Energiegewinnung

Nach Erdbeben: Niederländer fordern Ende der Gasförderung

Demonstranten protestieren im August 2018 gegen die Gasförderung in der Region Groningen. In diesem Jahr hat bereits sechs Erdbeben in dem Gebiet gegeben.

Demonstranten protestieren im August 2018 gegen die Gasförderung in der Region Groningen. In diesem Jahr hat bereits sechs Erdbeben in dem Gebiet gegeben.

Foto: Reuters

Niederlande/Rhein und Ruhr.   Nach mehreren Erdbeben protestieren Menschen in der Region Groningen gegen die Gasförderung. Das beschäftigt auch den Niederrhein.

Bei den sonst so entspannten Niederländern liegen die Nerven in der Region Groningen blank: Die meisten Menschen liegen noch im Bett, als letzte Woche erneut die Erde bebte, bereits zum sechsten Mal dieses Jahr, aber heftiger als sonst. „Die Menschen sagen, dass es sich anfühlte, als ob ein Lastauto ins Haus krachte, sie fühlten einen Knall oder dachten, dass Einbrecher in die Wohnung kommen“, berichtet die Zentralstelle für Erdbebenschäden in Groningen. Bereits mehr als 900 Gebäudeschäden, oft Risse in Mauern oder beschädigte Decken, wurden binnen eines Tages nach dem Beben vom Mittwoch mit einer Stärke von 3,4 erfasst. Auslöser ist die Förderung von Erdgas, das von einem Segen zum Alptraum der Provinz wurde.

Dass eine drastische Reduzierung der Gasförderung nach einem ähnlich heftigen Beben in 2018 bereits beschlossen und eine Entschädigungsregelung für 100.000 gefährdete, beschädigte oder im Wert geminderte Häuser getroffen wurde, reicht den Menschen längst nicht mehr. „Tempo, Tempo, Tempo“, rufen aufgebrachte Anwohner Innenministerin Kajsa Ollongren und Wirtschaftsminister Eric Wiebes entgegen, als diese am Tag nach dem Beben in der Ortschaft Westerwijtwerd eintreffen, wo das Epizentrum lag. Hierzulande kennt man ähnlich heftige Bergsenkungen vom Steinkohleabbau, der Tausende Häuser, Straßen und Brücken beschädigte.

Ab 2020 wird L-Gas reduziert

Die „Energiewende“ in den Niederlanden beschäftigt den hiesigen Netzbetreiber Thyssengas: „Die Niederländer reduzieren ab 2020 die Exportmengen an L-Gas, daher müssen die bisher mit L-Gas versorgten Gebiete bis 2030 nach und nach mit importiertem H-Gas versorgt werden können“, sagt Philipp Behmer, Bereichsleiter Netzentwicklung und Assetmanagement bei Thyssengas. Für die Verbraucher bedeutet das: Jedes Gasverbrauchsgerät, etwa die Heizung im Keller des Hauses, muss geprüft und angepasst werden. Für den einzelnen Verbraucher sind damit keine zusätzlichen Kosten verbunden“, so Behmer.

Allerdings sei für die sichere Versorgung mit Gas in der Zukunft der zügige Ausbau der Gasleitung „Zeelink“ nötig, so Behmer. Man setzt also nicht mehr auf Groningen allein, sondern auf den Import von Gas etwa aus Norwegen oder aus Russland und auch als LNG aus Übersee. Diese neue Zeelink-Leitung ist ein Projekt mit einem Volumen von mehreren Hundert Millionen Euro. Die Leitung soll auch gut 200 Kilometer durch NRW verlaufen: von Aachen bis nach Legden bei Ahaus, dabei passiert „Zeelink“ Kommunen am Niederrhein. Genau hier gibt es Widerstand in der Bevölkerung. Auf ihren Druck hat der Hünxer Gemeinderat Klage gegen das Planfeststellungsverfahren eingereicht. Andere Städte wie Voerde verzichten indes darauf, weil man keine Aussicht auf Erfolg sieht. Die Bundesnetzagentur hat die Notwendigkeit dieses Projekts im Netzentwicklungsplan bestätigt.

Naturschützer: nicht nötig

„Die Sicherheit unseres Netzes steht für uns an erster Stelle. Wir kontrollieren kontinuierlich den Zustand der Leitung und überwachen unsere Trassen mit Helikoptern aus der Luft, damit sich zum Beispiel kein Baugerät unangemeldet den unterirdisch verlegten Rohren nähert“, erklärt Behmer. Die ersten Tests für eine Überwachung aus der Luft mithilfe von Drohnen sind angelaufen.

Gleichwohl weiß man bei Thyssengas, „dass es bei Diskussionen über Leitungsprojekte schwierig ist, gegen Gefühle anzukämpfen. Mit rein sachlichen Argumenten hat man es nicht immer leicht“, so Thyssengas-Sprecher Gerhard Hülsemann. Die Naturschutzorganisation BUND findet es sinnvoll, verstärkt auf Erdgas bei der Erzeugung von Strom und Wärme zu setzen. Die Naturschützer sehen aber nicht, dass dazu ein neues Gasnetz nötig ist. - Eine „Energiewende“ ist eben nicht leicht zu bewerkstelligen...

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Unerschöpflicher Reichtum lockte, als 1959 Erdgas im Landstrich unweit von Deutschland entdeckt wurde: Eines der größten Gasfelder der Welt, das die Niederlande nach Norwegen zum größten Erdgasproduzenten Europas machte. Der Staat verdiente binnen Jahrzehnten Milliarden – und stellte maximalen Gewinn vor die Sicherheit der Bevölkerung, wie der nationale Sicherheitsrat vor drei Jahren feststellte.

Was für Belastungen nun auf den Staat und die Bevölkerung zukommen, nahm König Willem-Alexander in der vergangenen Woche erst in Appingedam in Augenschein.

In einem Viertel dort werden von 462 betroffenen Häusern 64 saniert und die 398 übrigen abgerissen und auf Staatskosten durch Neubauten ersetzt. „Wenn alles fertig ist, dann haben wir hier ein erdgasfreies und grünes Wohnviertel, das luftiger ist als das bisherige Viertel“, verkündete die Regierung.

Die Empörung der Erdbebenopfer ist nachvollziehbar, aber auch der Umstieg auf erneuerbare Energien, den die Niederlande nun beschleunigt angehen müssen, löst örtlich gravierenden Protest aus.

Ein Unternehmen, das mit dem Bau eines Windparks mit 45 Windrädern in der Nachbarprovinz Drenthe beauftragt war, zog sich nach massiven Drohbriefen aus dem Millionen-Projekt zurück. „Alles, was Sie in 20 Jahren aufgebaut haben, werden wir sorgfältig zerstören“, kündigten Unbekannte an, die nach Vermutung der Polizei zur Einschüchterung auch Asbest an einer Baustelle der Firma abkippten. Auch andere Windparkbauer wurden bedroht. Eine TV-Fahndung verlief ergebnislos.

Wie viele Windräder demnächst im Flachland im Norden der Niederlande stehen, ist für die Beben-Betroffenen im Groninger Umland vorerst wohl zweitrangig.

Die Zentralstelle für Erdbebenschäden soll geöffnet bleiben, um alle Meldungen neuer oder größer gewordener Risse in Häusern aufzunehmen. Die Minister aus Den Haag versprachen binnen zwei Wochen einen Aktionsplan, um die Erdbebenproblematik schneller anzugehen.

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