Bildung

Platz in der Schule wäre das schönste Geschenk für Moneer

Treffen mit der Familie Khattab aus Syrien in ihrer Wohnung in Duisburg am Mittwoch, den 20.12.2017. Der älteste Sohn der Familie wartet seit fast einem Jahr auf einen Platz in der Grundschule. Im Bild: Moneer, Ahsar, Muntaha, Jaber, Elias, Moneera
Foto: Fabian Strauch / FUNKE Foto Services

Foto: Fabian Strauch

Treffen mit der Familie Khattab aus Syrien in ihrer Wohnung in Duisburg am Mittwoch, den 20.12.2017. Der älteste Sohn der Familie wartet seit fast einem Jahr auf einen Platz in der Grundschule. Im Bild: Moneer, Ahsar, Muntaha, Jaber, Elias, Moneera
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Duisburg.  Vor drei Jahren flüchtete Moneer mit seiner Familie aus Syrien. Seit März wartet der 11-Jährige nun in Duisburg vergeblich auf eine Schulplatz.

Paulchen Panther ist beste Unterhaltung für Jungs wie Moneer. Kein Wunder, dass er eigentlich gern vor dem Fernseher hockt, wenn die beliebten Zeichentrickfiguren über den Bildschirm flitzen. Doch der Elfjährige sitzt viel öfter vor dem Bildschirm als ihm selbst lieb ist. Sein Weihnachtswunsch ist einer, der eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste in dieser Stadt: Ein Platz in einer Schule, damit er lesen, schreiben, rechnen lernen kann. Darauf wartet er nun seit acht Monaten. Sein Recht auf Bildung, ein Grundrecht für jedes Kind, hat ihm der Krieg in Syrien genommen. Duisburg und das Land NRW, wo er mit seiner Familie Zuflucht gefunden hat, können es ihm auch nicht gewähren, weil Schulraum und Lehrer fehlen.

Die Wohnung der Familie Khattab an der Leibnizstraße in Beeck gegen 16.30 Uhr: Vater Jaber kommt gerade aus dem Sprachkurs bei der Bildungsakademie Ruhr an der Steinschen Gasse, für Moneera (10 ) und Hasar (7), die beiden Töchter, ist der offene Ganztag zu Ende. Ein Glück: Weil sie noch jünger sind, bekamen sie einen Platz in der Willi-Fährmann-Grundschule. Mit der deutsche Sprache klappt’s schon gut, stolz zeigen die Mädchen ihre Schulhefte. Elias, der Fünfjährige, besucht den Kindergarten nebenan, kann dort Freundschaften schließen, die Sprache lernen. Muntaha, die Mutter, wird Anfang des nächsten Jahres mit dem Sprachkurs beginnen. Sie serviert Tee auch für Paul Budde. Er ist der Vermieter, kümmert sich um die Familie und hat auch unseren Besuch organisiert. „Ich kann verstehen, dass es Wartzeiten gibt“, sagt der Barler, „aber so lange darf das doch nicht dauern.“

Aus Aleppo in die Türkei

Die Geschichte von Moneer ist die so vieler Kindern seines Alters, denen der Krieg fast die gesamte Grundschulzeit genommen hat. Erstklässler war er, als die Bomben auf Aleppo fielen, die Heimatstadt der Khattabs. „Ich war dort Fahrer für Lastwagen und Busse“, berichtet Jaber, der Vater. „Wir konnten dort nicht mehr leben und arbeiten“, erklärt er, warum er vor drei Jahren mit seiner Frau und den vier Kindern die zerbombte Metropole verließ. Bis zum Mai 2015 harrten sie in der türkischen Schwarzmeer-Stadt Samsun aus, dann machte sich zunächst der Vater auf den Weg über die Balkanroute. Über Griechenland, Mazedonien, Serbien und Österreich. „Mit dem Bus, dem Zug, zu Fuß. Einen Monat lang hat es gedauert“, berichtet er 36-jährige.

In Neumarkt (Oberpfalz) lebte er bis zur Verteilung nach Duisburg im Oktober 2016, im März durfte er dann Frau und Kinder nachholen. Aus einer viel zu kleinen Wohnung in Laar konnten die Khattabs im August umziehen an die Leibnizstraße. Ein Freund der Familie hatte von der Wohnung erfahren und den Kontakt zu den Buddes hergestellt. „Aus unserer Sicht läuft das bisher absolut super“, lobt der Vermieter.

Auf dem Spielplatz nur Türkisch

Dass es für ihren Ältesten keinen Schulplatz gibt, besorgt seine Eltern: „Moneer muss dringend Deutsch lernen.“ Zu viel habe er durch die Flucht bereits verpasst. In der Türkei lernte er zwar die fremde Sprache und die neuen Buchstaben. Das hilft auf dem Spielplatz in Beeck. „Da kann er sich mit den türkischen Kindern verständigen“, berichtet Jabar Khattab. Bei der Schulverwaltung, berichtet der Vater, habe er nachgefragt, um einen Platz in der Schule gebeten: „Sie haben mir die lange Warteliste gezeigt.“

Im Wohnzimmer der syrischen Familie steht ein Weihnachtsbaum. Nicht ungewöhnlich für eine junge Familie aus Aleppo, erklärt Jaber Khattab: „Viele, die wie wir Muslime sind, stellen einen Baum auf. Unsere Nachbarn waren Christen, unsere Feste haben wir immer gemeinsam gefeiert.“ Wie soll es nun weitergehen in ihrem Leben in Duisburg? „Ich möchte wieder als Fahrer arbeiten, am liebsten im Bus, damit ich abends zu Hause sein kann“, sagt der Vater. Das schönste Geschenk unter dem Baum, es wäre ein Brief in dem steht: Für Moneer gibt es nach den Weihnachtsferien einen Platz in der Schule.

>> Dreistellige Zahl ohne einen Schulplatz

Moneer Khattab ist kein Einzelfall: Eine dreistellige Zahl von Kindern, zumeist aus geflüchteten oder aus Südosteuropa zugewanderten Familien, sind derzeit in Duisburg ohne Schulplatz. Das bestätigte unlängst das Amt für schulische Bildung. „Vor allem in den Klassen fünf bis sieben gibt es einen Engpass“, so Reinhard Wolf , stellvertretender Amtsleiter.


Die Gründe: Angesichts schnell steigender Schülerzahlen kam der Ausbau von Schulraum nicht schnell genug voran. Zum Halbjahreswechsel sollen als kurzfristige Lösung einige Klassen-Container bezugsfertig sein.


Den erheblichen Lehrermangel in Duisburg kann auch die neue Landesregierung bislang nicht beheben. An den Grundschulen ist eine dreistellige Stellenzahl unbesetzt, prekär ist auch die Lage der Förderschulen. Um die Wartezeit für unversorgte Kinder zu überbrücken, haben Duisburger Bildungsträger ein Konzept angekündigt.

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