Senioren und Computer

Computerspiele im Altenheim bremsen Demenz und Muskelschwund

Anneliese Busch kehrt mit 82 auf die Kegelbahn zurück. Das geht mit der MemoreBox, einem speziell für Pflegeheimbewohner entwickelten Trainingsprogramm.

Anneliese Busch kehrt mit 82 auf die Kegelbahn zurück. Das geht mit der MemoreBox, einem speziell für Pflegeheimbewohner entwickelten Trainingsprogramm.

Foto: Lars Heidrich

Düsseldorf.  Tanzen, Motorrad fahren, Kegeln – die fünf Senioren haben ein halbes Dutzend Spiele zur Auswahl. Das Zocken hält ihr Hirn fit, so die Entwickler.

Herbert Spiller ist der Hundertjährige, der im Rolli sitzt und Motorrad fährt. Zumindest virtuell. Und ehrlich gesagt: Das ist für ihn wie für andere Verkehrsteilnehmer auch ganz gut. In Wirklichkeit sitzt Spiller in seinem Rollstuhl vor einer großen Leinwand und einer Spielkonsole und versucht, das Motorrad auf der Bahn zu halten.

Nicht ganz einfach, denn die Maschine driftet immer mal wieder leicht nach links. Aber Spiller nimmt die richtige Abzweigung. Zu Beginn des Spiels hat man ihm gesagt: „Fahren Sie nach Wuppertal zur Schwebebahn!“ Jetzt ertönt die Fanfare, der Kandidat hat 90 Punkte und freut sich. „Würde ich sofort wieder machen“, sagt Spiller.

„Wenn es gelingt, das Motorrad zu steuern und sich das Ziel zu merken – das ist schon ein mittleres Erdbeben.“

Und genau auf diesen Effekt setzen die Entwickler des Spiels von „RetroBrain“ aus Berlin. „Einer unserer Gründer hatte selbst einen Fall von Demenz in seiner Familie“, erzählt Stev Klapschuweit. Letztendlich führte das zur Entwicklung der „MemoreBox“, die die Barmer nun in 100 Altenheimen deutschlandweit testet, 20 davon sind in NRW, darunter Häuser in Bocholt und Hamminkeln. „Wenn es einem Senioren gelingt, das Motorrad zu steuern und gleichzeitig auch noch während des Spiels im Kopf zu behalten, was sein Ziel ist und er dann richtig abbiegt – das ist schon ein mittleres neuronales Erdbeben im positiven Sinne.“

Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet von vier Hochschulen in Berlin und Hamburg. Und erste Untersuchungsergebnisse zeigen, was auch den Spielerinnen und Spielern hier im Stammhaus Kaiserswerth der Diakonie Düsseldorf anzumerken ist: Das Zocken macht Spaß. Und weil es Körper und Hirn fordert, hält es die alten Menschen länger fit, gibt ihnen im Idealfall sogar geistige und körperliche Beweglichkeit zurück.

Was dem Projekt sogar lobende Worte von Landesminister Andreas Pinkwart (FDP) einbringt. „Das Projekt zeigt, wie sich durch die Verbindung von innovativen und digitalen Ansätzen die Lebensqualität und die Lebenssituation von Menschen in Alten- und Pflegeheimen nachhaltig verbessern lässt.“

Das Altenheim der Diakonie wird die Station mit einem großen Bildschirm verknüpfen und zunächst mit fünf der 148 Personen an dem Projekt teilnehmen. Besonderes Plus der MemoreBox: Tischtennis, Tanzen und Singen sind Spiele, die sich nur gemeinsam spielen lassen. Das, so die Experten, fördert die Interaktion und das Gemeinschaftsgefühl und kann helfen, die Pflegekräfte zu entlasten. Und das Spielen weckt auch den Ehrgeiz.

So wie bei Anneliese Müller und Annemarie Busch. Die beiden Damen haben die MemoreBox erst gestern kennengelernt. Jetzt üben sie die Gestensteuerung. Arm nach rechts: die Box wandert durch das Spielemenü, das Tanzen, Singen, Briefe zustellen und einiges andere mehr anbietet. Bei Kegeln hebt Anneliese Müller den Arm. Bald schleudert die 82-Jährige ihren rechten Arm, so das vor ihr die Kugel über den Bildschirm auf rollt – und immerhin acht der neun Kegel abräumt. „Guter Wurf, gleich nochmal!“ kommentiert die Maschine.

„Beim Kegeln mit der Wii haben die alten Leute immer den Controller durchs Zimmer geworfen.“

„Die Box registriert, wie gut oder schlecht die alten Menschen zurechtkommen und passt sich vom Niveau her an“, erklärt Klapschuweit. „Sie versucht, die alten Leute einerseits immer zu fordern und andererseits sie keinesfalls zu frustrieren.“ Als bei Annemarie Busch die Kamera auf die Kegelversuche mit dem rechten Arm noch nicht reagieren will, macht eine virtuelle Figur auf der Leinwand die Bewegung noch einmal vor.

„Wichtig ist auch, dass die Box komplett ohne Zusatzgeräte steuerbar ist und die Menschen keinen Controller bedienen oder Knöpfe drücken müssen“, so Klaus Patzelt, Abteilungsleiter in dem Altenheim. „Beim Kegeln mit der Wii haben die alten Herrschaften immer den Controller durchs Zimmer geworfen.“

Für Heiner Beckmann, Landesgeschäftsführer der Barmer, die das Projekt aus ihrem mit 2,9 Millionen Euro jährlich gefüllten Präventionstopf finanziert, ist vor allem der spielerische Aspekt wichtig: „Der Spieltrieb des Menschen bleibt auch in hohem Alter erhalten. Das können wir nutzen, um die älteren Menschen zu aktivieren und gesundheitlich zu stabilisieren.“ Die Barmer will das Projekt möglichst landesweit ausrollen, für das Haus der Diakonie Düsseldorf ist es ebenfalls ein lohnendes Projekt. „Wenn die Menschen durch das Kegelspiel wieder eine höhere Beweglichkeit der Schultern erreichen, können wir die alten Menschen auch wieder auffordern, sich selbst anzukleiden.“

Er lobt auch das Design der Spiele: Die Kegelbahn sieht eben nicht nach amerikanischem Bowlingcenter aus, sondern eher nach dem Wirtshaus aus den 70er Jahren. Und auch das Moped, mit dem Herbert Spiller anfangs über die Autobahn knatterte, qualmt so heftig, dass es heutzutage keinen Abgastest mehr bestehen würde. Gut, dass Spillers Sonntagsfahrt nur virtuell ist.

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