Handynutzung

Aufs Smartphone verzichten – für ein Konzert mit Mike Singer

Der Bildschirm bleibt dunkel: Jugendliche der 9. Klasse der Frida-Levy-Gesamtschule in Essen machen eine "Sendepause" auf Betreiben der AOK.

Der Bildschirm bleibt dunkel: Jugendliche der 9. Klasse der Frida-Levy-Gesamtschule in Essen machen eine "Sendepause" auf Betreiben der AOK.

Foto: Julia Tillmann / Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Die AOK will erreichen, dass Jugendliche ihr Smartphone bewusster nutzen. Deswegen hat sie die Aktion „Sendepause“ ins Leben gerufen.

Rund drei Stunden am Tag nutzt sie ihr Smartphone, schätzt Maike. „Für WhatsApp, für Spiele“, sagt die 15-Jährige aus der 9e der Frida-Levy-Gesamtschule. Ihr Mitschüler Sebastian, 15, schätzt, dass er rund sechs Stunden am Tag sein Handy nutzt. Vor allem, um Videos zu gucken auf Youtube.. Auch Danjasch nutzt sein Telefon häufig: „Videospiele, chatten und telefonieren“, sind seine Gründe.

Dass die Jugendlichen so genau wissen, was und wie viel sie ihr Smartphone nutzen, hat seine Gründe: Sie haben eine App installiert, die „Vigozone“ heißt, herausgegeben von der AOK, die damit zweierlei erreichen will: Erfahren, wieviel Jugendliche tatsächlich am Smartphone sitzen – und welche Risiken das womöglich birgt. Und zweitens: Den Jugendlichen die Handynutzung bewusst machen – und sie in Bewegung bringen. Nicht umsonst ist in die App gleich auch ein Schrittzähler integriert.

Kann das Smartphone zum Suchtfaktor werden? Erste Studien sagen: Ja

Aber das ist nur ein Nebeneffekt. Die Frage im Hintergrund ist: Kann das Smartphone zum Suchtfaktor werden. Im Grunde ist es ähnlich wie vor zwei oder drei Generationen: Meldet sie sich – oder meldet sie sich nicht? Oder er? Doch was früher ein Zettelchen unter der Schulbank oder das Klingeln des Wählscheibentelefons war, ist heute das Sirren oder Blinken des Smartphones: Ein Ereignis, das bei Jugendlichen intensive Glücksgefühle auslöst – und süchtig machen kann nach mehr.

Das hat eine Untersuchung der AOK ergeben, die sich mit den Auswirkungen der Handy-Nutzung bei Jugendlichen befasst. Auch eine Studie der Krankenkasse DAK gemeinsam mit der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf Anfang 2018 ermittelte bei 2,6 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren eine Abhängigkeit von sozialen Medien wie WhatsApp, Snapchat, Instagram und Facebook. In der Klasse 9e dieser Essener Gesamtschule ist rund die Hälfte der Klasse bei Facebook, ähnlich viele nutzen Snapchat. Instagram ist weiter verbreitet – und bei WhatsApp ist schlicht jeder.

Klar ist mittlerweile in der Forschung auch: Je länger die tägliche Nutzung desto größer der Suchtfaktor. Gefahren drohen vor allem, wenn das Smartphone die Jugendlichen nachts zu lange wach hält. Und wie wichtig das Handy als Alltagsbegleiter und Bindeglied zu Freunden ist, merken die Jugendlichen vor allem, wenn es mal nicht mehr da ist. Alia (15) beispielsweise berichtet voller Schrecken von ihrem letztjährigen Türkeiurlaub: Kein EU-Roaming, also hätte die Smartphone-Nutzung richtig Geld gekostet. Vier Wochen war sie quasi abgeschnitten von ihrer sozialen Umwelt: „Das war schon heftig“, sagt sie. „Aber es ging irgendwie auch.“

„Das Vibrieren, Piepen oder Leuchten des Smartphones löst bei den Nutzern sogar echte Glücksgefühle aus. Bekommt man eine Nachricht, wird im Körper das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet“, weiß Kristin Langer, Mediencoach bei der Initiative „Schau hin!“ aus Bonn, die die Auswertungen medienpädagogisch begleitet. Was leider umgekehrt auch bedeutet: Bleibt das Smartphone stumm, ist die Trauer groß.

„Jugendliche können ihre Smartphonenutzung regulieren, wenn sie dazu motiviert sind“

Dennoch ist Prof. Dr. Matthias Brand von der Universität Duisburg-Essen vom Nutzen der AOK-Aktion überzeugt: „Die Studie zeigt, dass es Jugendlichen möglich ist, ihre Smartphone-Nutzung einzuschränken bzw. selbst zu regulieren, wenn sie dazu motiviert sind.“ Die AOK sieht die Aktion als wirksames Instrument zur Vorbeugung von Online-Süchten. „Der #Sendepause-Wettbewerb soll Jugendlichen einen Anreiz geben, ihren Medienkonsum zu reflektieren“, sagt Rolf Buchwitz.

Messenger-Dienste wie Instagram oder WhatsApp sind dabei vor allem für Mädchen reizvoll: Sie verbringen deutlich mehr Zeit in sozialen Netzwerken als die Jungen, die das Smartphone eher für Spiele oder Youtube-Videos nutzen – und daher sogar noch mehr Zeit mit dem Smartphone verbringen. Bei den Extrem-Usern, die zwischen vier und acht Stunden am Tag am Smartphone aktiv sind, ist der Anteil der Jungen sogar doppelt so hoch. Und Dominik (15) räumt ein: Er kann das Smartphone manchmal stundenlang entspannt zur Seite legen – weil er mit seinen Freunden auch via Spielkonsole chatten kann. Und Youtube-Videos lassen sich auch auf anderen Geräten gucken.
Hinzu kommt: In dieser 9. Klasse der Gesamtschule haben sich gerade mal die Hälfte der Schülerinnen und Schüler zum Mitmachen verpflichtet. Und ab und an sollten die Jugendlichen sogar nach dem Willen von Klassenlehrerin Ivonne Wallmann aufs Smartphone gucken: Sie integriert das Smartphone auch immer wieder in den Unterricht – nur dann ist die Nutzung an der Schule erlaubt. Notfalls werden die Telefone einkassiert. Sie will den verantwortungsvollen Umgang mit den Geräten vermitteln – und nutzt auch alle Vorteile: Die komplette Klasse ist per Messenger-Dienst vernetzt. „Es gibt kein Instrument, mit dem ich so schnell und zuverlässig alle Schüler und Eltern erreiche“, sagt die 62-Jährige.

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