Klimaproteste

Darüber streiten Fridays for Future und Junge Liberale

Jens Teutrine, Landesvorsitzender der Jungen Liberalen, und Samuel Nellessen von den Fridays For Future Düsseldorf und Niederrhein im Streitgespräch.

Jens Teutrine, Landesvorsitzender der Jungen Liberalen, und Samuel Nellessen von den Fridays For Future Düsseldorf und Niederrhein im Streitgespräch.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Essen.  Klimaschutz ja, aber wie? Dazu haben Fridays for Future und die Jungen Liberalen NRW ganz eigene Ansichten. Ein Streitgespräch beider Gruppen.

Eigentlich wollte Samuel Nellessen (18) mit dem Fahrrad zum Interview anreisen. Aber dann war die Strecke von Viersen nach Essen mit dem Zug doch schneller – und wohl auch bequemer. Der Friday for Future-Aktivist traf sich mit Jens Teutrine (25), Philosophie-Student und Landesvorsitzender der Jungen Liberalen in NRW (JuLis), der ebenfalls mit den Zug aus Düsseldorf anreiste, um im Vorfeld des Klimatages über die Bewegung, ihre Ziele und die Klimapolitik zu sprechen. Beide haben keinen Führerschein, was schon mal der Umwelt zugute kommt. Und zum Klimaschutz sagen beide: Ja. Aber da hört die Gemeinsamkeit dann auch schon auf.

Seit gut einem Jahr demonstrieren jeden Freitag Schüler für den Klimaschutz. Was hat Fridays for Future bislang erreicht?

Samuel Nellessen: Auf jeden Fall einen grünen Umschwung. Das Thema Klimaschutz hat andere Themen verdrängt, die Menschen hinterfragen ihr Konsumverhalten. Wir haben Einfluss auf die Politik.

Jens Teutrine: Wenn ich von außen auf die Bewegung schaue, kann ich das unterstreichen. Der Klimaschutz war das Thema bei der Europawahl. Allerdings hat man bei den Landtagswahlen im Osten gesehen, dass es dort eine weniger große Rolle gespielt hat. Parteiintern haben wir als Junge Liberale immer schon Klimapolitik diskutiert und auch Konzepte erarbeitet, allerdings zu selten nach Außen kommuniziert. Klimaschutz wurde nicht als das Thema Nummer 1 wahrgenommen. Und: Die Parteien müssen sich jetzt dem Wettbewerb um die besten Klimalösungen stellen.

Was sind für Sie die drei wichtigsten Klimaschutz-Ziele, die Friday for Future hat?

Samuel Nellessen: Eine CO2-Bepreisung, 180 Euro pro Tonne. Klimaneutralität und die Vollversorgung durch erneuerbare Energien bis 2035.

Gehen Sie mit den Zielen der Friday for Future Bewegung konform?

Jens Teutrine: Zum Teil. Zunächst: Auch wir JuLis bekennen uns klar zum Pariser Klimaschutzabkommen. Wir fordern ein Treibhauslimit mit handelbaren Klimascheinen. Wir wollen keine CO2-Steuer, damit Reiche sich nicht freikaufen können. Damit würde der CO2-Ausstoß auch nicht eingegrenzt. Zudem müssen wir schneller werden bei den erneuerbaren Energien. Es dauert viel zu lange, bis beispielsweise Stromtrassen gebaut werden. Die Menschen sagen ,Ja' zur Windkraft, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür. Die beiden großen CO2-Schleudern sind Strom und Gebäude, nicht der SUV. Und wir sind für Technologieoffenheit und eine marktwirtschaftliche Lösung der Klimaprobleme.

Wie lange wollen Sie für Ihre Ziele demonstrieren?

Samuel Nellessen: Wir streiken solange, bis die Politik handelt. Und streiken können Schüler nicht samstags. Sonst wäre es kein Streik.

Jens Teutrine wirft ein: Aber Fridays for Future-Teilnehmer streiken rechtlich gesehen gar nicht, sondern demonstrieren.

Herr Teutrine, Sie sagen: Wenn der Unterrichtsbetrieb nachhaltig eingeschränkt wird, ist die Verhältnismäßigkeit nicht mehr gegeben. Wie meinen Sie das?

Wer von einer Schulministerin verlangt, das Schulschwänzen zu legitimieren, macht sich unglaubwürdig. Wenn Schülerinnen und Schüler sich dazu entscheiden, die Schule zu schwänzen, dann müssen sie aber auch die Konsequenzen tragen. Das gehört zum zivilen Ungehorsam dazu.

Herr Nellessen, können Sie diese Haltung nachvollziehen?

Nein. Wir wollen Druck machen, das geht nur, wenn wir während der Schulzeit demonstrieren. Man muss Opfer bringen, um gehört zu werden. Wir zwingen niemanden zur Demo zu kommen und es kommen auch nicht jede Woche dieselben Schüler. Den Stoff, den man in der Schule verpasst, kann man nacharbeiten. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man in den zwei Stunden, die man bei Fridays for Future verbringt, viel lernt. Zum Beispiel an politischem Selbstbewusstsein. Ich weiß nicht, ob ich vor einem halben Jahr mit dem Vorsitzenden der Jungen Liberalen in so einem Gespräch diskutiert hätte.

Sie engagieren sich bewusst in einer Bewegung und nicht in einer Partei. Warum?

Ich will etwas bewegen. In den Parteien sind mir die Strukturen zu verkrustet. Man muss sich sehr lange engagieren, bis man im Stadtrat ist und mitsprechen kann. Ich schließe es nicht aus, dass ich einmal in eine Partei eintrete, schätze mich liberal ein, würde aber vielleicht zu den Grünen gehen. Aber jetzt nicht.

Herr Teutrine: Würden Sie mit demonstrieren, wenn es ein Samstag wäre?

Nein. Ich habe kein Problem mit der Bewegung, aber es sind nicht meine politischen Ansichten. Die Kapitalismuskritik der Bewegung geht mir zu weit und auch ihre Forderungen in der Verkehrspolitik, in der Autoverbote anklingen, sind nicht meine. Ich gehe durchaus auf Demonstrationen, war etwa beim Christopher Street Day. Es gibt vereinzelt JuLis, die bei Fridays for Future mitmachen.

Was tun Sie selbst für den Klimaschutz?

Samuel Nellessen: Ich fahre Rad, bin noch nie geflogen, will auch nicht fliegen, wenn es sich vermeiden lässt. Ich habe aus Überzeugung keinen Führerschein, kaufe das meiste gebraucht und hinterfrage den Konsum. Brauche ich das Teil wirklich? Aber es geht bei Fridays for Future nicht darum, dass jeder öko-radikal werden soll. Es geht darum, für Rahmenbedingungen zu demonstrieren, dass es sich jeder leisten kann, auch ökologischer zu leben.

Jens Teutrine: Ich fahre ÖPNV und kaufe auf dem Wochenmarkt regionale Produkte ein. Auch das Hinterfragen von Konsum nehme ich von Fridays for Future wahr.

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