Wolf

Autorin Radinger: „Wölfe wären wohl die besseren Menschen“

Autorin Elli H. Radinger spricht über die Faszination, die von Wölfen ausgeht.

Autorin Elli H. Radinger spricht über die Faszination, die von Wölfen ausgeht.

Foto: Tanja Askani

An Rhein und Ruhr.  Autorin Elli H. Radinger erforscht seit 30 Jahren wildlebende Wölfe. Sie sagt: „Wölfe lieben ihre Familie und würden alles für sie tun.“

In Märchen ist er der Böse, gleichzeitig aber geht von ihm eine scheinbar unbändige Faszination aus. Es gibt wohl kaum ein anderes Tier, dass die Menschen so sehr spaltet wie der Wolf. Elli H. Radinger erforscht seit 30 Jahren wildlebende Wölfe in Nordamerika, sie ist Herausgeberin des „Wolf Magazins“ und Autorin des Bestsellers „Die Weisheit der Wölfe“. Mit ihr haben wir darüber gesprochen, wieso der Wolf so sehr polarisiert und was die Menschen von ihm alles lernen können.

In den Sozialen Medien kursieren romantisierte Bilder vom Wolf und immer wieder sprechen Nutzer von ihrer großen Liebe zu dem Tier. Woher kommt eine solche Faszination?

Der Wolf steht bei vielen Menschen für das Wilde, Ungezähmte, für Natur pur. Mit dem Hund haben wir uns dieses „Wilde“ ins Haus geholt. Gleichzeitig aber können wir den Wolf nicht kontrollieren, so wie unsere Hunde. Das macht die Zwiespältigkeit aus, die wir beim Wolf empfinden.

Was begeistert Sie persönlich an dem Tier? Wie sind Sie zur Wolfsexpertin geworden?

Ich bin mit Hunden groß geworden. Sie sind mir vertraut. Und Wölfe haben mich schon immer fasziniert. Darum habe ich, als ich meinen Job als Rechtsanwältin aufgegeben hatte, eine Möglichkeit gesucht, mehr über den Wolf zu erfahren. Ich habe ein Verhaltensforschungspraktikum in einem amerikanischen Wolfsforschungsgehege absolviert und Wölfe in Gefangenschaft kennengelernt. Später habe ich in den USA und insbesondere im Yellowstone-Nationalpark wildlebende Wölfe beobachtet, insgesamt 30 Jahre lang.das müssen sie gelesen haben

Wie nah sind Sie einem Wolf bislang gekommen?

In Yellowstone sind die Wölfe mit Touristen vertraut. Hier hatte ich mehrere Nahbegegnungen, wo einzelne – meist neugierige, junge – Wölfe auf mich zugekommen sind und etwa zwei bis drei Meter von mir entfernt waren. In Deutschland habe ich leider noch gar keine Wölfe gesehen.

„Erstaunliches über das Tier, das dem Menschen am ähnlichsten ist“ lautet ein Untertitel Ihres Buches. Worin sind sich Mensch und Wolf so ähnlich?

In vielem, besonders in ihrem Familienleben. Wölfe lieben ihre Familie und würden alles für sie tun. Manche sterben sogar für sie.

„Wölfe wären wohl die besseren Menschen“, heißt es außerdem bei Ihnen. Was können Menschen von Wölfen lernen?

Ich habe bei meinen Beobachtungen vier „Wolfsregeln“ herausgestellt, nach denen auch ich lebe: Liebe deine Familie. Sorge für die, die dir anvertraut sind. Gib niemals auf. Hör nie auf zu spielen.

Während die Faszination für den Wolf unbestritten groß ist, wird er gleichzeitig in Märchen als Bösewicht dargestellt. Was ist aus Ihrer Sicht das beherrschende Vorurteil über den Wolf? Und hat das Auswirkungen auf die derzeit hitzige Diskussion um den Wolf?

Der Wolf polarisiert. Er ist uns fremd und macht uns Angst. Dies drückt sich auch in der Sprache aus: Ersetzen Sie das Wort „Wolf“ mit „Flüchtling oder Immigrant“, die Terminologie ist dieselbe: Brauchen wir nicht! Sollen zurückgehen, wo sie hergekommen sind! Früher ging es auch ohne sie! Alle Vorurteile, die wir Fremden gegenüber haben, manifestieren sich im Wolf. Ich fürchte, das wird sich bei bestimmten Bevölkerungsgruppen auch nicht ändern.

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Die Rückkehr des Wolfes beschäftigt vor allem die Landwirtschaft. Was antworten Sie Schafhaltern, die um Ihre Existenz fürchten?

Ich verstehe die Ängste und Befürchtungen der Schafhalter. Aber in Wolfsgebieten bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre Tiere zu schützen. Dazu gehören neben Elektrozäunen auch Herdenschutzhunde. Diese Maßnahmen haben sich als äußerst wirksam erwiesen. Die überwiegende Mehrzahl der Angriffe von Wölfen auf Schafe fand bei nicht oder schlecht geschützten Herden statt. Herdenschutz, der korrekt angewendet wird, funktioniert. Das ist Fakt. Schafhalter werden hierbei vom Staat unterstützt und gefördert. Dass das für manchen unbequem und aufwändig ist, ist auch verständlich, enthebt sie aber nicht ihrer Verantwortung. Wer seine Tiere wirklich liebt, hat die Verpflichtung, sie zu schützen – völlig unabhängig davon, was er persönlich vom Wolf hält.

Gibt es aus Ihrer Sicht „Problemwölfe“, die abgeschossen werden müssen?

Der Wolf steht unter strengem Artenschutz. Um einen Wolf als „Problemwolf“ zu definieren, gibt es gesetzliche Regeln, die in den Wolfsmanagementplänen festgelegt sind. Bisher haben nur sehr wenige Wölfe diese Kriterien erfüllt. Aus meiner persönlichen Erfahrung gibt es weniger „Problemwölfe“ als „Problemmenschen“, die beispielsweise Wölfe füttern oder ihre Nutztiere nicht wie vorgeschrieben schützen und somit zu einem problematischen Verhalten von einzelnen Wölfen führen. Einen Wolf allgemein als „Problemwolf“ zu bezeichnen und eine Reaktion darauf zu empfehlen, halte ich im höchsten Maße für unseriös.

Mensch und Wolf in Koexistenz? Was sagen Sie: Können wir mit dem Wolf leben?

Warum denn nicht? Menschen leben seit tausenden Jahren mit dem Wolf. Länder in Süd- und Osteuropa zeigen uns, dass es geht. Der Wolf wird bleiben, er gehört hierher. Er braucht keine Wildnis, sondern kommt als Kulturfolger auch gut in der Nähe von Ortschaften zurecht. Die meisten von uns werden nicht das Glück haben, jemals einen Wolf zu sehen. Er hat kein Interesse an uns und geht uns aus dem Weg. Alles was der Wolf will ist das, was auch wir wollen: In Ruhe und Frieden seine Familie großziehen. Gönnen wir ihm das.

Weitere Informationen zu Elli H. Radinger gibt es auf ihrer Website.

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