Braunkohlestreit

Mit der Hebebühne zur Hängematte: Ein Tag im Hambacher Forst

Die Polizei räumte im Hambacher Forst Barrikaden und Baumhäuser.

Die Polizei räumte im Hambacher Forst Barrikaden und Baumhäuser.

Foto: Lars Heidrich

Hambacher Forst.   Die Polizei hat die ersten Baumhäuser im Hambacher Forst geräumt. Es bleibt dabei überwiegend friedlich, ein Polizist wird leicht verletzt.

Sie tönt ganz fröhlich, die Flöte. Eine junge Frau spielt die Melodie, oben in der Hängematte zwischen den Baumstämmen. Doch der Schein trügt. Sechs Meter unter ihr laufen schwer gepanzerte Polizisten durch den Hambacher Forst, ausgerüstet mit Helmen und Schilden. Die Baumstämme, an denen die Hängematte angebracht ist, sind abgesägt, Aktivisten haben aus ihnen eine Blockade gebaut, um einen Forstweg für Fahrzeuge zu versperren.

Die Polizisten sind gekommen, um die Frau aus ihrer Hängematte zu holen. Spezialeinheiten mit Klettergurt rücken an, ein Hubwagen fährt sie nach oben – und nach einiger Zeit kommen sie mit der Aktivistin zurück. Die Flöte ist jetzt verstummt, die Frau schreit gegen ihre Gewahrsamnahme an – vergeblich. Die Beamten tragen sie raus aus dem Wald, zu den Einsatzfahrzeugen. Dabei bleibt alles friedlich, niemand wird verletzt.

Es ist nur eine von vielen Szenen, die sich am Donnerstag in dem Waldgebiet in der Kölner Bucht abgespielt haben. Schon wieder ist die Polizei dort im Morgengrauen mit einem massiven Aufgebot angerückt, bis zu 2000 Polizisten sollen über den Tag im Einsatz gewesen sein.

Die Landesregierung macht ernst

Dieses Mal geht es um den ersten entscheidenden Schritt: Die Räumung der rund 50 Baumhäuser, die dort in den vergangenen Jahren von Klimaaktivisten errichtet worden sind. Ernst gemacht hat die Landesregierung, angeordnet ist der Einsatz vom Bauministerium, zuständig sind die Bauaufsichtsbehörden der Stadt Kerpen und des Landkreises Düren – die Polizei leistet nur Vollzugshilfe, wie es im schönsten Behördendeutsch heißt.

Also ist es um kurz nach acht am Morgen an den Beamten von Stadt und Kreis, klare Ansage an die Besetzer zu machen – die ausharren in ihren Häusern und verfolgen, was am Boden passiert. Unter massivem Polizeischutz geht es in den Wald, übers Megafon geben die Männer durch, was aus Düsseldorf veranlasst ist: „Es liegen schwerwiegende Verstöße gegen das Bauordnungsrechts vor“, schallt es in Richtung der ersten Barrikade auf einem Forstweg. „Die Baumhäuser wurden entgegen der einschlägigen brandschutzrechtlichen Vorschriften errichtet.“ Dreißig Minuten haben die Besetzer von nun an Zeit, dann sollen sie die Behausungen verlassen haben – oder es kommt zur Zwangsräumung durch die Polizei. „Bitte nehmen Sie ihre persönlichen Gegenstände mit.“

Angespannte Stimmung

Natürlich gibt keiner der Besetzer freiwillig seine Stellung auf. Die Stimmung ist angespannt. Bei der Polizei, bei den Baumbewohnern. „Ich habe das schon erlebt, angenehm ist das nicht“, sagt Aktivist Freddie, der sich in zehn Metern Höhe auf einem abgesägten Baumstamm verschanzt hat. Monopod, heißt dieses wacklige Konstrukt bei den Aktivisten. Ein Tripod, also eine besetzte Barrikade aus drei Baumstämmen, steht unmittelbar daneben. Ein junger Mann und eine junge Frau sitzen oben, mit Seilen sind die Konstruktionen miteinander und mit den umliegenden Bäumen verbunden. Für die Polizei sind Freddie und die beiden anderen an diesem Tag das erste Hindernis.

Polizei beginnt mit Räumung im Hambacher Forst

Aktivisten, die sich noch in den Baumhäusern befinden, wurden aufgefordert, die Häuser innerhalb von 30 Minuten zu verlassen. Sonst drohe die Zwangsräumung. Dieses Ultimatum ließen zahlreiche Baumbesetzer verstreichen.
Polizei beginnt mit Räumung im Hambacher Forst

Viele Stunden dauert allein diese Räumung. Die Polizei geht sehr behutsam vor, auf gar keinen Fall sollen Bilder von verletzten Umweltschützern um die Welt gehen, die einen Wald verteidigen. Damit die Hubwagen für die Klettereinheiten überhaupt in den Wald kommen, muss mit Baggern eine Barrikade aus Ästen weggeräumt, ein Loch verfüllt werden. Auch das macht den Einsatz zum mühsamen Geduldsspiel. Später rattern dann die Kettensägen, um den Weg in ein Baumhausdorf frei zu machen fürs schwere Geschütz. Bäume fallen. Die Grünen, die mit mehreren Landespolitikern im Wald unterwegs sind, kritisieren das. Die Polizei betont: Das sind keine Rodungen.

Am Mittag wird die Lage plötzlich hektisch

In Oaktown, der Eichenstadt ist die Stimmung am Vormittag noch entspannt. Polizei ist nicht da. Das Dörfchen gehört zu den größten, in mehreren Baumhäusern sieht man Aktivisten. Wie viele genau, das wollen sie nicht verraten. Eine von ihnen ist eine junge Frau, die sich „Faust“ nennt. Dick eingemummelt liest sie ein Buch. Der Regen tröpfelt. „Ich bin hier, weil ich diesen Wald gegen die Interessen eines Großkonzerns verteidigen möchte“, sagt sie. Erst vor ein paar Tagen ist sie nach Oaktown gezogen.

Am späten Mittag wird die Lage in der Eichenstadt plötzlich hektisch. Ein Landtagsabgeordneter der AfD taucht in dem Camp als parlamentarischer Beobachter auf, unter Buhrufen und lauten Gesängen schicken ihn die Bewohner weg. Die Polizei hatte dem Politiker zuvor ausdrücklich davon abgeraten, gerade in diesen Bereich des Waldes zu gehen. Kurz danach gibt er einem Fernsehsender ein Interview, als Vermummte aus dem Gebüsch stürmen und ihn mit Drohgebärden und lauten Schreien verjagen. Es fliegen einzelne Steine. Eine gezielte Provokation – von beiden Seiten.

Kein Ende in Sicht

Meistens bleibt es aber bei verbalen Auseinandersetzungen. Die Einsätze der Polizisten begleiten die Baumbewohner mit ihren Rufen: „Verpisst euch!“ oder: „Ihr müsst das nicht machen, wechselt doch einfach auf unserer Seite.“ Von einer Gewalteskalation kann keine Rede sein. Dennoch: Einige Chaoten werfen laut Polizei mit Molotowcocktails oder schießen mit Stahlkugeln. Ein Polizist wird leicht verletzt.

Was früh klar ist: In absehbarer Zeit wird keine Ruhe einkehren im Hambacher Forst. Knappe sieben Stunde brauchen die Einsatzkräfte am Donnerstag, um vielleicht 50 Meter gutzumachen. Zwei Baumhäuser sind am Abend geräumt – dazu einige Barrikaden, mehrere Menschen werden in Gewahrsam genommen. Profis, sind hier auf beiden Seiten am Werk, die Besetzer wissen, wie sie es ihren Gegnern richtig schwer machen können – und sie haben Ausdauer.

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