Fachkräftemangel

NRW-Unternehmen warten im Schnitt 110 Tage auf Fachkräfte

Ein Lokführer an seinem Arbeitsplatz:  In Nordrhein-Westfalen ist der Personalmangel hier dramatisch. Auf 100 offene Stellen kommen nur 28 arbeitslose Fachkräfte.

Ein Lokführer an seinem Arbeitsplatz: In Nordrhein-Westfalen ist der Personalmangel hier dramatisch. Auf 100 offene Stellen kommen nur 28 arbeitslose Fachkräfte.

Foto: Martin Schutt

An Rhein und Ruhr.   Eine neue Analyse der Arbeitsagentur alarmiert die Wirtschaft in NRW. Firmen müssen immer länger warten, bis sie eine Stelle besetzen können.

Die Fachkräfte-Situation in Nordrhein-Westfalen hat sich weiter verschärft. Firmen müssen im Schnitt 110,1 Tage warten, ehe eine ausgeschriebene Stelle besetzt wird – satte 11,1 Tage mehr als noch vor Jahresfrist. Das geht aus einer aktuellen Frühjahrsanalyse der Arbeitsagentur hervor. Die Aussichten sind wenig verheißungsvoll.

„Die Lage wird sich erstmal nicht bessern“, meint Agentursprecher Christoph Löhr. Dafür sorgten die demographische Entwicklung und der technologische Wandel, der bisherige Teilqualifikationen entwerte und ganz neue erfordere. Von einem flächendeckenden Fachkräftemangel spricht bei man der Agentur ausdrücklich nicht, wohl aber von unterschiedlich ausgeprägten Engpässen in einzelnen Berufen und Regionen.

Die Wirtschaft ist alarmiert. „Unternehmen müssen schon Aufträge ablehnen, weil sie keine Fachleute dafür haben“, sagt Stefan Dietzfelbinger von der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Duisburg im Gespräch mit der Redaktion. Für die Wirtschaft sei Fachkräftemangel „das Thema schlechthin“. Allein am Niederrhein seien 850 Ausbildungsstellen unbesetzt.

Alexander Konrad, Sprecher der Handwerkskammer Düsseldorf, fordert eine „konzertierte Aktion“, wie bei den Lohnsprüngen in den 70-er Jahren: „Alle müssen sich zusammensetzen und überlegen, wie wir unsere Wirtschaft zukunftsfähig halten.“

Seit vier Jahren gibt es immer mehr freie Stellen

In NRW kommen der neuen Agenturanalyse zufolge auf 100 gemeldete Stellenangebote 321 arbeitslose Fachkräfte – 71 weniger als noch im Vorjahr. Schon seit etwa vier Jahren sei zu beobachten, dass die Zugänge an freien Arbeitsstellen rasant ansteigen, heißt es bei der Arbeitsagentur. Die Zahl der Erwerbslosen sank zuletzt binnen eines Jahres um 7,4%.

Die Analyse listet insgesamt 14 Berufsgruppen mit Engpässen auf:

  • Besonders schwierig ist die Lage bei examinierten Altenpflegern. In allen Landesteilen gibt es den Angaben nach starke Engpässe. Bis eine ausgeschriebene Stelle besetzt ist, vergehen 172 Tage (15 mehr als im Frühjahr 2018). Auf 100 Stellen kommen lediglich 44 Arbeitslose, mit sinkender Tendenz.
  • Neu auf der Liste sind Spezialisten für Automatisierungstechnik, etwa für Mechatronik. Stellen sind im Schnitt 158 Tage vakant, 36 Tage mehr als noch vor einem Jahr. Auf 100 Stellen kommen 97 Arbeitslose (-42). Besondere Engpässe sind im Ruhrgebiet belegt.
  • Der Bauboom lässt grüßen: Auch bei Fachkräften für Energietechnik, zu denen z. B. Bauelektriker gehören, zeigen sich erstmals Engpässe - diese sind allerdings nahezu landesweit stark ausgeprägt. 164 Stellen sind offen (+35 Tage), auf 100 Stellenangebote kommen nur 68 Arbeitslose (-35).
  • Kritisch ist die Lage auch bei den Fachkräften im Tiefbau. Hier geht es um Berufe wie Straßenbauer, Tiefbaufacharbeiter oder Kanalbauer. Stellen sind im Schnitt erst nach 178 Tagen besetzt (+40). Auf 100 Stellen kommen 94 arbeitslose Fachkräfte (-53). Besonders ausgeprägt ist der Engpass in Ostwestfalen-Lippe.
  • Probleme gibt es erstmals bei den Bodenverlegern, so wie den Fliesen- und Estrichlegern. Betroffen sind Südwestfalen und das Münsterland, allerdings noch mit geringen Fallzahlen. Die Vakanz-Zeit liegt bei 158 Tagen (+27 Tage), auf 100 Stellen kommen 145 Arbeitslose (-45)
  • Händeringend gesucht - und das nahezu landesweit - werden Fachkräfte

  • der Sanitär- und Heizungstechnik sowie der Kältetechnik. Lediglich im Bergischen Land sieht die Agentur keine Engpässe. Konkret geht es um Berufe wie Heizungsbauer, Kälteanlagenmechaniker oder Gas- und Wasserinstallateur. Stellenangebote sind im Schnitt 168 Tage offen (+34 Tage), auf 100 Stellen kommen nur 74 Arbeitslose.
  • Wenn Stellen für Meister und Techniker der Sanitär- und Heizungstechnik ausgeschrieben sind, warten Firmen im Schnitt 171 Tage auf eine Besetzung (+39 Tage). Auf 100 Stellen kommen 86 Arbeitslose (-4). Im Rheinland gibt es einen starken Engpass.
  • Einen starken Engpass gibt es im Rheinland auch bei IT-Anwendungsberatern. Auf 100 Stellen kommen landesweit 248 arbeitslose Fachkräfte (-36). Die Vakanzzeit liegt bei 168 Tagen (+23).
  • Stellen für Softwareentwickler sind im Schnitt sogar 183 Tage offen, nochmal 20 Tage mehr als vor Jahresfrist. Auf 100 Stellen kommen 90 Arbeitslose (-24). Große Probleme, Fachkräfte zu finden, gibt es im Rheinland und Ostwestfalen.
  • Bei Lokomotiv-Führern ist die Lage derart dramatisch, dass sich NRW-Bahnunternehmen kürzlich auf Maßnahmen u. a. gegen das Abwerben von Personal bei der Konkurrenz verständigt hatten. Auf 100 Stellen kommen lediglich 28 potenzielle Bewerber - und das „mit sinkender Tendenz“, wie die Analyse der Arbeitsagentur ausdrücklich festhält. Stellen sind im Schnitt 175 Tagen (-19) offen.
  • Viel zu wenig Bewerber - das ist auch das Problem bei examinierten Gesundheits- und Krankenpflegern. Auf 100 Stellen kommen lediglich 75 Arbeitslose. Im Rheinland und in Südwestfalen ist es besonders schwierig stellen, Kräfte zu finden. Stellen sind im Schnitt nach 150 Tagen besetzt.
  • Etwas besser ist die Lage bei Fachkinderkrankenschwestern und Hebammen. Die Suchdauer der Firmen liegt bei 145 Tagen (+12). Auf 100 Stellen kommen 83 Arbeitslose mit leicht sinkender Tendenz. Moderate Engpässe sieht die Arbeitsagentur im Rheinland und Südwestfalen.
  • Bei Physiotherapeutinnen sieht die Agentur ebenfalls einen moderaten Engpass. Auch hier gibt es nur sehr wenig potenzielle Bewerber - im Schnitt 47 Arbeitslose für 100 ausgeschriebene Stellen. Engpässe gibt es vor allem in der Landesmitte – etwa im Ruhrgebiet oder in Südwestfalen.
  • Moderate Engpässe gibt es bei der Suche nach Friseurmeistern in Südwestfalen, im Bergischen Land, im Münsterland und in Südwestfalen. Die Vakanz-Zeit beträgt landesweit 166 Tage, 27 mehr als vor einem Jahr. Auf 100 Stellen kommen 158 Arbeitslose.

Was also tun?

Arbeitsagentursprecher Löhr verweist auf neue gesetzliche Möglichkeiten, Geringqualifizierte in Betrieben zu Fachkräften weiterzubilden und Fachkräfte weiterzuqualifizieren. „Das Qualifizierungschancengesetz gibt seit Jahresbeginn die Möglichkeit, bei der Förderung sehr individuell auf die Bedürfnisse der Menschen, aber auch der Firmen einzugehen“, sagt Löhr. Bei der Arbeitsverwaltung hofft man, insbesondere kleinen und mittleren Betrieben helfen zu können. Löhr wirbt um etwas Mut: „Wichtig ist, dass man auch bereit ist, die neuen Chancen zu nützen.“

Chancen der dualen Ausbildung

IHK-Hauptgeschäftsführer Dietzfelbinger sieht Unternehmen und Politik gefordert. Kritisch sieht er, wenn immer mehr junge Leute an die Universitäten streben und Chancen einer dualen Ausbildung nicht sehen. Das wird auch von Alexander Konrad so gesehen: Das Handwerk wünscht sich dringend mehr Gymnasiasten als Nachwuchs. Schon jetzt gehe man intensiv auf Schulen zu, gestalte Unterricht mit und biete Tagespraktika an.

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