frank May / dpa

Aachen/Köln.  Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ nennt Versuche ethisch verwerflich. Aachener Uni betont die Notwendigkeit von Forschungen zu Magersucht.

„Ethisch verwerflich und wissenschaftlich unsinnig“: Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ kritisiert Hungerversuche mit mehr als 200 Ratten scharf, mit denen Wissenschaftler der RWTH Aachen zu Magersucht (Anorexie Nervosa) geforscht haben. Die Tiere würden über Wochen mit dem Futter derart knapp gehalten, dass sie nur noch halb soviel wiegen wie ihre gefütterten Artgenossen, klagt der in Köln ansässige Verein. Wie die Hochschule auf Nachfrage der Redaktion erklärte, hat die Versuchsreihe wichtige Erkenntnisse gebracht.

Die Forscher konnten demnach in den Versuchen nachweisen, dass bei den abgemagerten Ratten-Weibchen das Gehirnvolumen um sechs bis neun Prozent reduziert ist, ganz ähnlich wie bei Magersucht-Patientinnen. Ein wichtiges positives Ergebnis sei da gewesen, dass eine Normalisierung des Gewichtes auch zu einer Normalisierung der Gehirnstrukturen beiträgt – „solange sie früh genug erfolgt“, erklärte ein Hochschulsprecher.

Schwierigkeiten, sich auf neue Verhaltensweisen einzulassen

Des Weiteren hätten die Forscher zeigen können, dass es auch bei den Tieren zum Verlust an dem weiblichen Hormons Östrogen komme, und dass dieser mit eingeschränkter Lernfähigkeit einhergehe. „Dies kann die großen Schwierigkeiten von Patientinnen mit Anorexia nervosa erklären, von Psychotherapie zu profitieren und sich auf neue Verhaltensweisen einzulassen“, so der Sprecher der RWTH.

Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ hingegen glaubt, dass es bei den in den Jahren 2018 und 2019 in mehreren Fachzeitschriften publizierten Versuchen darum gegangen sei, längst bekanntes Wissen zu bestätigen. Und das für einen hohen Preis: Die Zwangsabmagerung der Tiere sei „entsetzlich grausam“. „Das würde für einen sonst 60 Kilogramm schweren Menschen bedeuten, er wiegt nur 30 Kilo“, erklärte Dr. Tamara Zietek in einer Mitteilung des Vereins.

Alternativen zu Tierversuchen

Zientek hält die Versuche für unnötig. Weil amerikanische Forscher aus Stammzellen eine „Anorexie in der Petrischale“ entwickelt hätten, gebe es eine Alternative zu derart qualvollen Tierversuchen. Außerdem sei es naheliegend, jugendliche Magersucht-Patientinnen selbst mit bildgebenden Verfahren zu untersuchen, so die Vereinsvertreterin

„Ärzte gegen Tierversuche“ fordert vom Landesumweltamt als Genehmigungsbehörde, derartige Versuche künftig nicht mehr zu erlauben. Vereinsvertreterin Zientek ist überzeugt, dass sich Magersucht beim Menschen nicht im Versuch auf Ratten übertragen lässt: „Die Störungen im Essverhalten von Magersüchtigen sind so vielfältiger und individueller Natur, dass es überhaupt keinen sinnvollen Versuchsaufbau gibt, der repräsentativ für diese Erkrankung wäre.“

Psychotherapie und Ernährungsberatung

Tragenden Säulen einer erfolgreichen Magersucht-Behandlung seien Psychotherapie und die Ernährungsberatung. „In jedem Fall wird keinem Menschen damit geholfen, wenn Ratten im Labor ausgehungert werden und wochenlang für eine sehr fragwürdige Forschung leiden müssen“, meinte die „Ärzte gegen Tierversuche“-Vertreterin.

Ein Sprecher der RWTH Aachen indes betonte die Notwendigkeit von Forschung und Tierversuchen: „Im Gegensatz zu früher weiß man heute, dass biologische Ursachen und Folgen des Hungers für die Entstehung und den Verlauf der Magersucht eine wesentliche Rolle spielen.“ Nur durch Versuche an Tieren könnten zugrundeliegende Mechanismen besser verstanden werden, um Therapieoptionen zu entwickeln. Die RWTH halte sich bei Tierversuchen an alle gesetzlichen Vorgaben: „Leidende oder gestresste Tiere widersprechen auch unserem ethischen Empfinden und würden unbrauchbare Testergebnisse liefern.“

Dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter

Anorexia Nervosa oder Magersucht ist die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter. Etwa 0,5 bis 1% aller Mädchen oder jungen Frauen erkranken im Laufe ihres Lebens, damit belaufen sich die diagnostizierten Fälle auf rund 10.000 pro Jahr. „Die Dunkelziffer dürfte entsprechend höher liegen“, meinte der Sprecher. Anorexia Nervosa habe die höchste Sterblichkeit aller psychischen Erkrankungen. Ihre Entstehung sei bis heute nicht gut verstanden.

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