Hochwasser

Mit dem Deichgräf am Rhein auf Kontrolltour

Besuch bei Deichgräf Ingo Hülser (47) in Voerde-Ork am Deich des Hochwasser führenden Rheins.

Foto: Lars Heidrich

Besuch bei Deichgräf Ingo Hülser (47) in Voerde-Ork am Deich des Hochwasser führenden Rheins. Foto: Lars Heidrich

Voerde.   Ingo Hülser lenkt seit fast fünf Jahren die Geschicke des Deichverbands Mehrum. Wir haben ihn bei einer Fahrt über den Deich begleitet.

Von der Terrasse seines Hauses aus hat Ingo Hülser sein Ehrenamt direkt im Blick: Nur wenige Meter weiter beginnt der Deich, dahinter verläuft der Rhein. Die Sonne strahlt auf das schnell fließende Gewässer, und in der Ferne ist das stillgelegte Voerder Kraftwerk zu erkennen. Ein schönes Fleckchen Erde, aber nicht ganz ungefährlich. Deichgräf Ingo Hülser wohnt schon sein ganzes Leben so nah am Rhein, er ist mit ihm aufgewachsen und verwoben. „Der enge Bezug zum Wasser war immer da“, erzählt der 45-jährige Voerder. „Im Sommer ist der Fluss von der Terrasse aus hinter dem Deich kaum zu sehen. Das ist im Moment ganz anders.“

Bäume und Sträucher in Ufernähe sind überflutet, denn der Rhein führt seit Tagen Hochwasser. „Viel Wasser fließt derzeit, und eine ganz schöne trübe Brühe ist das“, meint Hülser. In Voerde sei die Lage aber längst nicht so ernst wie beispielsweise in Köln oder Düsseldorf, wo mobile Schutzwände benötigt würden. Trotzdem beobachtet der Deichgräf das Hochwasser in „seinem“ Deichverband ganz genau. Der reicht von Götterswickerhamm bis Spellen und schließt etwa 1000 Haushalte mit ein. Im Deichverband Mehrum sind alle Eigentümer von Grundstücken im Verbandsgebiet. „Viel Fläche und viel Deich, aber wenige Bewohner“, beschreibt Hülser das Gebiet während der Tour über den Deich.

Ingo Hülser ist in sein Amt hineingewachsen

In das Amt des Deichgräfen ist er sozusagen hineingewachsen. Direkt neben dem Haus, in dem er heute mit seiner Familie lebt, ist er auf dem elterlichen Bauernhof groß geworden. Inzwischen arbeitet er bei Siemens, doch die Landwirtschaft betreibt er noch heute im Nebenerwerb. Da, wo jetzt das Wasser steht, grasen im Sommer seine Kühe.

Der Hüter der Deiche

Ingo Hülser ist Deichgräf und damit in Voerde für den Hochwasserschutz und die Deiche verantwortlich.
Der Hüter der Deiche

Die Wahl auf ihn als Deichgräfen fiel, weil er bereits lange Zeit in den Gremien des Verbandes tätig war. „Außerdem bin ich durch mein Ratsmandat politisch gut vernetzt“, so Hülser, der Fraktionsvorsitzender der CDU im Voerder Stadtrat ist. Unterstützt durch die anderen Mitglieder des Vorstands, genannt Deichstuhl, nimmt er seit April 2013 vielfältige Aufgaben wahr. Deichgräf ist kein Beruf, sondern ein Ehrenamt. „Eins, das mir großen Spaß macht“, so Hülser. Es sei aber auch zeitintensiv, vergleichbar mit einer Geschäftsführertätigkeit. „Ich kümmere mich zum Beispiel um die Organisation der Deichsanierung und um die Deichunterhaltung“, erklärt Hülser.

Im Falle eines Hochwassers ruft der Deichgräf die verschiedenen Warnstufen aus. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, bei Hochwasser an der Böschung Äste, und Baumstämme herauszufischen, die die Grasnarbe beschädigen könnten, so dass Wasser auf der anderen Seite austreten könnte. „Das derzeitige Hochwasser ist aber nicht das höchste, das ich bisher erlebt habe“, so Hülser. 1997/1998 sei es dramatischer gewesen. „Aber auch damals waren alle Bewohner sicher“, meint der Deichgräf. Im Hochwasserschutz habe sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. „Die Deiche sind viel stabiler und komplexer aufgebaut als früher“, beschreibt der 45-Jährige. Es gebe eine vorgelegte Lehmschicht, auf die das Wasser zuerst prallt, dahinter befindet sich ein Stützkörper aus Sand und ein Filterkörper aus Kies und Sand. „Das funktioniert, die Menschen fühlen sich auch bei Hochwasser sicher hier, und die Häuser am Rhein sind begehrt“, meint der Deichgräf.

Ein Reh wurde schon gerettet

Viele Spaziergänger und Hobby-Fotografen sind gekommen, um das Hochwasser zu sehen und festzuhalten. Die Schiffe dürfen hier noch fahren, Tiere können hingegen schon mal in Not geraten. „Am Wochenende musste die Feuerwehr hier ein Reh aus den Fluten retten“, erzählt Hülser. Das verängstigte und unterkühlte Tier sei wohlbehalten wieder auf festen Boden gekommen. Bei solchen Einsätzen ist der Deichgräf ebenfalls vor Ort. Wenn der Pegel sinkt, fließe das Wasser übrigens recht schnell wieder ab. „Alle Flächen sind dem Rhein leicht zugeneigt, so dass es hier schon in einer Woche wieder ganz anders aussehen kann“, erklärt der Deichgräf. „Aber genau das macht dieses Ehrenamt auch so spannend.“

Am Niederrhein heißt es „Deichgräf“

Deichgraf (auch Deichvogt, Deichhauptmann) ist die Bezeichnung des Vorstehers eines genossenschaftlich organisierten Deichverbandes. Am Niederrhein ist die Form Deichgräf üblich.

Literarisch wurde der Deichgraf in Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ verewigt.

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