Anlagebetrug

LKA: Mit diesen Maschen ködern Betrüger Anleger im Internet

Anlagebetrug hat 2019 in NRW wieder zugenommen (Symbolbild), häufig spielte das Internet eine Rolle. Die meisten Schadenssummen lagen zwischen 2500 und 50.000 Euro.

Anlagebetrug hat 2019 in NRW wieder zugenommen (Symbolbild), häufig spielte das Internet eine Rolle. Die meisten Schadenssummen lagen zwischen 2500 und 50.000 Euro.

Foto: Monika Skolimowska / dpa

An Rhein und Ruhr.  Renditeverheißungen von 100, 200 oder mehr Prozent - am Ende aber droht Totalverlust. Die Täter gehen perfide vor.

Keine Rede vom möglichen Totalverlust, stattdessen: Renditeversprechen im zwei- oder gar dreistelligen Prozentbereich - und das Beschwören der besonderen Gelegenheit, die sich jetzt und nur jetzt biete. "Anleger werden vehement aufgefordert, sich sofort zu entscheiden, um die sich bietende einmalige Renditechance nicht zu verpassen", sagt ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes (LKA) auf Nachfrage der Redaktion.

Das böse Erwachen kommt später. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen registrierte im vergangenen Jahr wieder deutlich mehr Anlagebetrügereien - 356 Fälle, 155 mehr als im Vorjahr, Gesamtschaden rund 26 Millionen Euro. Das geht aus dem kürzlich veröffentlichten Lagebild Wirtschaftskriminalität hervor.

Eigens aufgebaute Internetseiten machen professionellen Eindruck

Die Fallzahlen schließen damit wieder zu denen früherer Jahre auf. Die Experten vom LKA vermuten einen Zusammenhang mit der anhaltenden Niedrigzinsphase. Diese lasse manchen Anleger wagemutiger werden, häufig im Internet gerate dieser dann an unseriöse Anbieter. "Der Neuzeit angepasst bieten Täter in betrügerischer Absicht Anlagemöglichkeiten übers Internet und die sozialen Medien an", so der LKA-Sprecher. Im Einzelfall würden extra Internetseiten aufgebaut, die einen professionellen Eindruck machen und Seriosität vorgaukeln.

Die Polizei im Kreis Höxter etwa hatte es im vergangenen Jahr mit mehreren Geschädigten zu tun, die fünfstellige Summen nach Litauen überwiesen hatten. Die Opfer hatten sich im Internet zuvor ins Kontaktformular einer Handelsplattform mit angeblichen Sitz auf Malta eingetragen. Eine "Mitarbeiterin" rief sie daraufhin an und warb - offenbar überzeugend - u. a. für Differenzgeschäfte (sogenannte CFDs zum Beispiel mit Aktien, Währungen oder Zinssätzen) und den Handel mit der Kryptowährung Bitcoin.

Zahlungsaufforderungen per Telefon oder Messangerdienst

Bizarr: "Entweder erhielten die Opfer telefonisch oder mittels Messanger-Dienst die Mitteilung, an welches Unternehmen unter welchem Verwendungszweck die jeweiligen Zahlungen zu leisten wären", berichtete die Polizei in Höxter damals. Durch vorgetäuschte Kursgewinne seien die Einlagen auf über 70.000 Euro gestiegen. Nur: Als sich die Opfer schließlich höhere Summen auszahlen lassen wollten, wurden sie erst vertröstet - dann brach der Kontakt komplett ab.

Ermittlungen der Polizei ergaben später, dass die Bankverbindung nach Litauen schon mehrfach im Zusammenhang mit Anlagebetrug aufgefallen war. Und vor der Firma mit angeblichem Sitz auf Malta wie auf vor ihren Betreibern mit angeblichem Sitz auf den Marshall-Inseln existierten Warnungen der Bankenaufsichten von Malta und Spanien.

Täter wollen häufig, dass Geld "nachgeschossen" wird

"Häufig versuchen Täter Anleger zum Nachschießen von Geldern in bestehenden Anlageprodukte zu bewegen", erklärte der LKA-Sprecher auf Nachfrage der Redaktion. Die Schadensummen lagen in den vergangenen fünf Jahren laut polizeilicher Kriminalstatistik im Einzelfall meist zwischen 2500 und 50.000 Euro. Fürs Jahr 2019 sind in der Statistik allerdings auch 92 Fälle mit Schäden von 50.000 Euro und mehr vermerkt.

Das freilich sind lediglich die der Polizei bekannten Fälle. "Es ist von einem nicht geringen Dunkelfeld auszugehen", betonte der LKA-Sprecher. Beispielsweise aus Scham vor ihren Angehörigen oder weil sie Schwarzgeld eingesetzt haben, verzichteten Opfer auf eine Strafanzeige. Das Landeskriminalamt freilich rät ausdrücklich dazu, im Verdachtsfall Anzeige zu erstatten - "ohne diese dem Betrüger gegenüber in irgendeiner Form zu erwähnen". Solche Warnungen oder Drohungen führten nur dazu, dass Täter sich absetzen oder Gelder beiseiteschaffen.

Keine Anlage tätigen, die man nicht verstanden hat

Die Aussichten der Opfer, Geld wieder zu erlangen, hängen laut LKA "vom konkreten Strafverfahren beziehungsweise dem individuellen Schadensfall und dem Verhalten der Geschädigten ab". Grundsätzlich gebe es zwei Möglichkeiten: Man habe die Möglichkeit, Schadensersatz vor Gericht im Zuge der Hauptverhandlung zu erlangen oder in späteren zivilrechtlichen Prozess Ansprüche auf das Vermögen des Täters geltend zu machen. Die Chancen sind den Angaben zufolge im ersten Fall "eingeschränkt" - sofern eine Vielzahl Geschädigter betroffen ist und beim Täter entsprechende Summen nicht gesichert werden können. Der zweite Weg ist aufwändiger, bedarf eines Anwalts und entstehende Kosten sind in der Regel vom Geschädigten zu tragen.

Wie kann man sich vor Anlagebetrug schützen? Grundsätzlich gilt: "Der beste Schutz ist, sich nicht durch Versprechungen oder künstlich erzeugten Zeitdruck zu einem vorgeblich rentablen Vertragsabschluss drängen zu lassen", rät der LKA-Sprecher. Zudem solle "niemand eine Anlage tätigen, die er nicht verstanden hat". Weitere Präventionstipps der Polizei in NRW gibt es hier. Ausdrücklich weist man beim Landeskriminalamt aber daraufhin, dass Täter teilweise auf sehr unterschiedliche Weise vorgehen.

Häufig droht Totalverlust des eingesetzten Kapitals

Anleger müssten sich umfassend über angebotene Anlageprodukte informieren. "Bei der Vielzahl der Betrugsmöglichkeiten gibt es leider kein Patenrezept", so der LKA-Sprecher. Hier eine Übersicht über einige gängige Maschen, freilich ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

- Handel mit wertlosen Penny Stocks
Kriminelle kaufen wertlose Firmenmäntel meist ausländischer Gesellschaften auf und bringen diese an die Börse. Die tatsächlich inaktive Firma wird Anlegern im Internet und durch unerlaubte Telefonwerbung angepriesen. Eine angebliche Firmengeschichte sowie -aktivität wird durch aufwändig gestaltete Internetpräsenzen sowie geschickt platzierte Berichte in einschlägigen Printmedien vorgetäuscht. Aufgrund der kurzfristigen, aber massiven Werbung kommt es zu einer vorübergehenden, tatsächlichen Nachfrage an der Börse, der Kurs steigt deutlich. "Nach wenigen Monaten werden die Aktien aber nicht mehr beworben, so dass es zu keiner weiteren Nachfrage und damit zu einem rapiden Preisverfall am Markt kommt", heißt es beim Landeskriminalamt. Anleger schauen in Röhre, häufig droht Totalverlust. Die Täter indes haben ihre eigenen Aktienpakete da schon längst mit hohem Kursgewinn abgestoßen.

- Handel mit Optionsscheinen
Die Täter lassen sich im Vorfeld von ihren teils mittels Kaltakquise geworbenen Kunden schriftlich den Kauf oder Verkauf von Optionsscheinen bestätigen. Das Risiko von Optionsgeschäften beschreiben sie zwar, aber verharmlosen es. Die Täter vermitteln bewusst den Eindruck, dass Gebühren nur einmalig pro Auftrag anfalle, und verheimlichen den Kunden ebenso bewusst, wie viele Optionsscheine und zu welchem Preis gekauft werden sollen. "Später erheben die Täter für jeden einzelnen Optionsschein eine überhöhte Kaufgebühr und zehren so das zur Verfügung gestellte Kapital auf", erklären die Experten vom LKA. Der Anleger gehe aufgrund der verheimlichten Gebührenberechnung sowie des ihm zuvor dargestellten Risikos von einem "normalen Spekulationsverlust" aus.

- Vorbörslicher Aktienverkauf
Kriminelle bieten Aktien ihrer eigenen Firma zu völlig überhöhten Preisen an. Sie geben vor, die Firma stünde kurz vor einem Börsengang, ein innovatives Projekt oder Produkt müsse bloß noch zur Marktreife gebracht werden. Durch den Aktienerwerb zu vergünstigten vorbörslichen Kursen erhöhe sich für den Anleger die Gewinnaussicht. "Anlegergelder werden jedoch ganz oder teilweise für die private Lebensführung der Täter verwendet und weder einer Rücklage noch dem angeblichen Firmenzweck zugeführt", erklären die Experten vom LKA. Der vermeintliche Börsengang verzögert sich immer wieder, von Seiten der Täter gibt es wohlklingende Erklärungen dafür. Es droht Totalverlust.

- diverse Anlagemodelle
Täter vermitteln interessierten Anlegern ein vorgeblich rentables Anlageprodukt - beispielsweise stille Beteiligungen an Unternehmen, Fonds, Sparplänen und Immobilien oder andere Anlageprodukte wie neu emittierte unseriöse Kryptowährungen. "Die beworbenen Produkte existieren häufig nicht, oder die tatsächlichen Renditen liegen weit hinter den Versprechungen", warnen die Fachleute vom Landeskriminalamt. Um Renditeverheißungen zu untermauern, generieren die Täter anfänglich "Gewinnausschüttungen" aus eingezahlten Geldern der Anleger. Später bleiben die Zahlungen aber aus. Kunden werden mit vorgeschobenen Entschuldigungen hingehalten, auch hier droht Totalverlust.

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