Geschenkt

Luft und Liebe und Literatur

Zugluft schadet nachweislich auch der Frisur.

Foto: Ingo Wagner

Zugluft schadet nachweislich auch der Frisur.

Frischluft wird überschätzt. Oft handelt es sich um künstlich erzeugte Zugluft mit üblen Nebenwirkungen. Und der Gesundheitsminister schweigt.

Jane Austen hätte mich verstanden. In den Romanen der Engländerin spielte die Gefahr der Zugluft eine tragende Rolle, da werden pausenlos Fenster geschlossen, wollene Tücher gereicht und älteren Damen die Plätze am Feuer angeboten. Mit der Erfindung der Antibiotika ist diese Fürsorge aus der Mode geraten. Leider...

Eisige Böen lauern überall, gerade drinnen. Die Kinder hatten uns Karten für einen „Poetry Slam“ geschenkt, einen Poesie-Wettstreit. Das sind krasswitzige Veranstaltungen, bei denen junge Menschen um die Wette dichten. So fanden wir uns in einem Kulturzentrum wieder. Schwarze Wände, karge Stühle. Wie früher, seufzte ich – nur dass zu unserer Zeit die Literaturveranstaltungen von verbiesterten Germanisten gestaltet wurden. Spaß war bloß erlaubt, wenn er von Shakespeare stammte. Vielleicht geht das Abendland ja doch nicht unter: Es gab Nachwuchs, der „Sprache“ nicht für eine Erfindung zur Befüllung von Whatsapp betrachtet, es gab frische Literatur und es gab noch kuschelige Kulturzentren. Ich lehnte mich wohlig zurück, als meinen Kopf etwas Gemeines traf. Luft!

Luft ist eine gute Sache, benimmt sich aber manchmal wie blaugefrorene Rasierklingen. Besonders wenn sie aus Lüftungsanlagen geschleudert wird. Ich habe nie verstanden, warum Menschen frostigen Wind aus elektrischen Gebläsen für „Frischluft“ halten. Meine Haare wehten, erinnerten mich an Cabrio-Touren, nach denen mein Nacken einrastete. Wirst du auch eiskalt gefönt?, flüsterte ich meinem Mann zu. Er zischte, mangels Haupthaar könne er das nicht beurteilen, seine Kopfhaut läge allerdings noch an.

Die Zugluft zielte auf meinen Hals, ich spürte ein Kratzen. Gleich wäre ich krank. Jane Austens zugige Pfarrhäuser waren mollig gegen diesen Windkanal. Merkte sonst keiner was? Morgen heulen wieder alle über die Grippewelle, dabei war’s nur die Lüftung. Ich legte mir einen Schal um den Kopf. Meine Tochter hob eine Augenbraue. Ich floh Richtung Eingang, setzte mich auf den Boden, weit weg vom Gebläse. Der Blick meiner Kinder sagte, dass sie mir nächstes Mal einen Bingo-Abend schenken würden.

Passend witzelte gerade die Frau auf der Bühne darüber, dass sie im Winter erstmals im kleinen Schwarzen ein Unterhemd getragen habe – folglich erwachsen geworden sei. Ich sehnte mich nach einer Angora-Stola – war folglich vergreist. Vielleicht sollte ich lieber im Ohrensessel an meiner Heizung traurige Prosa von depressiven deutschen Nachkriegsautoren lesen. Da huschte plötzlich mein Mann an meine Seite. Ihm sei kalt, die Schulter schmerze schon. Mir wurde sehr poetisch zumute. Bei Jane Austen finden zum Schluss ja auch immer die Richtigen zueinander.

Poetry-Slam, Eintritt, ab 8,50 €

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